In Italien kommt regelmäßig mehr Öl an, als in den offiziellen Papieren der Raffinerien steht. Die Polizei geht einem schlimmen Verdacht nach: Kooperiert die Mafia mit dem "Islamischen Staat"?

Deir al-Sor war einmal eine schöne Stadt, malerisch gelegen am Euphrat im Osten Syriens. Auf dem fruchtbaren Boden in der Gegend gediehen Getreide und Baumwolle.

Mitte der Neunzigerjahre aber war Schluss mit der Idylle: Bei Deir al-Sor wurde Öl entdeckt. Einigen Wenigen brachte der Fund Reichtum, allen anderen bald darauf Not und Schrecken.

Nach Raketentest von Nordkorea: USA demonstrieren Stärke.


Seit Jahren herrscht Krieg in Syrien. Gegner und Anhänger des Präsidenten Baschar al-Assad beschießen sich, die Terrortruppen des "Islamischen Staats" (IS) und die Kurden. Dazu kommen die Bomben der Amerikaner und der Russen.

Noch kontrolliert der IS die Umgebung von Deir al-Sor.

Das Gebiet rund um die Stadt ist für die Miliz besonders wichtig, die mit Mord und Zerstörung weltweit Angst verbreitet. Öl ist ihre einträglichste Einnahmequelle.

Und einiges deutet daraufhin: Die Terroristen verdienen ihr Geld zu einem wesentlichen Teil, indem sie das Öl aus Gegenden wie bei Deir al-Sor nach Europa verkaufen. Nach Italien.

Schwarzmarkt Italien

Italien spielt im grenzüberschreitenden Geschäft mit Erdöl und den Produkten daraus eine besondere Rolle: als florierender Schwarzmarkt.

Aus Osteuropa zum Beispiel sollen Benzin und Diesel in solchen Mengen illegal eingeführt werden, dass dem Staat Steuereinnahmen von vier Milliarden Euro im Jahr entgehen.

So gefährlich war die nordkoreanische Rakete über Hokkaido wirklich.


Auch aus Libyen bezieht Italien regelmäßig illegal Öl und dessen Derivate. Der verbotene Handel läuft wie geschmiert, haben Uno-Inspektoren recherchiert.

Bewaffnete und gewaltbereite Gruppen verschaffen sich Zugriff auf Förderstellen, wo der kostbare Rohstoff aus der Tiefe geholt und oft auch weiterverarbeitet wird. Mit Lastwagen wird die Ware in kleine, von den eigenen Leuten kontrollierte Häfen gebracht und auf Frachtschiffe verladen.

Die Boote fahren nachts los, vor Malta schalten sie die Elektronik ab, mit der sie geortet werden könnten und warten auf große Tanker, die in Russland, Zypern oder Panama gemeldet sind. In diese wird die Fracht umgeladen und die Fahrt geht weiter, zum Beispiel nach Sizilien oder auch in einen norditalienischen Hafen.

Milizen und Mafia

Treffpunkt, Mengen, Preise haben Zwischenhändler vereinbart, die als Käufer und Verkäufer für Firmen operieren, die nach jedem einzelnen Geschäft eliminiert werden. Die nötigen Papiere liefert die Mafia.

Das Londoner Nachrichtenportal Middle East Eye zitiert anonyme Quellen, die von einem Pakt zwischen libyschen Milizen und sizilianischen Clans zur reibungslosen Abwicklung solcher Geschäfte berichten.

Auch der italienische Antimafia-Staatsanwalt Franco Roberti mahnt seit Längerem, dass es "zwei potenzielle Kontaktpunkte zwischen dem islamistischen Terrorismus und der organisierten Kriminalität" gebe: "Drogen und Öl".

Nach demselben Muster wie in Libyen läuft offenbar auch das Öl-Geschäft mit den IS-Terroristen. Sie verkaufen zwar einen erheblichen Teil der Förderungen auf den von ihnen besetzten Gebieten gleich in der Nachbarschaft, problemlos auch an die Kriegsgegner, heißt es - an die Kurden etwa oder an die Assad-Armee. Denn deren Militärlaster und Oldtimer fahren auch mit qualitativ minderwertigem Diesel-Kraftstoff, der in Europa keine Abnehmer fände.

Das große Geld wird aber auch dort mit dem Export gemacht. Da geht es meist um das nur wenig behandelte oder verarbeitete Rohprodukt. Das kann freilich nur an Raffinerien nicht an Endabnehmer verkauft werden.

Vom Terrorstaat zum Sorgenkind

Eine Weile lief der Handel vor allem über die Türkei - per Lastwagen an grenznahe Hafenstädte, mit gefälschten Papieren, schließlich aufs Schiff. Inzwischen sei die Türkei-Passage etwas schwieriger zu befahren, heißt es. Aber offenbar geht es immer noch, womöglich mit kleineren Schiffen oder über den einzigen syrischen Mittelmeerhafen Latakia.

Denn als die italienische Finanzpolizei routinemäßig Raffinerien in Sizilien und Norditalien überprüfte, entdeckte sie, dass keineswegs nur Öl und Benzin aus Libyen illegal nach Italien transportiert und dort auf Schwarzmärkten verkauft wird, sondern wohl auch Öl aus den IS-besetzten Gebieten in Syrien und dem Irak in Italien landet.

Mutmaßliches Al-Nusra-Mitglied wird in Hamburger Gefängnis tot aufgefunden.


Denn die uniformierten und bewaffneten Steuer- und Finanzaufpasser stellten fest, dass in den überprüften Raffinerien tatsächlich weit mehr Rohöl aus Syrien und dem Irak verarbeitet wurde, als offiziell angegeben. Schwarzes Öl also, das aus diesen Ländern vor allem vom IS verkauft wird.

So besonders genau schauten die italienischen Raffinerien womöglich nicht auf die Ursprungstestate des ihnen preiswert angebotenen Rohstoffes, erzählt ein Branchen-Experte, wenn auch nur anonym. Viele Raffinerien dort hätten nämlich Probleme. Es gebe zu viele, zu alte, überwiegend unrentable Anlagen. Während in Deutschland die Auslastung der Raffinerien fast bei 100 Prozent liege, kämen die Italiener nur auf 70 bis 80 Prozent. Italien sei "das Sorgenkind der europäischen Raffinerie-Wirtschaft".

Öl-Einnahmen des IS: Eine Million Euro am Tag

Den Terrormilizen in Syrien und im Irak kann das alles egal sein. Sie kassieren bar und haben mit dem weiteren Weg ihres Erdöls nichts zu tun. Mindestens 20 bis 25 Dollar bekommen sie für jedes Barrel Rohöl (159 Liter).

Und da sie schätzungsweise 50.000 Barrel am Tag verkaufen, kassieren sie täglich, auf Euro umgerechnet, etwa eine Million. So jedenfalls steht es in dem Bericht der italienischen Ermittler, aus dem italienische Medien zitieren. Andere Schätzungen, etwa vom Brookings Doha Center, einem Forschungsinstitut in Katar, liegen noch höher.

So oder so, es ist sehr viel Geld. Damit bezahlt der IS seine Kämpfer, kauft Waffen und Material zum Bombenbauen. Es geht also um weit mehr als Steuerhinterziehung. Deshalb hat die EU kürzlich das Mandat der "Mission Sophia" ausgeweitet.

Die Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber verschiedener europäischer Länder sollen fortan nicht nur die Schleuser auf der Mittelmeer-Route von Afrika nach Europa dingfest machen, was bislang ihr Auftrag war. Sie sollen nun auch den illegalen Öl-Transport bekämpfen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben präzisiert, dass der IS nicht die Stadt Deir al-Sor kontrolliert, sondern ihre Umgebung.© SPIEGEL ONLINE