In Aleppo spitzt sich der Kampf zwischen Baschar al-Assad und seinen Gegnern zu. Doch die Lage ist extrem unübersichtlich – einfache Wahrheiten gibt es nicht, wie ein Nahostexperte erklärt.

Der Krieg in Syrien ist wieder ins Blickfeld gerückt: In Aleppo greifen Gegner von Präsident Baschar al-Assad den Belagerungsring an, der Teile der Stadt und ihre Bewohner von der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten abschneidet.

Die Angst vor einer drohenden humanitären Katastrophe macht die Runde. Doch die Faktenlage in Aleppo ist schwer zu durchblicken. Um sich der komplexen Situation anzunähern müssen die richtigen Fragen gestellt werden: Wie katastrophal ist die Lage wirklich? Was sind das für Gruppen, die als "Rebellen" bezeichnet werden? Warum wird um Aleppo so erbittert gekämpft? Und wie geht es weiter in Syrien? Die Beantwortung dieser Fragen erfordert eine differenzierte Betrachtung der Lage, mahnt Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt, im Gespräch mit unserem Portal.

Ein grundlegendes Problem in der aktuellen Berichterstattung sei die einseitige Darstellung: "Assad ist der Böse, die Rebellen sind die Guten." Doch so einfach ist es nicht.

Wie ist die Lage in Aleppo?

Von einer drohenden humanitären Katastrophe ist vielerorts die Rede, und von bis zu 300.000 eingeschlossenen Zivilisten - eine Zahl, die der Mainzer Universitätsprofessor Günter Meyer stark in Zweifel zieht. "Wir wissen nichts über die Dimensionen, das sind alles grobe Schätzungen nach jeweiliger Interessenslage."

Der englische "Guardian" etwa sprach vor über einem Jahr noch von 40.000 Menschen, die im Osten der Stadt eingeschlossen seien. Wie viele Zivilisten nun wirklich ausharren, ist schwer zu sagen, klar ist: die Versorgungslage ist zumindest prekär.

Die "BBC" zitiert eine Zivilistin mit den Worten, es gebe kaum noch Gemüse auf dem Markt, dasselbe gelte für Babymilch, wegen der Benzin-Knappheit sei der öffentliche Nahverkehr zusammengebrochen. Der Stadtrat der Rebellen teilte währenddessen mit, die Grundversorgung der Bewohner funktioniere.

Wer kämpft überhaupt in Aleppo?

In deutschen Medien ist oft von "Rebellen" die Rede, die nun im Osten Aleppos eine Offensive gegen den Belagerungsring der Truppen von Präsident Assad und seinen Verbündeten gestartet haben. Eine Verharmlosung, findet Günter Meyer von der Universität Mainz: "Das sind keine Rebellen, und moderate schon gar nicht. Im Osten Aleppos agieren ausnahmslos radikale Islamisten." Dazu zählt auch der Nachfolger der Al-Nusra-Front, die salafistische Jabhat Fatah al-Sham, die sich vor kurzem offiziell von Al–Kaida losgesagt hat. Al-Nusra ging nicht nur gegen Assads Truppen vor, sondern auch gegen die tatsächlichen moderaten Kräfte der Opposition: Teile der Free Syrian Army und kurdische Gruppen.

Ähnlich wie Günter Meyer schätzt auch der Nahost-Experte Michael Lüders die Lage in Aleppo ein. Dem "Deutschlandfunk" sagte er: "Im abstrakten Sinne sind es Rebellen, aber es sind in erster Linie Islamisten, die nach allem, was wir wissen, auch nach Berichten, die Amnesty International vorgelegt hat, mindestens mit derselben Brutalität und Grausamkeit gegen die Bevölkerung vorgehen, wie es die Truppen von Assad auch tun."

Sind Islamisten die letzte Hoffnung für die Zivilisten?

Die Islamisten seien nun die letzte Hoffnung für die Zivilisten in Aleppo, so "Spiegel Online" in einem Artikel. Die These: Wenn die Islamisten den Belagerungsring sprengen können, werde sich die Lage der Zivilbevölkerung bessern. Handfeste Belege dafür gibt es nicht. Günter Meyer widerspricht sogar energisch: "Die Islamisten sind nicht die Hoffnung, sondern der Fluch der Bevölkerung."

Er glaubt – wie auch Michael Lüders – dass die Islamisten die Zivilbevölkerung nur ausnutzen wollen: "Sie dient diesen Gruppen quasi als menschliche Schutzschilde." Für Meyer ist das einer der Gründe, warum die von der Regierung bereitgestellten "humanitären Korridore" bislang kaum zur Flucht aus der umkämpften Stadt genutzt werden: die Dschihadisten hätten kein Interesse daran, die Menschen hinauszulassen.

"Außerdem wissen die Menschen nicht, was mit Ihnen passiert, wenn sie die Stadt verlassen." Hilfsorganisationen kritisieren die Korridore als wirkungslos. "Einen angeblich sicheren Fluchtweg anzubieten darf nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass die verbleibenden Menschen zu militärisch legitimierten Zielen werden", schreibt eine Koalition von 39 Organisationen wie "AWO International" und "Save the Children". Sie fordern ein Ende der illegalen Angriffe auf Zivilisten – die im Übrigen von beiden Seiten ausgeübt werden.

"Die Waffen, die an die angeblich moderaten Rebellen geliefert wurden, werden nun benutzt, um die Viertel von Aleppo zu beschießen, die unter der Kontrolle der Regierung stehen", sagt Günter Meyer. "Da wird auch keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen."

Warum ist Aleppo so wichtig?

Die Stadt liegt an der wichtigen Nord-Süd-Verkehrsachse, die von der Grenze zur Türkei bis zur Grenze zu Jordanien verläuft. Viele Experten sind sich deswegen einig: Wer Aleppo kontrolliert, gewinnt den Krieg. Die momentane Offensive der Islamisten könnte deswegen auch als letztes Aufbäumen verstanden werden - bevor die Stadt endgültig an Assad fällt.

Wie geht es weiter in Syrien?

"Das Regime befindet sich mit der Unterstützung Russlands und des Iran auf der Siegerstraße", sagt Günter Meyer. "Es wird versuchen, den wirtschaftlich starken Westen des Landes einzunehmen und zu stabilisieren: Aleppo, Homs, Damaskus." Der Kampf gegen den IS ist Assad offensichtlich nicht so wichtig, trotzdem erachtet Meyer den Niedergang des Kalifats als "unausweichlich." Auch eine Nachkriegsordnung zeichnet sich seiner Meinung nach schon ab: "Russland und die USA sind sich weitgehend einig: Die Russen sehen ihren Haupteinsatzbereich im Norden Syriens, die Amerikaner im Süden." Das deute auf eine Konsolidierung hin. "Zumindest bis Hillary Clinton übernimmt, die einen deutlich härteren Anti-Assad-Kurs angekündigt hat."

Nahost-Experte Michael Lüders sah im Deutschlandfunk den Konflikt noch lange nicht an seinem Ende angekommen: Zu viele Akteure hätten ein Interesse daran, den Krieg fortzusetzen – wie die Türkei, die gegen die Kurden vorgehen will, und die Saudis, die nach wie vor Assads Sturz verfolgen: "Es ist also ein sehr schmutziges Geschäft, das hier in Syrien betrieben wird, und den Preis zahlt die syrische Bevölkerung."