Die USA behalten sich ein militärisches Eingreifen in Syrien vor, sollte sich der Verdacht eines Giftgasangriffs in Ost-Ghuta bestätigen. Es könnte sich um einen symbolischen Schritt handeln: Eigentlich will US-Präsident Donald Trump seine Truppen aus dem Land abziehen.

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Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien hat US-Verteidigungsminister James Mattis die Möglichkeit militärischer Schritte gegen die syrische Regierung nicht verneint.

Er schließe zu diesem Zeitpunkt gar nichts aus, sagte Mattis am Montag auf die entsprechende Frage eines Journalisten.

Nach Angaben von Aktivisten sollen bei dem Angriff auf die Stadt Duma in der Region Ost-Ghuta mehr als 150 Menschen getötet und rund 1.000 verletzt worden sein. Mattis sagte, die USA wollten den Vorfall gemeinsam mit Verbündeten und Partnern thematisieren.

Angriff setzt den Westen unter Druck

Der mutmaßliche Giftgaseinsatz setzt den Westen unter Druck. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hatte bereits vor Wochen mit "gezielten Schlägen" gegen die syrische Regierung gedroht, sollte ein tödlicher Einsatz von Chemiewaffen unwiderlegbar bewiesen sein. Das sei eine rote Linie, sagte Macron.

Auch US-Präsident Donald Trump drohte dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Am Wochenende twitterte er, das "Tier Assad" werde einen hohen Preis zahlen.

In der Nacht zum Montag wurde eine Militärbasis nahe der Stadt Homs beschossen. Ob es einen Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Giftgasangriff gibt, ist aktuell unklar.

Nach dem Angriff auf Duma verständigten sich Trump und Macron darauf, die syrische Führung zur Verantwortung zu ziehen. Das Weiße Haus sprach von einer "starken, gemeinsamen Reaktion".

Das löste in den USA Spekulationen aus, Trump könne erneut einen Angriff auf das syrische Militär befehlen. Washington und Paris aber dementierten am Montag jede Beteiligung an der Bombardierung der Militärbasis.

Es wäre nicht die erste militärische Reaktion auf einen Giftgasangriff

Vor einem Jahr hatte die US-Armee die syrische Luftwaffenbasis Schairat beschossen - als Reaktion auf den verheerenden Giftgasangriff mit Dutzenden Toten auf die Stadt Chan Scheichun, für den UN-Experten ebenfalls die Assad-Regierung verantwortlich machten. Das Eingreifen der USA galt aber weitgehend als symbolisch.

Denkbar ist, dass die US-Regierung erneut einen ähnlichen Schritt unternimmt, um ein Signal an Assad zu senden, ohne aber eine tiefere Verstrickung in den Bürgerkrieg zu suchen. Denn eigentlich will Trump das US-Engagement in Syrien beenden.

Auch die deutsche Regierung vermutet Syriens Armee hinter dem mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz. Die Umstände deuteten auf "die Verantwortlichkeit des Assad-Regimes" hin, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert und betonte: Ein so schwerwiegender Verstoß gegen das Völkerrecht "darf nicht ungesühnt bleiben".

Russland sieht Berichte als Provokation an

Russlands Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete Berichte über einen syrischen Angriff mit Chemiewaffen hingegen als Provokation. Russische Militärspezialisten seien vor Ort gewesen und hätten keinerlei Spuren von Chlorgas gefunden.

Vorwürfe des Westens, Russland decke den syrischen Einsatz von Chemiewaffen gegen Zivilisten, bezeichnete der Minister als antirussische Kampagne.

Die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) untersucht den Vorwurf des Einsatzes von Chemiewaffen in Duma. Die Expertengruppe zu Syrien sei dabei, weitere Informationen über die eingesetzten Stoffe zu sammeln, teilte die Organisation in Den Haag mit.

Der UN-Sicherheitsrat wollte sich am Montag ebenfalls mit dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff auf Duma befassen.

Syrien und Russland machen Israel für Luftangriff verantwortlich

Syrien und sein enger Verbündeter Russland machen unterdessen Israels Luftwaffe für den schweren Raketenangriff auf den Militärflugplatz nahe Homs verantwortlich.

Das Assad-Regime warnte Israel vor den "gefährlichen Folgen" von Angriffen auf syrischem Boden.

Die "israelische Aggression" sei nicht ohne Unterstützung durch die US-Regierung möglich gewesen, heißt es in einem Brief des syrischen Außenministeriums an den UN-Sicherheitsrat. Das meldete die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana.

In dem Brief wirft Syrien demnach Israel vor, Terrorgruppen zu unterstützen. Der Angriff auf den Militärflugplatz T4 nahe Homs sei eine Reaktion auf die Erfolge der syrischen Armee. Zuvor war von syrischer Seite von einer "amerikanischen Aggression" die Rede gewesen.

Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, zwei israelische Kampfjets vom Typ F-15 hätten vom Libanon aus acht Raketen auf den Flugplatz T4 abgefeuert. Augenzeugen berichteten im syrischen Fernsehen von Explosionen in der Gegend.

Bewohner im Libanon hörten nahe der Grenze zu Syrien das Dröhnen von Jets. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, die Luftabwehr des Landes haben den israelischen Raketenangriff abgewehrt.

Nach Angaben von Menschenrechtsbeobachtern sind unter den Todesopfern auch Iraner. Der schiitische Iran unterstützt Syriens Regierung im Bürgerkrieg. Wie bereits in früheren Fällen wollte sich die israelische Armee nicht zu den Vorwürfen äußern.

Beobachter: Israel geht gegen Schiitenmiliz Hisbollah vor

Israel hat bereits mehrfach Ziele im benachbarten Bürgerkriegsland bombardiert. Die Angriffe richten sich nach Meinung von Beobachtern vor allem gegen die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah, einen engen Verbündeten der syrischen Armee.

Die bewaffnete Gruppe wird vom schiitischen Iran finanziert und gilt als dessen verlängerter Arm. Israel will verhindern, dass sich die Miliz weiter aufrüstet.

Schon vor zwei Monaten hatte Israels Luftwaffe den Flugplatz T4 bombardiert, nachdem von dort eine iranische Drohne gestartet war, die später in israelisches Hoheitsgebiet eingedrungen sein soll.

Der strategisch wichtige Flugplatz in der zentralsyrischen Wüste ist die größte Luftwaffenbasis Syriens. Westliche Militärexperten gehen davon aus, dass ihn auch iranische Milizen und russische Soldaten nutzen.

Im September hatte Israel nach Einschätzung von Experten zudem eine Einrichtung der syrischen Armee beschossen, in der Chemiewaffen hergestellt werden sollen. (dpa/ank)

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