Der Chef der russischen Söldnereinheit Wagner äußert sich erstmals öffentlich nach dem missglückten Aufstand vom Wochenende. Sein Aufenthaltsort ist weiter unklar. Die Bundesregierung will weitere Soldaten an die Nato-Ostflanke entsenden.

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In seiner ersten Wortmeldung nach dem missglückten Aufstand vom Wochenende hat der Chef der russischen Söldnergruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, dementiert, einen Machtwechsel in Moskau angestrebt zu haben. "Wir sind losgegangen, um Protest zu demonstrieren, nicht um die Obrigkeit im Land zu stürzen", sagte der 62-Jährige in einer Sprachnachricht, die am Montag von seinem Pressedienst auf Telegram verbreitet wurde. Angaben zu seinem aktuellen Aufenthaltsort machte Prigoschin nicht.

Die EU stellt derweil weitere 3,5 Milliarden Euro für die militärische Unterstützung der Ukraine und anderer Partnerländer zur Verfügung. Das beschlossen die EU-Außenminister in Luxemburg. Deutschland will die Ostflanke der Nato künftig mit zusätzlich 4000 Bundeswehr-Soldaten in Litauen verstärken. "Deutschland ist bereit, dauerhaft eine robuste Brigade in Litauen zu stationieren", kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bei einem Besuch in der litauischen Hauptstadt Vilnius an. Die ukrainische Gegenoffensive hat nach Einschätzung britischer Militärexperten im Umkreis der Stadt Bachmut an Dynamik gewonnen.

Söldner-Chef Prigoschin nach Aufstand: Kein Machtwechsel geplant

Prigoschin wiederholte am Montag seinen Vorwurf gegen das russische Verteidigungsministerium, am vergangenen Freitag Militärlager der Söldner beschossen zu haben. Dabei wurden nach seinen Angaben 30 Wagner-Kämpfer getötet. Dies sei zusätzlich zur vom Ministerium angestrebten Auflösung der Wagner-Truppe der Auslöser für den Marsch Richtung Moskau gewesen. Er räumte ein, dass der Vormarsch Opfer gefordert habe. "Während unseres Marsches wurde kein einziger Soldat auf dem Boden getötet. Wir bedauern, dass wir gezwungen waren, Flugobjekte abzuschießen - aber das deshalb, weil sie uns bombardiert haben", sagte er. Nach Berichten russischer Militärblogger wurden bei der Auseinandersetzung sechs Hubschrauber und ein Flugzeug der russischen Armee zerstört und deren Besatzungen getötet. Offiziell hat die russische Führung diese Verluste nicht eingestanden.

Wagner hat bis zuletzt eine bedeutende Rolle in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine gespielt, insbesondere bei der monatelangen Erstürmung der Stadt Bachmut. Nach Einschätzung von US-Experten wird die Privatarmee weiter zum Einsatz kommen.

Putin dankt Sicherheitsapparat für Gegenwehr bei bewaffnetem Aufstand

Kremlchef Wladimir Putin hat den russischen Sicherheitskräften und der Bevölkerung nach der Zerschlagung der Revolte der Privatarmee Wagner für ihren Rückhalt gedankt. "Ich danke allen Soldaten, Mitarbeitern der Geheimdienste, die sich den Aufständischen in den Weg gestellt haben", sagte Putin am Montag in einer im Staatsfernsehen übertragenen Rede. Auf seinen Befehl hin sei alles getan worden, um Blutvergießen zu verhindern. "Das hat Zeit gebraucht", sagte Putin. "Der bewaffnete Aufstand wäre auch so zerschlagen worden."

Er dankte auch dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko für die Vermittlung in dem Konflikt mit Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin. Sein Ex-Vertrauter Prigoschin hatte am Samstag den Marsch auf Moskau aufgegeben und soll in Belarus Zuflucht finden.

Putin bot den Wagner-Kämpfern an, in den russischen Streitkräften zu dienen. Jeder Versuch, in Russland Chaos zu stiften, sei zum Scheitern verurteilt, betonte der Präsident. "Die Organisatoren des Aufstands, die das Land verraten haben, haben auch diejenigen verraten, die auf ihrer Seite waren", sagte Putin.

Die EU stockt Gelder an Ukraine und andere Länder auf

Die Aufstockung der Finanzmittel für die Lieferung von Waffen und Ausrüstung an die Ukraine und andere Partnerländer um weitere 3,5 Milliarden Euro sei ein klares politisches Signal für das anhaltende Engagement der EU, sagte eine Sprecherin am Montag. Allein für Hilfen für die ukrainischen Streitkräfte wurden bis zuletzt rund 5,6 Milliarden Euro aus einem entsprechenden Topf freigegeben. Deutschland finanziert nach Angaben der Bundesregierung rund ein Viertel der Hilfen.

Ukraine reklamiert weitere Geländegewinne für sich

Von den 130 Quadratkilometern, die die ukrainische Armee eigenen Angaben zufolge seit Beginn ihrer Gegenoffensive vor etwa drei Wochen zurückerobert hat, seien allein in der vergangenen Woche 17 Quadratkilometer in der von Russland besetzten Region Saporischschja zurückerobert worden. Das teilte die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar am Montag auf Telegram mit. Das bislang befreite Gebiet entspricht damit in etwa der Größe der nordrhein-westfälischen Großstadt Krefeld. In den vergangenen sieben Tagen habe es in den Kampfgebieten über 250 Gefechte gegeben, sagte Maljar. "Weiter geht's", schrieb sie am Montag bei Telegram mit Blick auf die Einnahme des Ortes Riwnopil.

Deutschland will 4000 Soldaten nach Litauen schicken

Voraussetzung für die Stationierung von 4000 Bundeswehr-Soldaten in Litauen sei die Schaffung der notwendigen Infrastruktur zur Unterbringung der Mannschaften und Übungsmöglichkeiten, sagte Pistorius. Litauen will bis 2026 die entsprechende Infrastruktur fertigstellen. Berlin hatte im Juni 2022 zugesagt, eine Kampftruppen-Brigade für die Verteidigung Litauens im Fall eines Angriffs bereitzuhalten. Bisher war aber strittig, ob die Soldaten dauerhaft in Litauen stationiert werden sollen. Die Bundeswehr ist seit 2017 im litauischen Rukla präsent. Dort führt Deutschland einen Nato-Gefechtsverband mit etwa 1600 Soldaten, davon knapp die Hälfte aus der Bundeswehr.

London sieht bei russischem Militär kaum Reserven für die Front

Die ukrainischen Kräfte hätten sowohl an der nördlichen als auch an der südlichen Flanke Fortschritte gemacht, hieß es im täglichen Geheimdienstbericht zum Ukraine-Krieg des Verteidigungsministeriums in London am Montag. Insgesamt schätzen die Briten die russischen Kapazitäten, ihre Kräfte entlang der Hunderte Kilometer langen Frontlinie zu verstärken, als gering ein. Es gebe kaum Hinweise, dass Russland über irgendwelche nennenswerten Reserven an einsatzbereiten Bodentruppen verfüge, hieß es in der Mitteilung weiter.

47-Sekunden-Video von Russlands Verteidigungsminister Schoigu

Nach dem bewaffneten Wagner-Aufstand am vergangenen Wochenende hat Russlands Regierung erstmals Aufnahmen von Verteidigungsminister Sergej Schoigu veröffentlicht. Das 47 Sekunden lange Video ohne Ton, das Schoigu etwa in Beratungen mit anderen Militärs zeigt, soll bei einem Besuch im Kampfgebiet in der Ukraine aufgenommen worden sein, teilte das russische Verteidigungsministerium am Montag auf Telegram mit. Der Minister habe dort einen der vorderen Kommandopunkte besucht, hieß es. Unabhängig überprüfen ließ sich das nicht. Es wurden keine Angaben gemacht, von wann die Aufnahmen stammten.

Von Schoigu fehlte am Wochenende in der Öffentlichkeit jede Spur, nachdem Söldnerchef Prigoschin in der Nacht zum Samstag einen Aufstand begonnen und dabei etwa die südrussische Stadt Rostow am Don zwischenzeitlich besetzt hatte. Auch Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow äußerte sich in diesen chaotischen Stunden nicht.

Zahlreiche russische Raketen auf ukrainische Ziele abgefeuert

Russische Truppen haben in der zentralukrainischen Region Saporischschja eine Reihe von Angriffen mit unterschiedlichen Waffensystemen durchgeführt. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs vom Montag wurden unter anderem mindestens sechs modifizierte Flugabwehrraketen vom Typ S-300 eingesetzt. Daneben seien seit Sonntag 33 Luftangriffe und 45 Angriffe aus Mehrfachraketenwerfern registriert worden. "Infolge der russischen Terroranschläge wurden Zivilisten verletzt und Wohnhäuser, Geschäfts- und Verwaltungsgebäude sowie Privatfahrzeuge beschädigt", hieß es. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden. (br/dpa)

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