Erneut findet im thüringischen Themar ein Rechtsrock-Konzert statt. Dahinter stecken zwei lokale Neonazi-Größen: Der eine verkauft Shirts mit "HTLR"-Aufdruck, der andere baute eine rechtsextreme Website auf.

Es wird ein unruhiges Wochenende für die 2913 Einwohner der thüringischen Stadt Themar - schon wieder.

Bereits vor zwei Wochen reisten 6000 Neonazis in den Ort, feierten beim Festival "Rock gegen Überfremdung" mit "Sieg Heil"-Rufen und Hitlergruß.

Es war europaweit eines der größten Neonazi-Konzerte der vergangenen Jahre. 1000 Polizisten mussten die Veranstaltungen sichern.

46 Strafanzeigen nahmen die Beamten auf - wegen Bedrohung, Körperverletzung und Waffengesetz-Verstößen. Am Samstag soll das rechte Spektakel fortgesetzt werden.

"Sturmwehr" und "Frontalkraft"

"Rock für Identität" - so nennen die Veranstalter die rechte Zusammenkunft, bei dem Bands wie "Sturmgewehr" und "Frontalkraft" spielen sollen.

Zwischen 500 und 1000 Neonazis werden erwartet. Deutlich weniger als zuvor. Aber dennoch: Der Ort fühlt sich alleingelassen, die Landesregierung präsentiert sich machtlos.

"Wenn alles klug durchdacht gewesen wäre, wäre es so nicht gelaufen", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow einige Tage nach dem Neonazi-Treffen der "taz". Doch Lösungsvorschläge hatte auch der Landeschef nicht parat.

Dem ersten Konzert waren wochenlang juristische Auseinandersetzungen vorausgegangen. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob die Veranstaltung kommerziell oder politisch sei.

Schließlich nahmen die Veranstalter von den Besuchern eine "Spende" in Höhe von 35 Euro. Laut Ramelow soll das Versammlungsrecht nun präzisiert werden. Doch das dauert.

Und so geraten Stadt und Region bundesweit wegen ihrer Neonazi-Szene weiter in den Fokus.

Das liegt insbesondere daran, dass nur wenige Kilometer entfernt von Themar ein rechtes Netzwerk seinen Hauptsitz hat.

Zwei Personen ziehen bei den Konzerten die Fäden: Tommy Frenck und Patrick Schröder.

Schnitzel für 8,88 Euro

Am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, gibt es im Gasthaus von Tommy Frenck schon mal ein Schnitzel für 8,88 Euro.

Ein Zahlencode: Die 88 steht in rechtsextremen Kreisen als Abkürzung für HH - "Heil Hitler".

Der 30-jährige Frenck ist gelernter Koch und in der Region aufgewachsen. Vor drei Jahren hat er das Restaurant "Goldener Löwe" in Kloster Veßra für 80.000 Euro gekauft - Versuche der Gemeinde, den Kauf zu verhindern, scheiterten. Das Dorfgasthaus liegt keine drei Kilometer von Themar entfernt.

Das Restaurant hat Frenck, der für die NPD im Kreistag sitzt, seitdem zum Treffpunkt der rechten Szene aufgebaut. Wöchentlich veranstaltet er dort Konzerte oder andere Veranstaltungen.

Frenck meldete auch das Konzert vor zwei Wochen in Themar an. Die Wege sind kurz, die Kontakte einfach: Der Veranstaltungsort, eine Wiese, gehört einem früheren AfD-Politiker.

Tattoos verraten die Gesinnung

Aus seiner Gesinnung macht Frenck keinen Hehl, "Aryan", also "Arier", hat er sich über den Hals tätowieren lassen. 2007 gründete er den Fußballverein SV Germania Hildburghausen.

Der Kreissportverband erkannte den Verein nicht an, die Stadt kämpfte dagegen, dass der Klub Sportplätze nutzen konnte. Inzwischen existiert der Verein nicht mehr.

Der Koch präsentiert sich gerne als starker Mann: Auf Facebook zeigt er Bilder, die ihn beim Fitnesstraining zeigen, als Auto steht ein Hummer-Geländewagen vor der Tür, berichtet der MDR.

Auch mit der Justiz gab es schon Berührungspunkte: Vor mehr als acht Jahren musste sich Frenck wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten, wurde schuldig gesprochen.

Das Restaurant ist nicht die einzige Einnahmequelle für Frenck: In seinem Online-Shop "druck18" verkauft er Bettwäsche mit dem Aufdruck "Deutsches Reich", Kapuzenpullis mit der Aufschrift "Thügida" oder auch T-Shirts auf denen "HTLR" steht.

Zum MDR sagte Frenck: "Hitler ist ja verboten, weil Hitler Hitler ist. Und 'HTLR' heißt ja 'Heimat, Tradition, Loyalität und Respekt', das ist die Abkürzung dafür. Warum sollte man das verbieten?"

Der Denker und der Macher

Neben Frenck gibt es noch einen weiteren Organisator, er hat auch die Veranstaltung am Samstag angemeldet: Patrick Schröder, NPD-Mann aus der Oberpfalz. Die beiden kennen sich, haben schon häufiger Veranstaltungen wie diese geplant. Doch nicht nur das verbindet sie.

Der 1983 geborene Schröder verdient sein Geld ebenfalls mit einem Versandhandel für Nazi-Nippes, betreibt das Kleidungslabel "Ansgar Aryan". Szene-Beobachtern gilt Schröder mehr als der Denker, Frenck als Macher.

Schröder wurde vor Jahren vor allem wegen seines rechtsextremen Medienportals "FSN" bekannt, auf dem er Audio- und Videoinhalte verbreitete. In den Sendungen traten auch Ex-NPD-Bundeschef Udo Pastörs und der heutige NPD-Vorsitzende Frank Franz auf.

Dabei versuchte er, durch eine lockerere Sprache den Nachwuchs an die NPD heranzuführen - garniert mit harten Worten. Er "weiß sehr genau, wo die Grenzen hin zur Volksverhetzung sind", sagte einst der Sprecher des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz.

Schröder in rechter Szene umstritten

In der NPD-Hierarchie schaffte es Schröder weiter als Frenck, war zwischenzeitlich im Landesvorstand der bayerischen NPD. Doch er blieb bei den Rechtsextremen umstritten.

"Frenck gilt auch regional in Südthüringen als einflussreiche Figur der Neonazi-Szene", sagt Christoph Lammert, Sprecher der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen, "Mobit".

Schröder hingegen sei nicht so stark eingebunden, hatte nicht nur Freunde bei den Neonazis. Beide hätten aber durch ihren Versandhandel und Medienprojekte eine recht große Bedeutung für die bundesweite Szene, so Lammert.

Thüringen hat sich zum beliebten Ort für Rechtsrock-Konzerte entwickelt: 2011 gab es in Thüringen drei Konzerte mit rund 1600 Teilnehmern, im letzten Jahr nahmen rund 6500 Neonazis an insgesamt zwölf Rechtsrock-Konzerten teil.

Das geht aus einer kleinen Anfrage der Grünen hervor. Trotz der gut organisierten Musikszene gelten die Thüringer Neonazis aber als sehr zersplittert.

Ob das letzte Konzert mit rund 6000 Besuchern nun ein Erfolg der Rechten war, darüber ist sich die Szene indes nicht ganz einig.

Aus Sicht von Matthias Fischer, einem der Köpfe der rechtsextremen Organisation "der Dritte Weg", wurde zu viel gefeiert und zu wenig Politik gemacht.

Er poltert bei einem Internetauftritt: Sollte das Event "tatsächlich das letzte Bollwerk dieser Zeit im Kampf gegen Kapitalismus und Überfremdung in Deutschland und Europa sein, müssen wir feststellen, dass wir gelinde gesagt im Arsch sind."© SPIEGEL ONLINE