Mehrfach sind in Syriens Bürgerkrieg Gebiete mit Giftgas angegriffen worden. Internationale Experten machten den IS und die Regierung verantwortlich. Auch im neuen Fall fällt der Verdacht auf die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und des verbündeten Russlands - zumal es begründete Zweifel an russischen Aussagen gibt.

Giftgas hat in der von Rebellen kontrollierten Stadt Chan Scheichun Dutzende Menschen getötet und verletzt. Aktivisten werfen der Regierung in Damaskus einen Luftangriff mit Chemiewaffen vor.

Russland erklärte hingegen, syrische Jets hätten in der Stadt ein Chemiewaffenlager der Rebellen ins Visier genommen.

Sind die Menschen in Chan Scheichun Opfer von Giftgas geworden?

Daran besteht kein Zweifel. Zahlreiche Videoaufnahmen und Bilder aus unterschiedlichen Quellen zeigen Opfer, die unter den Folgen von Giftgas leiden.

Zu sehen sind etwa Menschen, die reglos oder zitternd auf der Straße liegen und von Helfern mit Wasser abgespritzt werden.

Sanktionen gegen Syrien werden in der Resolution aber lediglich angedroht.

Die Opfer weisen keine anderen äußerlichen Verletzungen auf. Nervenkampfstoffe führen bei den Opfern typischerweise zu fortschreitenden Lähmungserscheinungen am gesamten Körper. Die Opfer sterben bei einem tödlichen Verlauf an Atem- oder Herzstillstand.

Außerdem gibt es Aussagen von Einwohnern, Rettungshelfern und Ärzten. Autopsien von Opfern des mutmaßlichen Giftgasangriffs in Syrien bestätigten nach Darstellung der türkischen Regierung ebenfalls den Einsatz von Chemiewaffen. An drei Leichen seien Untersuchungen durchgeführt worden.

War Chan Scheichun Ziel eines Angriffs der syrischen Luftwaffe?

Syrische Jets fliegen trotz eines Waffenstillstandes weiterhin regelmäßig Angriffe gegen Gegner der Regierung. Damaskus argumentiert, sie bombardierten Extremisten, die von der Waffenruhe ausgenommen sind.

Aktivisten berichteten am Dienstagmorgen übereinstimmend von Luftangriffen auf Chan Scheichun.

Hat Syriens Luftwaffe dabei Giftgas benutzt?

Diese Frage lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht endgültig beantworten. Allerdings fällt der Verdacht zuerst auf die syrische Regierung, weil sie verschiedenen Organisationen zufolge bereits in der Vergangenheit Chemiewaffen eingesetzt hat.

Zu diesem Schluss kommen unter anderem Ermittler des UN-Menschenrechtsrates. Sie berichteten im vergangenen Monat, dass Regierungskräfte im Bürgerkrieg mehrfach Rebellengebiete mit Chlorgas bombardiert hätten.

Nach einer Reihe von Untersuchungen stellte auch die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) in ihrem jüngsten Bericht von Ende 2016 fest, dass sowohl die syrische Armee als auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Chemiewaffen eingesetzt beziehungsweise giftige Chemikalien wie Chlor als Waffe missbraucht hätten.

Wie sind Russlands Aussagen zu bewerten?

Aktivisten weisen Moskaus Vorwurf zurück, in der Stadt sei eine Chemiewaffenfabrik der Rebellen ins Visier genommen worden. In dem bombardierten Gebiet gebe es eine solche nicht, sagte Abu Madschd al-Chani aus Chan Scheichun der Deutschen Presse-Agentur. Auch die syrische Opposition spricht von einer russischen "Lüge". Allerdings sind solche Stimmen nicht unabhängig.

Das gilt jedoch auch für Russland, ein enger Verbündeter Syriens und am Bürgerkrieg mit Truppen beteiligt. Zudem gibt es in Moskaus Angaben Ungereimtheiten, worauf der investigative Internetjournalist Eliot Higgins hingewiesen hat. So erklärte Russland, das Waffenlager sei am späten Dienstagvormittag bombardiert worden. Zu diesem Zeitpunkt kursierten jedoch im Internet längst Bilder von Opfern.

Laut "Süddeutsche Zeitung" erklärte Russland am Mittwoch, dass syrische Kampfjets zwischen 11:30 Uhr und 12:30 Uhr syrischer Zeit am Dienstag ein "Munitionslager der Terroristen" bombardierten. Generalmajor Igor Konoschenkow, der russische Vizeminister des Verteidigungsministeriums, erklärte zudem, auf dem Gebiet am östlichen Stadtrand von Chan Scheichun hätten sich Werkstätten zur Herstellung chemische Munition befunden.

In dieser Aussage gibt es laut "SZ" große Unstimmigkeiten: Allen Berichten zufolge sei der Stoff Stunden vor dem Angriff, von dem Konoschenkow sprach, freigesetzt worden. Zudem bestünden Zweifel daran, dass ein konventioneller Angriff auf ein Munitionslager eine dermaßen hohe Opferzahl zur Folge hat. Nervenkampfstoffe wie Sarin würden durch die Explosion einer eigens konstruierten Zündladung als Tröpfchen in der Luft verteilt werden.

Hintergrund: Chlorgas, Senfgas, Sarin

Im Syrienkrieg gibt es immer wieder Berichte über den Einsatz von Chemiewaffen. Die Rede ist vor allem von Chlorgas, aber auch von Senfgas und Sarin - aus dem Ersten Weltkrieg bekannte Giftgase.

CHLORGAS: Wird das stechend riechende Gift eingeatmet, greift es Atemwege und Lunge an. In hohen Konzentrationen führt es zu Atemnot und schließlich zum qualvollen Tod.

SENFGAS: Das Zellgift verätzt Schleimhäute, Augen und Atemwege. Auch neurologische Störungen sind möglich. Senfgas wurde auch unter den Namen Lost, Yperit und Gelbkreuz bekannt.

SARIN: Das Nervengas gehört neben Tabun, Soman und VX zu den giftigsten Kampfstoffen. Es wird durch Einatmen und über die Haut aufgenommen und kann in Minuten zu Atemlähmung und Herzstillstand führen.

Aussagen Moskaus haben sich in der Vergangenheit zudem als falsch herausgestellt. Nach dem Luftangriff auf einen Hilfskonvoi in Nordsyrien im September erklärte Russlands Verteidigungsministerium, eine Prüfung von Videoaufzeichnungen habe keine Anzeichen ergeben, dass die Wagenkolonne von Munition getroffen worden sei.

Der UN-Menschenrechtsrat kam hingegen zu dem Schluss, Syriens Luftwaffe sei für den Angriff auf die Hilfslieferung verantwortlich gewesen.

Warum sollten Assads Truppen Giftgas eingesetzt haben?

Einen militärischen Nutzen hätte sie davon kaum. Ohnehin haben die regierungstreuen Kräfte am Boden entscheidende Erfolge erzielt und die Rebellen in die Defensive gedrängt. Das spricht gegen den Vorwurf, Syrien habe Giftgas eingesetzt. Gegner der Regierung werfen ihr jedoch vor, ihr gehe es generell darum, in Gebieten der Opposition möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten.

Gibt es denn überhaupt noch Chemiewaffen in Syrien?

Die OPCW-Experten hatten bis zum Januar 2016 nur die Bestände von etwa Senfgas oder Sarin vernichtet, die die syrische Regierung auch gemeldet hatte. Bis heute ist unklar, ob das Regime von Assad auch alles angegeben hatte. Unbekannt ist auch, ob und wie viele Chemiewaffen in Hände der Rebellen oder des IS gefallen waren.

Zudem fällt Chlorgas nicht unter die Mittel, die vernichtet werden mussten, weil es vor allem zu zivilen Zwecken genutzt wird. Aber: Der Einsatz von Chlorgas als Waffe ist ein Kriegsverbrechen.

Was kann die OPCW tun?

Die Sondereinheit sammelt und analysiert nun alle verfügbaren Informationen. Die Experten sprechen - wenn möglich - mit Opfern und Zeugen, sie entnehmen und analysieren Proben. Doch die Bewegungsfreiheit der OPCW-Experten ist sehr stark eingeschränkt, nachdem sie im Mai 2014 bei einem Kontrolleinsatz in Syrien angegriffen worden waren.

Syrien verweigert außerdem den internationalen Kontrolleuren der OPCW den Zugang zu möglichen Produktions- und Lagerungsstätten. (she/dpa)© dpa