Ost-Ghuta in Syrien von blutiger Angriffswelle erschüttert

Die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad überziehen Ost-Ghuta mit einer massiven Angriffswelle. Die Situation der rund 400.000 Menschen in der Region ist verheerend, Worte und dramatische Bilder können das Leid der Bevölkerung kaum ermessen.

In nur zwei Tagen wurden der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge 250 Menschen getötet, mehr als 1.200 verletzt.
"Die humanitäre Lage der Zivilisten in Ost-Ghuta ist dabei, außer Kontrolle zu geraten", sagt der regionale UN-Nothilfekoordinator Panos Moumtzis. Die Raten an Mangelernährungen hätten ein beispielloses Niveau erreicht, weil Nahrung und Trinkwasser fehlen. Bahaa (8) und sein Vater kochen in ihrer Not schmutziges Wasser ab.
Die medizinische Versorgung ist katastrophal. "Es war die Hölle", sagte ein Arzt aus einem Krankenhaus in Ost-Ghuta, der nur mit seinem Vornamen Mohammed zitiert werden wollte, über die Angriffe am Montag. "Wir mussten mit ansehen, wie Kinder in unseren Händen an ihren schweren Wunden gestorben sind, weil sie zu spät ins Krankenhaus kamen." Die Kliniken seien völlig überfüllt. Narkosemittel und wichtige Medikamente gingen zu Ende.
Die Hilfsorganisation UOSSM teilte mit, fünf Krankenhäuser in Ost-Ghuta seien gezielt bombardiert worden und außer Betrieb. Opfer könnten wenn überhaupt nur notdürftig behandelt werden, weil Medikamente, Material und Geräte fehlten. "Mütter suchen unter den Toten und Verletzen nach ihren Kindern", berichtet der Leiter des UOSSM-Büros in Ost-Ghuta, Mohammed Chair Sammud.
Ost-Ghuta liegt im Umland von Damaskus und ist eines der letzten Gebiete im Land, das unter Kontrolle von Milizen wie dem syrische Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida steht. Die Rebellen und Regierungstruppen bekämpfen sich dort seit Jahren.
2013 erlebte die Region einen verheerenden Angriff mit dem Giftgas Sarin, bei dem hunderte Menschen starben. Oppositionelle und der Westen machten die Regierung dafür verantwortlich. Der investigativen Internetplattform Bellingcat zufolge wurde Ost-Ghuta in diesem Jahr auch mit Chlorgas angegriffen. Die Regierung wies die Vorwürfe zurück.
Oppositionelle werfen der Regierung vor, sie wolle Ost-Ghuta wie schon zuvor andere belagerte Gebiete so lange bombardieren, bis die Rebellen zur Aufgabe gezwungen seien.
Dabei gilt Ost-Ghuta eigentlich als Deeskaltionszone. Doch an das Abkommen, das die ebenfalls in den Krieg involvierten Länder Russland, Iran und Türkei 2017 in Astana geschlossen haben, halten sich weder die Truppen von Assad noch die Rebellen.
Zuletzt wurde die Lage immer schlechter, weil die Region seit Monaten von Regierungstruppen eingeschlossen ist. Rund 400.000 Menschen sind so fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Über Wochen durften keine Hilfslieferungen in das Gebiet.
Viele Familien sind gezwungen, in Kellern Schutz zu suchen. Sie verbringen ihre Tage in dunklen, schlecht ausgestatteten, kalten und feuchten Räumen. Malak (5) und Ghadir (6) hausen seit 24 Tagen mit ihren Familien in einem Unterschlupf. Alle Schulen in Ost-Ghouta wurden wegen der schweren Feuergefechte geschlossen.
Batoul (12) und Sham (6) blicken ängstlich auf die Straße: "Ich habe Angst nach draußen zu gehen. Ich fürchte mich vor dem Knall der Explosionen", sagt Batoul. "Ich wünschte, ich könnte nach Hause und meine Freunde sehen."
Die Kinder leiden besonders. Schulen, Spielplätze, Krankenhäuser - Einrichtungen, die für sie von großem Wert wären, sind nach vier Jahren Belagerung vielfach zerstört.
"Ihr Leben ist ein Realität gewordener Albtraum. Sie kämpfen nur darum, am Leben zu bleiben", sagt Henrietta H. Fore, die Geschäftsführerin von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.
Die Zahl der unterernährten Kinder sei zuletzt in die Höhe geschnellt, heißt es von UNICEF.
Um die dramatische Lage zu unterstreichen, hat Unicef eine weitgehend leere Pressemitteilung veröffentlicht. Darin heißt es nur knapp: "Wir haben nicht länger die Worte, um das Leiden der Kinder und unsere Empörung zu beschreiben."
Hoffnung auf ein Ende der Kämpfe gibt es derzeit nicht. Regierungstreue Medien haben gemeldet, Elitetruppen planten eine Bodenoffensive auf Ost-Ghuta. In sozialen Medien kursierte ein Video des Kommandeurs dieser Truppen, Suhail al-Hassan, in dem er den Rebellen droht: "Ich werde ihnen eine Lehre im Kampf erteilen (...) Ich sage ihnen: Erwartet die Hölle, Ihr werdet sie mit Euren eigenen Augen sehen."
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