Putin lässt erstmals Flugzeugbomber in Syrien fliegen, angeblich gegen den Islamischen Staat. Der Eingriff Moskaus in den syrischen Bürgerkrieg ist jedoch ein zweischneidiges Schwert, so sieht es jedenfalls die Presse. Putin als Anti-Terror-Stratege auf der einen Seite, als Unterstützer eines Massenmörders auf der anderen.

Spiegel Online: "Putin bombt in Syrien, und die Welt schaut zu. Das schmerzt, ist aber eine logische Konsequenz des westlichen Versagens in der Nahostpolitik. (...) Natürlich will man sich jetzt reflexhaft empören, dieser Wladimir Putin ist in seiner Selbstherrlichkeit ja auch schwer zu ertragen. Erst rüstet der russische Präsident in Syrien seinen Militärstützpunkt auf und spricht dies international nicht ab. Dann tritt er breitbeinig vor die Uno und gibt sich als großer Anti-Terror-Stratege. Und jetzt fliegen seine Kampfjets schon Angriffe auf - ja auf was eigentlich? (...) Die unangenehme Wahrheit ist: Wir können uns über Russlands Einmischung in Syrien kaum beschweren. Moskau springt auf einen Schauplatz, den wir scheuen."

Syrienkonflikt macht Kreml-Chef plötzlich wieder zum Global Player.

Welt.de: "Putins Eingreifen ist eine Ohrfeige für den Westen: Der Westen wirkte unschlüssig, ja sogar feige, und das nutzt Wladimir Putin nun aus. Seine Piloten und Waffenlieferungen an Assad werden in Syrien noch mehr Flüchtlinge produzieren. (...) Die SPD springt prompt darauf an oder fällt in Putins Grube, je nach Sichtweise. (...) Putin ist in Syrien aber kein Partner des Westens. Putin möchte nicht den Westen retten, sondern das Regime Baschar al-Assads, Russlands Verbündetem im Nahen Osten.

De Standaard (Niederlande): "Der syrische Präsident Baschar al-Assad kann die russische Unterstützung gut brauchen. Seine Armee, die einst 200.000 Mann zählte, verfügt noch über 120.000 Soldaten. Seine Flugzeuge, die massive Bombenangriffe in den von Rebellen kontrollierten Gebieten ausgeführt haben, sind veraltet. Niemand wagt eine Vorhersage, wie lange Assad noch im Sattel bleibt. Aber die meisten westlichen Beobachter sind überzeugt, dass seine Nachfahren kaum eine Chance haben werden, den Thron zu besteigen. Doch dank des Einsatzes der russischen Flugzeuge sind die Überlebenschancen des syrischen Präsidenten wieder etwas gestiegen. (...) Wie es aussieht, hat Putin den Westen wieder einmal vor vollendete Tatsachen gestellt. Ähnlich wie bei der Annexion der Krim stimmt seine Agenda nicht mit den offiziellen Verlautbarungen überein. Unter dem Vorwand, gegen die IS-Terroristen zu kämpfen, scheint Russland die wichtigsten Feinde seines Verbündeten im Visier zu haben."

Kurier (Österreich): "Dazu muss man zwei Sachen wissen. Erstens: Stimmt schon, die Welt hat auch schon mit anderen Bösewichten paktiert, aber Baschar al-Assad ist einer der Bösesten - vor seinen Fassbomben fliehen mehr Syrer als vorm IS, und die Mehrheit der 250.000 Toten geht auf seine Kappe. Und ein Assad im Boot heißt angesichts der zahlreichen Rebellengruppen und seiner Verbrechen noch kein Ende des Bürgerkrieges, im Gegenteil.

Zweitens: Putin bekämpft den IS, weil er das zentralasiatische Terrorpotenzial und Islamisten-Terror daheim fürchtet. Und er unterstützt seinen Partner Assad, weil er knallhart seine (geo-)strategischen Ziele verfolgt, etwa einen Fuß am Mittelmeer zu behalten. Die Welt retten, ist Putins Sache nicht. Sein Image retten, seine Interessen verfolgen und den Westen ein bisschen locken und durcheinanderbringen schon."

Bild-Zeitung: "Putin macht mobil. Bombt sich in Syrien auf die Bühne der Weltpolitik zurück. GEGEN die Terrortruppen von ISIS. FÜR seinen Freund, den Massenmörder Assad. Gleichzeitig kündigen die Palästinenser ihre Friedensabkommen mit Israel. Und in Afghanistan sind die Steinzeit-Islamisten wieder auf dem Weg zur Macht. Die Welt gerät aus den Fugen. Nicht nur in Nahost. Jetzt rächt sich, dass US-Präsident Obama sich politisch und militärisch aus der Region zurückzog. Chaos hinterließ - und ein Machtvakuum, das Putin nun gnadenlos ausnutzt. Nun muss sich der Westen entscheiden: Lässt er Putin seinen Stellvertreterkrieg in Syrien zu Ende führen, ISIS bekämpfen - um den Preis, dass Assads Regime im Amt bleibt. Das würde Russland zur neuen Schutzmacht der Region erheben. Daran kann keiner Interesse haben! Machtmensch Putin hat einen Plan. Der Westen leider (noch) nicht..."

Berliner Morgenpost: "Der Hauptzweck der russischen Mission ist die Rettung Assads. Die mit großem Getöse angekündigte Kampagne gegen den IS ist nur Fassade. Wäre es Putin wirklich um die Zerschlagung der Gotteskrieger gegangen, hätte er sich um internationale Rückendeckung bemüht. Damit untergräbt Putin seine eigene Glaubwürdigkeit. Unzählige Male hatte er die Militärinterventionen des Westens im Irak und in Libyen als unilaterale Missionen gegeißelt - am Völkerrecht und an der UN vorbei. Nun pfeift er selbst auf die Legitimität eines internationalen Mandats. Putin lässt die Maske fallen. Fest steht: Putin betreibt mit seiner neuen Marschroute in Syrien ein gefährliches Spiel. Er verfolgt ausschließlich eigene Interessen und ist unberechenbar. Damit befeuert er das tief sitzende Misstrauen im Westen."

La Stampa (Italien): "Wladimir Putin ist wieder im Krieg. Und es ist das erste Mal, seitdem er Kremlchef ist, dass er ihn offen führt und ohne von der internationalen Gemeinschaft verurteilt zu werden.

Nach der Ukraine folgt nun Syrien. (...) Putin hat die Idee einer internationalen Koalition gegen die Terrormiliz IS ins Spiel gebracht, unter den Verbündeten sollten seiner Ansicht nach die USA, Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, Ägypten und die Golfstaaten sein. Und auch die Europäer "könnten nützlich sein"."

(far)