Dutzende Menschen erstickten beim Giftgasangriff auf das syrische Duma, Donald Trump droht dem Assad-Regime mit Konsequenzen binnen 48 Stunden. Das sind die militärischen Optionen der USA.

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In den sieben Jahren des syrischen Bürgerkriegs hat das Regime von Baschar al-Assad Hunderttausende Landsleute getötet.

Ein paar Tausend von ihnen sind bei Giftgasangriffen der syrischen Armee ums Leben gekommen - insgesamt sind das weniger als ein Prozent aller Kriegstoten.

Obwohl also die allermeisten Kriegsopfer durch Artilleriebeschuss und Fliegerbomben getötet wurden, sind es die Chemiewaffenangriffe, die international für die größte Empörung sorgen.

US-Präsident Barack Obama hatte einst den Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen in Syrien als "rote Linie" bezeichnet, deren Überschreiten "enorme Konsequenzen" für das Assad-Regime haben werde.

Als die syrische Armee dann aber im August 2013 in Vororten von Damaskus Sarin einsetzte und Hunderte Zivilisten tötete, verzichtete Obama auf eine militärische Reaktion.

Anders Donald Trump: Nachdem die syrische Armee im April 2017 Sarin in der Stadt Chan Scheichun eingesetzt hatte, ordnete der US-Präsident einen Luftangriff auf die Militärbasis Schairat an. Dieser Militärschlag war als einmalige Strafaktion gedacht und sollte Assad von weiteren Chemiewaffenangriffen abschrecken.

Der Angriff 2017 brachte Trump gute Presse

Ohne Erfolg: Der Giftgasangriff auf Duma vom Samstag mit Dutzenden Toten ist nur der jüngste und folgenschwerste Vorfall in den vergangenen zwölf Monaten. Mehrfach haben Helfer und Mediziner seither von Chlorgasangriffen auf Oppositionsgebiete in Syrien berichtet.

Der Westen nahm davon kaum Notiz, weil die Opferzahlen gering waren und weil man Assad stillschweigend den Einsatz von Chlorgas zubilligte.

Produktion und Besitz von Chlorgas sind völkerrechtlich erlaubt, da es für zivile Zwecke genutzt werden darf. Allerdings ist sein Einsatz als Waffe laut der Chemiewaffenkonvention verboten.

Trump hat nach dem Angriff vom Samstag erneut Konsequenzen angekündigt. Offenbar soll eine Entscheidung darüber binnen höchstens 48 Stunden gefällt sein, wie die "Washington Post" unter Berufung auf eine Trump-Äußerung am Rande einer Kabinettssitzung berichtet.

Via Twitter bezeichnete Trump Assad zuvor als "Tier" und machte Wladimir Putin, Russland und Iran mitverantwortlich. Ein "hoher Preis" sei dafür zu bezahlen, kündigte Trump an - von wem, verriet er nicht. Klar ist: Russland wird im Uno-Sicherheitsrat jede Verurteilung der syrischen Regierung verhindern.

Der Giftgasangriff setzt den US-Präsidenten unter Zugzwang. Vor wenigen Tagen hatte er angekündigt, den US-Militäreinsatz in Syrien möglichst bald zu beenden.

Derzeit sind rund 2.000 US-Soldaten im Norden des Landes stationiert. Sie sollen dazu beitragen, die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in Syrien endgültig zu zerschlagen. Ihre Mission richtet sich nicht gegen das Assad-Regime.

Doch nachdem die Bilder der erstickten Familien aus Duma auch in den USA über die Fernsehbildschirme liefen, muss Trump militärisch reagieren, wenn er glaubwürdig bleiben will. Im Weißen Haus hat man genau in Erinnerung, dass auch Trump-kritische Medien wie die "New York Times" und CNN den US-Präsidenten vor einem Jahr für den Luftangriff auf den Flugplatz Schairat gelobt hatten.

Das US-Militär könnte etwa den syrischen Armeestützpunkt Dumayr bombardieren. Von dem Flughafen in der Nähe von Damaskus heben die Hubschrauber ab, die in den vergangenen Wochen und Monaten das Rebellengebiet Ost-Ghuta angegriffen haben, in dem auch Duma liegt.

Ein solcher Angriff würde der US-Attacke vor einem Jahr ähneln. Allerdings hat sich gezeigt, dass eine einmalige Strafaktion keinen Einfluss auf die Kriegsführung des Assad-Regimes hat.

Luftangriffe ändern nichts an militärischen Realitäten

Möglich ist deshalb, dass Trump in den nächsten Tagen versucht, eine Militärkoalition zu schmieden, um eine größere Zahl an Zielen anzugreifen. Allen voran Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, sein Land werde angreifen, wenn Assad in Syrien Chemiewaffen einsetzt.

Doch selbst wenn die USA und Verbündete in den nächsten Tagen landesweit Militärstützpunkte beschießen sollten - das ändert nichts an den Realitäten im Bürgerkriegsland.

Syriens Regime, Iran, Russland und die Türkei sind die Staaten, die den Kriegsverlauf mit eigenen Truppen und verbündeten Milizen bestimmen. Der Einfluss Washingtons und seiner Alliierten ist marginal.

Und über allem steht die Frage, wie Russland reagiert: Moskau hat auf mehreren Militärstützpunkten in Syrien eigene Soldaten stationiert und moderne Luftabwehrsysteme ins Land verlegt. Jede US-Intervention bringt das Risiko einer direkten militärischen Konfrontation mit Russland mit sich.

Unterm Strich stehen Trump, Macron und andere vor demselben Dilemma wie vor einem Jahr: Putin wird keine Luftangriffe auf Syrien zulassen, die den Fortbestand des Assad-Regimes gefährden.

Der Westen will Assad für den Chemiewaffeneinsatz bestrafen und zudem verhindern, dass sich Angriffe wie in Duma wiederholen.

Doch der Diktator hat seit 2011 gezeigt, dass er sich um keinen Preis von seiner Kriegsführung abhalten lässt, solange Russland hinter ihm steht.  © SPIEGEL ONLINE