Die Offensive des türkischen Militärs in Syrien stockt. Gleichzeitig wird die Kriegsrhetorik in Ankara schriller, das zeigte ein Auftritt Präsident Erdogans mit einem kleinen Mädchen in Soldatenuniform.

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Es läuft nicht gut für die Türkei in Syrien. Die Offensive gegen die kurdische Miliz YPG in der Provinz Afrin stockt. Die türkischen Soldaten sind bislang kaum über die türkisch-syrische Grenze hinausgekommen.

Seit Kriegsbeginn Mitte Januar sind nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen mindestens 150 Zivilisten gestorben. Die Intervention des Assad-Regimes verkompliziert den Einsatz weiter.

Je größer die Probleme werden, desto schriller wird die Kriegsrhetorik von Recep Tayyip Erdogan: Der türkische Präsident droht damit, Afrin-Stadt zu belagern, die "Terroristen zu vernichten" und US-Soldaten, die mit der YPG in Syrien kooperieren, anzugreifen. "Wer sich uns in den Weg stellt, wird hinweggefegt", sagt er.

Wie wenig Skrupel Erdogan bei seinem Werben für den Kriegseinsatz hat, zeigte sich am vergangenen Samstag bei einer AKP-Wahlkampfveranstaltung in der Stadt Kahramanmaras, im Südosten der Türkei.

Der Präsident holte ein weinendes Mädchen in Militäruniform auf die Bühne. "Seht her, wir haben Bordo Bereliler (türkische Spezialeinheiten) hier", sagte er. "Aber Bordo Bereliler weinen doch nicht."

"Man wird sie mit der Fahne zudecken"

Dann wandte sich Erdogan an das Publikum: "Wenn sie als Märtyrer fällt, dann wird man sie - so Gott will - mit der Fahne zudecken. Es ist alles bereit." Er beugte sich zu dem Mädchen: "Sie ist zu allem bereit. Nicht wahr?" Das Mädchen sagte leise: "Ja."

Recep Tayyip Erdogan und ein weinendes Mädchen in Soldatenuniform.

In "normalen" Zeiten hätte die Instrumentalisierung eines Kindes für Kriegszwecke Verwirrung und Abscheu hervorgerufen.

Doch die Zeiten sind in der Türkei alles andere als "normal": Seit dem Einmarsch türkischer Truppen in Afrin Mitte Januar hat eine regelrechte Kriegseuphorie die türkische Gesellschaft erfasst.

Im Fernsehen laufen Bilder der "Operation Olivenzweig" in Dauerschleife. Die Istanbuler Fußballvereine, Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas, twittern Lobeshymnen auf ihre Soldaten: "Wir sind an der Seite unserer türkischen Streitkräfte". In Ankara bieten Industrielle ihren Arbeitern Urlaub an, damit diese an den Kämpfen teilnehmen können.

Erdogans Aufritt in Kahramanmaras sorgt in der Türkei kaum für Empörung. "Boss! Bring uns nach Afrin!", brüllten die Zuschauer.

Der Oppositionspolitiker Devlet Bahceli, dessen Partei, die rechtsextreme MHP, gerade eine Allianz mit der AKP eingegangen ist, prahlte damit, er sei bereit, für die Türkei in Afrin zu sterben.

Nur einige wenige Journalisten wagen es, den Vorfall in Kahramanmaras zu kritisieren. "Krank und widerlich", schrieb etwa die Reporterin Asli Sevindim auf Twitter.

Die Regierung in Ankara blendet schlechte Nachrichten schlicht aus. Vizepremier Bekir Bozdag behauptet, Zivilisten wären von dem Militäreinsatz nicht betroffen. "Keinem hat auch nur die Nase geblutet."

Kriegsgegner werden mundtot gemacht. Seit Beginn der "Operation Olivenzweig" wurden 786 Menschen wegen vermeintlicher "Terrorpropaganda" festgesetzt.

In türkischen Medien ist von Rückschlägen so gut wie nichts zu lesen. Und so unterstützen laut Umfragen nach wie vor neun von zehn Türken den Einsatz in Afrin.  © SPIEGEL ONLINE

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