Dass Pegida großen Zulauf bekommt, beschäftigt derzeit viele Politiker und Experten. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat eine Theorie für den Zulauf der Anti-Islam-Bewegung. Einen Grund sieht er in der demografischen Entwicklung Deutschlands. Historiker Heinrich August Winkler sieht sie eher im geschichtlichen Backround. Er macht das "Tal der Ahnungslosen" für Pegida verantwortlich.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sieht in der Alterung der deutschen Wohlstandsgesellschaft eine Ursache für das Erstarken der Anti-Islam-Bewegung Pegida. "Eine wachsende Zahl der Älteren ist heute mehr oder weniger frei von materiellen Sorgen, und darum machen sich manche eben andere Sorgen", sagte der CDU-Politiker dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Wieso die Bewegung in der sächsischen Hauptstadt so erfolgreich ist.

Immer wenn es den Menschen gut gehe, wollten sie festhalten an dem, was ihnen gefalle. "Und sie sind leichter ansprechbar für Populisten, die ihnen versprechen, alles könnte von nun an so bleiben, wie es ist", sagte Schäuble. Neu erscheine ihm, dass "solche Gruppen viel härter für ihre Interessen kämpfen und sich manchmal dabei auch nicht um demokratische Mehrheitsentscheidungen oder Gerichtsurteile scheren".

"Islam in Europa ist eine Herausforderung"

Für Schäuble gehört die Zuwanderung "zu einem weltoffenen, sich stetig wandelnden Deutschland dazu". Natürlich gebe es immer Kräfte, die eine Verweigerung von Gegenwart und Zukunft predigten. "Aber das ist doch irrational, wo bleibt denn da die Zuversicht in die Zukunft?"

Der Finanzminister sagte dem "Spiegel", der Islam in Europa sei eine Herausforderung. "Der freiheitliche Staat beruht in Deutschland und Europa auf dem Prinzip der weltanschaulichen Neutralität. Das ist eine abendländische Errungenschaft. Wir müssen dem Islam helfen, sich diese Errungenschaft zu eigen zu machen. Das ist ein Schlüssel für die hier lebenden Muslime, um sich besser einzupassen in die Maßstäbe der hiesigen Gesellschaften."

Fehlendes Westfernsehen für Pegida verantwortlich?

Der Historiker Heinrich August Winkler ("Der lange Weg nach Westen") hält dagegen den fehlenden Zugang zum Westfernsehen zu DDR-Zeiten für eine Ursache der islamfeindlichen Pegida-Proteste in Dresden. "Das sogenannte 'Tal der Ahnungslosen'. Das wirkt bis heute nach", sagte Winkler der "Wirtschaftswoche".

Die Bewegung sei besonders antiwestlich gestimmt und knüpfe an die deutschen Vorbehalte gegenüber der westlichen Demokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Damals sei ein starker Staat gewünscht gewesen, der Pluralismus dagegen verpönt. "An diese Denktradition, die ganz wesentlich zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hat, knüpfen die Initiatoren der Dresdner Demonstrationen an." Winkler ist emeritierter Professor der Humboldt-Universität zu Berlin. (far mit Material von dpa)