Chatprotokolle zeigen, wie sich ein ranghoher WHO-Funktionär brüstete, einen kritischen Report über sein Heimatland Italien sabotiert zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch was wusste WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus?

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Wie gut war Italien auf die Coronapandemie vorbereitet? Darüber wird in dem hart getroffenen Land seit Monaten diskutiert. Die Staatsanwaltschaft Bergamo ermittelt nun auch gegen Ranieri Guerra, einen der ranghöchsten Funktionäre der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der Verdacht: Falschaussage. Das geht aus einem internen Ermittlungsbericht hervor, der dem SPIEGEL vollständig vorliegt.

Guerra, der zuvor im italienischen Gesundheitsministerium tätig war, steht seit Längerem im Verdacht, einen kritischen Bericht über die Pandemiebekämpfung in seinem Heimatland sabotiert zu haben. Nun liegen der Staatsanwaltschaft Dokumente vor, in denen der 67-Jährige offen über seinen Einfluss spricht, Mitarbeiter beleidigt und auch WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus als angeblichen Mitwisser benennt.

Wegen mutmaßlicher Versäumnisse im Umgang mit der Coronakrise haben inzwischen Hunderte Hinterbliebene Anzeige erstattet, sie fordern Aufklärung und Schadensersatz. Die Staatsanwaltschaft in Bergamo, der vom Virus am härtesten betroffenen Region, ermittelt seit Längerem und hat dazu auch bereits führende Politiker wie den damaligen italienischen Premierminister Guiseppe Conte vernommen.

Im Blick der Ermittler steht nun jedoch auch die WHO. Anfang Mai 2020 hatte die Uno-Organisation einen Bericht veröffentlicht, der sich mit Erfahrungen und Problemen bei der Pandemiebekämpfung in Italien beschäftigte. Darin stand unter anderem, dass Italien seit 2006 regelmäßige Aktualisierungen der Pandemiepläne versäumt hatte. Doch innerhalb von 24 Stunden verschwand das Papier wieder aus der Öffentlichkeit.

WHO bestreitet Zensur der Experten

Die WHO hatte seit Bekanntwerden des Vorfalls bestritten, ihre Experten zensiert zu haben. Grund für den beispiellosen Vorgang seien allein inhaltliche Fehler des zuständigen Büros in Venedig und neue Vorgaben. Auch seien Absprachen nicht beachtet worden. Schon damals zeigten interne Mails, die dem SPIEGEL ebenfalls vorliegen, jedoch, wie massiv die Autoren des Berichts unter Druck gesetzt worden waren, um die veralteten Pandemiepläne zu verschweigen. Im Mittelpunkt schon damals: der damalige WHO-Vizedirektor Ranieri Guerra, der sich dazu mehrfach beim Hauptautor per E-Mail gemeldet hatte.

Guerra selbst schien sich seiner Machtposition und Unverwundbarkeit sehr sicher gewesen zu sein. Der italienische Spitzenfunktionär der Weltgesundheitsorganisation war bis 2017 selbst im italienischen Gesundheitsministerium tätig. Zu seinem Aufgabenbereich damals gehörte auch die Überarbeitung von Pandemieplänen, was offenbar nicht wie vorgesehen geschah.

Zu Beginn der Coronapandemie im vergangenen Jahr schickte die WHO Guerra zurück nach Rom, damit er dort an seiner alten Wirkungsstätte den Austausch mit den italienischen Gesundheitsbehörden koordiniert. Mitarbeiter sagen, dass es vor allem darum ging, Italien in der historischen Krise zu helfen.

Die nun vorliegenden Dokumente zeigen, dass Guerra diese Aufgabe möglicherweise zu wörtlich verstand.

Kurz nach Veröffentlichung des für Italien peinlichen WHO-Berichts am 13. Mai begann der Funktionär Guerra demnach einen intensiven Chat mit Silvio Brusaferro, dem Präsidenten von Italiens oberstem Gesundheitsinstitut ISS. Brusaferro gilt durch seine Position als wichtige Figur in der Pandemiebekämpfung und ist zudem Sprecher eines Expertenkomitees im Gesundheitsministerium.

Offenbar fühlte sich Guerra ihm gegenüber stärker verpflichtet als seinen eigenen Mitarbeitern. In einem privaten Chat über den für Italien peinlichen WHO-Bericht versicherte der WHO-Vize: "Ich habe eine Entschuldigung an den Minister geschickt und Sie in CC gesetzt." Über seine eigenen Mitarbeiter sagte er: "Ich war brutal mit den Idioten in Venedig" und "Ich hoffe, dass einige der unbelehrbaren Köpfe rollen werden". An einer anderen Stelle versetzt sich Guerra in die Rolle des italienischen Gesundheitsministers. Er schreibt: "Wenn ich der Minister wäre, würde ich uns alle zur Hölle schicken."

Die drastischen Sätze sollten offenbar zeigen, wie entschlossen sich Guerra um das Ansehen seines Heimatlandes kümmerte. Ein Anliegen, das eigentlich nicht zu seinem Aufgabenbereich gehört.

WHO-Mitarbeiter genießen diplomatische Immunität

Qua Amt genießen die WHO-Mitarbeiter diplomatische Immunität, sie sollen wissenschaftlich und seriös arbeiten können. Doch die weltweit so wichtige Uno-Organisation ist gleichzeitig abhängig von den Zuwendungen der Mitgliedsländer, ein Dilemma, das seit Jahren für Diskussionen und Kritik sorgt. Auch bei der Untersuchung des Pandemie-Ursprungs in China hieß es immer wieder, die WHO stehe ihren großen Geldgebern manchmal näher als ihren Kernaufgaben.

Wie ernst die Führungsspitze der Organisation die Interessen von Mitgliedsländern bisweilen womöglich nimmt, zeigt eine weitere Nachricht von Guerra an Brusaferro. Darin erklärt er freimütig, wie der Bericht angeblich aus der Öffentlichkeit verschwand: "Ich bin schließlich zu Tedros gegangen und habe das Dokument zurückziehen lassen. Jetzt überprüfe ich ein paar Seiten und Social-Media-Portale, auf denen es noch sein könnte, um alle Kanäle zu schließen."

Tedros ist der Rufname von Tedros Adhanom Ghebreyesus, dem Generaldirektor der WHO.

Sollten die Chat-Nachrichten stimmen, hätte sich der WHO-Chef persönlich dafür eingesetzt, eine kritische Publikation seiner Mitarbeiter verschwinden zu lassen. Die WHO streitet das ab. Sollte Guerra die Unwahrheit gesagt haben, würde dies die Frage aufwerfen, weshalb ein ranghoher WHO-Vertreter so leichtfertig die Reputation seiner Institution aufs Spiel setzt.

Die Darstellung, der WHO-Chef habe nichts vom Vorgehen seines Vize-Direktors gewusst, scheint jedenfalls zunehmend unwahrscheinlich: Laut einem Reisebericht, der dem SPIEGEL und dem italienischen Fernsehmagazin RAI Report vorliegt, hat Guerra den WHO-Chef bereits am 25. Mai 2020 über den zurückgezogenen Report informiert. Das Dokument solle so überarbeitet werden, heißt es darin, dass es nach Absprache mit der italienischen Regierung "voll akzeptiert" werde.

Guerras neues Amt des "Special advisors"

Als italienische Medien vor wenigen Tagen über den Fall berichteten, teilte die WHO überraschend mit, dass Guerra nicht mehr Vize-Direktor der Organisation sei, sondern "Special advisor". Wie es dazu kam und in welchem Zusammenhang die neue Position mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bergamo steht, lässt sie bislang unbeantwortet. Sein Rang sei von der neuen Position unbeeinträchtigt, heißt es lediglich.

Dass nun gegen ihn ermittelt wird, liegt maßgeblich an Guerra selbst. Er hatte sich den Ermittlern im Herbst trotz Uno-Immunität als Zeuge zur Verfügung gestellt. Offenbar standen die Angaben des 67-Jährigen so sehr im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft, dass diese misstrauisch wurde. In dem internen Bericht, der dem SPIEGEL vorliegt, geht es auf vier von acht Seiten praktisch nur um die Nachrichten Guerras, die im Rahmen der Ermittlungen sichergestellt wurden und nun gegen ihn verwendet werden. Mit dem Dokument wollen die Ermittler erreichen, dass das italienische Außenministerium die WHO zur Kooperation bewegt.

Auch hierzu will sich die WHO bislang nicht äußern. Bei den Chats von Ranieri Guerra handele sich um "private Kommunikation zwischen zwei Personen" die auf WhatsApp stattgefunden habe, heißt es. Ein Detail, das nicht einmal im Ermittlungsbericht steht.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Aufarbeitung der Pandemie-Vorbereitungen Guerra schlecht dastehen lassen. In E-Mails, die dem SPIEGEL vorliegen, lässt sich nachvollziehen, wie er und weitere WHO-Funktionäre im vergangenen Jahr auf den heiklen Bericht reagierten. Noch vor Veröffentlichung schrieb Guerra dem Hauptautoren Francesco Zambon damals, er solle die Jahreszahl 2006 wieder entfernen, um zu verschleiern, dass der Pandemiebericht seither nicht aktualisiert worden war: "Versau das nicht!" Zambon erinnert sich, damals auch angerufen und noch weitaus deutlicher bedrängt worden zu sein. Er hat die WHO kürzlich im Streit verlassen.

Bevor die Affäre endgültig eskalierte, versuchte die Weltgesundheitsorganisation Zambon nach SPIEGEL-Informationen auf einen anderen Posten zu setzen – in Bulgarien, einem Land, dass dem italienischen Gesundheitsexperten praktisch unbekannt war. Aus seiner Sicht war es ein klarer Versuch, ihn als mutmaßlichen Whistleblower und Zeugen mundtot zu machen. In seiner Verzweiflung schrieb Zambon damals auch WHO-Chef Tedros direkt. Er erhielt, sagt er, bis heute keine Antwort.  © DER SPIEGEL