"The Pioneer Briefing" - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Joe Bidens Krieg.

Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es gibt Kämpfe, denen kann ein politischer Führer nicht ausweichen; und falls doch, dann nur um den Preis des eigenen Untergangs. Einen solchen Titanenkampf hat der amerikanische Präsident Joe Biden vor sich.

Das Drehbuch dazu wurde ihm von der Weltgeschichte überreicht, bisher kennt das Publikum nicht viel mehr als die Rollenbesetzung: Joe Biden ist der Gegenspieler von Wladimir Putin. Alle anderen, die sich jetzt auf der europäischen Bühne wichtig tun, sind nur Statisten.

Die politische Lebensleistung des Amerikaners wird am Ende daran bemessen, ob er den mittlerweile brutalisierten Mann in Moskau zur Strecke bringt. Das klingt archaisch, aber genau so ist es auch: Joe Biden, der in seinem langen politischen Leben immer die Diplomatie bevorzugte, hat keine andere Wahl, als diesen Gegenspieler nach allen Regeln der militärischen Kunst in die Knie zu zwingen.

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Was Hitler für Roosevelt war, ist Putin für Biden

Was Adolf Hitler für Franklin D. Roosevelt war, ist Putin für Biden. Der 46. Präsident befindet sich in einer sehr ähnlichen Duell-Situation wie Nummer 32. Sein Beraterteam steht vor drei vergleichbaren strategischen Fragestellungen wie der am Ende siegreiche amerikanische Weltkriegspräsident, der fünf Wochen nach Hitler ins Amt kam und 18 Tage vor Hitlers Selbstmord verstarb.

Wladimir Putin
  • 1. Wann sollen die USA militärisch selbst in das europäische Kampfgeschehen eingreifen und wie hoch ist dabei das Risiko der USA, vom Zuschauer zum Angegriffenen zu werden?
  • 2. Wie bringt man sein eigenes, kriegsmüdes Volk hinter sich? Wie also lässt sich Kriegsangst in Kriegsbegeisterung verwandeln?
  • 3. Was passiert, wenn nichts passiert? Kann sich Amerika die Enthaltsamkeit, also im ungünstigsten Fall den Sieg des Aggressors, leisten, ohne selbst seinen Status zu verlieren?

Die letzte Frage ist die am leichtesten zu beantwortende: Nein, Joe Biden kann sich nach dem Abzug aus Kabul den Fall von Kiew nicht leisten. Schon der Fall von Kabul, wiewohl von Trump vorbereitet, hat tiefe Spuren in Bidens Popularitätswerten hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind. Er war eben nicht der Herausforderer, der "defending champion", sondern der Hasenfuß, "the quitter". Die Amerikaner hassen es, in den Krieg zu ziehen. Aber noch mehr hassen sie es, wenn einer ihrer Kriege verloren geht.

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Joe Biden kann sich Apathie oder auch nur langes Zaudern schon deshalb nicht leisten, weil er im Grunde einen Zwei-Fronten-Krieg zu bestehen hat. Aus Moskau feuert Putin, aber zu Hause liegt Trump auf der Lauer.

Donald Trump 2020 vor dem Mount Rushmore

Nachdem Trump bei der letzten Präsidentschaftswahl zwar sieben Millionen Stimmen weniger als Biden holte, aber fast fünf Millionen mehr als Obama bei seinem Wahltriumph 2008 ist er wie besessen von dem Gedanken, das zu schaffen, was noch nie jemand in Amerika geschafft hat: Die Rückeroberung des Weißen Hauses nach einer Niederlage. Den apodiktischen Satz "they never come back" würde Trump gerne widerlegen. Seine Anhänger warten wie ein stehendes Heer auf den erneuten Einsatzbefehl.

Fazit: Joe Biden hat keine andere Wahl, als zum Kriegspräsidenten zu werden. So wie Obama für seine Wiederwahl 2012 den Kopfschuss auf Osama bin Laden brauchte (und ihn also anordnete), so braucht Biden den Skalp von Putin. Dieser europäische Krieg ist nun Bidens Krieg.

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart

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