Das Pioneer Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Russland und Deutschland - seiner Geographie kann man nicht entkommen.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Gabor Steingart dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

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"die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen”, mahnt Außenministerin Annalena Baerbock. "Dieser Mann darf nicht bleiben”, gab Joe Biden vor dem Warschauer Stadtschloss als Ziel aus. Und auch der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck nutzte die gestrigen Feierlichkeiten zum Einheitstag, um eine Durchhalteparole an die Adresse seiner Landsleute auszugeben:

"Putin preist die Angst der Deutschen ein in seine Planung. Das ist ein Element seiner Kriegsführung. Wir brauchen eine klare Erkenntnis: Dass Angst kleine Augen macht, uns in die Flucht treibt. Und Flucht ist das, was wir uns nicht leisten können."

Wenn Kriege mit großen Vorsätzen und schmissigen Durchhalteparolen gewonnen würden, wäre die Ukraine schon längst von ihren russischen Invasoren befreit und Putin säße vor dem Kriegsverbrechertribunal. Aber so ist es nicht. Die Geschichte der Kriege ist immer auch eine Geschichte der hehren Vorsätze und ihres kläglichen Scheiterns. Gerade der Westen, auch wenn das niemand gern hören möchte, war nach 1945 vor allem im Scheitern groß:

  • Das von den USA 1953 erneut eingesetzte Regime des Schah von Persien hielt exakt 25 Jahre, bevor eine radikal muslimische Gruppe um Ajatollah Chomeini die Führung des Landes übernahm. Seither und bis heute ist der Iran eine islamische Republik, in der die Gesetze des Koran gelten und in der die religiöse Führung auch die politische Macht in den Händen hält. Das Land ist dem Westen entglitten.
  • "Unser Ziel ist nicht Frieden auf Kosten der Freiheit, sondern sowohl Frieden als auch Freiheit”, erklärte John F. Kennedy während der Kubakrise im Oktober 1962. Doch in Kuba gelang es unter John F. Kennedy nur durch die Drohung mit der Atombombe, die Sowjets von der Karibikinsel im Vorhof der USA fernzuhalten. Ansonsten sind alle Putschversuche der USA gescheitert und die Diktatur, die Fidel Castro errichtet hatte, hält bis heute. Das Land verarmte, die Revolutionäre wurden zu Unterdrückern und dennoch gibt es dort keine Machtperspektive für die USA.
Lyndon B. Johnson
  • Präsident Lyndon B. Johnson erklärte den US-Bürgern am 7. April 1965 den Militäreinsatz in Vietnam so:

"Wir tun dies, um die Aggression zu bremsen. Wir tun dies, um das Vertrauen des tapferen südvietnamesischen Volkes zu stärken. Und wir tun dies, um die Führer Nordvietnams – und alle, die ihre Eroberung teilen wollen – von einer einfachen Tatsache zu überzeugen: Wir werden nicht besiegt werden. Wir werden nicht müde werden. Wir werden uns nicht zurückziehen, weder offen noch unter dem Deckmantel eines sinnlosen Abkommens."


Das Ergebnis: In Vietnam haben die US-Streitkräfte 58.220 ihrer eigenen Soldaten tot auf dem Schlachtfeld zurückgelassen und konnten trotzdem keinen Sieg erzielen. Am 30. April 1975 flüchteten die letzten US-Amerikaner über das Dach der Botschaft in Saigon. Das Trauma wirkt bis heute nach.

  • Der von George W. Bush gestartete Irak Feldzug – begonnen mit dem Schlachtruf des "Regime Change” – endete zwar mit dem Tyrannenmord an Saddam Hussein, aber keineswegs mit der Einführung einer westlichen Demokratie. Die Amerikaner sind mittlerweile abgezogen und im Lande ringen rivalisierende politisch-religiöse Kräfte seit Monaten um die Macht. Das Regime der Unterdrückung blieb.
  • In Kabul das gleiche Spiel. Mit der Aussage, "am Hindukusch wird die Freiheit verteidigt", trieb der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck die Bundeswehr nach Asien. Ab Mai 2021 verließen die USA und ihre Verbündeten nach fast 20 Jahren der Besetzung Afghanistan.

Das Ergebnis ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten: Die westlichen Werte wurden mit dem Abzug unverzüglich suspendiert und die Steinzeit-Krieger triumphierten. Außer Spesen nichts gewesen. Der Afghanistan-Feldzug kostete die USA und ihre Verbündeten rund zwei Billionen US-Dollar.


Die Erfahrung der gescheiterten westlichen Interventions- und Befreiungskriege ermuntert uns nicht zur Kapitulation in der Ukraine, aber sie mahnt uns, den scheinbar so siegesgewissen Parolen der Politiker zu misstrauen. Für den dauerhaften Frieden braucht es mehr als schwere Waffen. Auch massive Militärbudgets bringen nicht automatisch das gewünschte Ergebnis. Frieden kann man nicht kaufen.

Deshalb sollte – parallel zur Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte – das Nachdenken über eine europäische Friedensordnung jetzt beginnen. Die Arbeitsteilung zwischen Militärs und Zivilisten kann nur so funktionieren: Die Militärs kämpfen ihre Schlacht – selbstverständlich auch mit schweren Waffen. Aber die Zivilisten Macron, von der Leyen, Scholz und Biden sind für das zivile Weiterleben am Tag danach zuständig.

Die Aussicht auf einen jahrzehntelangen europäischen Krieg um Stützpunkte, Hafenstädte und Energieleitungen ist keine beglückende Perspektive. Eine neue europäische Friedensordnung muss, so schwer das im Angesicht der aktuellen Vorfälle rund um die annektierten Provinzen Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja fällt, auch die Interessen der Russischen Föderation mitdenken.

Für Amerika ist Russland der ehemalige Systemrivale und heute ein ökonomisch schwacher und geographisch ferner Gegner. Für Deutschland war Russland nach der Implosion der Sowjetunion ein ökonomisch fruchtbarer Partner und ein naher Nachbar. Das eben unterscheidet die deutschen von den amerikanischen Interessen: Seiner Geographie kann man nicht entkommen.

Fazit: Die Lehre aus der Geschichte ist also eine doppelte: Deutschland darf die Ukraine nicht fallenlassen und muss dennoch über sie hinaus denken.

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in die verkürzte Arbeitswoche. Den Rest schaffen wir jetzt auch noch.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart

"The Pioneer Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.
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