Das Pioneer Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute über die vergessene Gefahr: Iran.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

seitdem der Iran wieder verstärkt Uran anreichert, bemüht sich der Westen um die Rettung des 2015 geschlossenen Atomabkommens mit dem von islamistischen Fundamentalisten geführten Land.

Damals hatten die jahrelangen Vermittlungen von Deutschland, Frankreich und Großbritannien dazu geführt, dass zwischen den USA und dem Iran ein internationales Abkommen unterzeichnet wurde.

Die Vereinbarung sollte es dem Iran durch strenge internationale Kontrollen unmöglich machen, Atomwaffen zu entwickeln.

Im Gegenzug stellte der Westen einen Abbau von Sanktionen und eine Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen in Aussicht.

Nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) hat der Iran die Uran-Anreicherung seit Anfang 2014 zurückgefahren und sich an den Vertrag gehalten.

Donald Trump kündigt Atomabkommen auf - und löst Debakel aus

Doch dann kam Donald Trump: Der damalige US-Präsident hielt das Abkommen für den "schlechtesten Deal aller Zeiten", trat Anfang Mai 2018 einseitig aus und belegte den Iran mit neuen Sanktionen.

Ein Jahr nach dem Ausstieg der USA kündigte der Iran an, seine aus dem Abkommen resultierenden Verpflichtungen schrittweise zu reduzieren. Mittlerweile ist die Herstellung einer Atombombe für das Land in greifbare Nähe gerückt: Am 30. Mai 2022 gab die IAEA bekannt, dass sich der Iran schrittweise der Herstellung von Atomwaffen nähert.

Die Islamische Republik habe 43,1 Kilogramm Uran mit einem Anteil des relevanten Isotops U-235 von 60 Prozent angereichert.

Rund 50 Kilogramm würden für eine Atomwaffe genügen, falls das Material noch etwas höher auf 90 Prozent angereichert würde. Zum Vergleich: Die US-Atombombe "Little Boy", welche am 6. August 1945 auf die japanische Stadt Hiroshima abgeworfen wurde, war mit 64 Kilogramm Uran mit einem Anteil von 80 Prozent U-235 ausgestattet.

Irans Uran-Bestände übersteigen zulässigen Wert um das 18-Fache

Damit übersteigen Irans Bestände an angereichertem Uran den zulässigen Wert um das 18-Fache. Der Iran hat die Uran-Anreicherung so weit vorangetrieben, dass er innerhalb weniger Monate eine Atombombe bauen könnte, vermuten Experten.

Alarmierte internationale Reaktionen versuchen iranische Politiker stets mit dem Hinweis zu beschwichtigen, dass ihr Atomprogramm ausschließlich wissenschaftlichen und industriellen Zwecken diene. Jedoch gibt es westlichen Angaben zufolge für so hoch angereichertes Uran nur militärische Verwendungen.

Deshalb haben internationale Unterhändler am 4. August dieses Jahres einen erneuten Versuch unternommen, das Atomabkommen von 2015 zu retten. Die Gespräche in Wien begannen nach langen Unterbrechungen der Kontakte und auf Initiative der EU, die als Vermittlerin zwischen Iranern und Amerikanern einen Vertragsentwurf ausgearbeitet hat. Genaue Details des EU-Vorschlags sind nicht bekannt, doch die Grundzüge stehen seit Monaten fest:

  • Wenn der Iran die Uran-Anreicherung zurückschraubt und sich den Kontrollen der IAEA unterwirft, wird er mit einer schrittweisen Aufhebung der Sanktionen belohnt.

Iran und USA sprechen nur über europäische Vermittler

Obwohl alle Beteiligten – insbesondere der neue US-Präsident Biden – im Vorfeld ihre Bereitschaft zu einer Einigung betonten, sind die Erfolgsaussichten eher gering. Zu groß ist das Misstrauen zwischen den USA und dem Iran. Unterhändler der beiden Staaten sprechen nicht direkt miteinander, sondern nur über europäische Vermittler.

Die Fronten sind verhärtet: Joe Biden fordert – Donald Trump und die Republikaner im Nacken – umfangreiche Zugeständnisse der Iraner bei der Uran-Anreicherung und eine strikte Kontrolle des iranischen Atomprogramms. Umgekehrt traut der Iran den Amerikanern nicht und befürchtet, dass sie den Vertrag erneut kündigen. Zudem ist der Iran nicht länger zur Kontrolle bereit, wie die IAEA in ihrem jüngsten Bericht von Juni dieses Jahres bemängelt:

"Seit dem 23. Februar 2021 hat die Organisation keinen Zugang mehr zu den von ihrer Überwachungsausrüstung gesammelten Daten und Aufzeichnungen und war nicht in der Lage, die tägliche Kontrolle auf Anfrage durchzuführen."

Hinzu kommt: Seit dem Besitz der Atombombe wähnt sich das kommunistische Regime in Nordkorea in Sicherheit vor einem Regimesturz – eine aus Sicht des Iran höchst erstrebenswerte Position.

Fazit: Der Westen ist gut beraten, sich auf eine neue Atommacht in Fernost einzustellen. Die bittere Erkenntnis dieser Tage ist diese: Es gibt keine Exklusivität auf die Drohung mit dem Ende der Menschheit. Zynisch gewendet könnte man sagen: Die Führungsrolle der USA wirkt. Was Amerika kann, wollen die anderen auch dürfen.

Ich wünsche Ihnen einen optimistischen Start in den Tag.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart


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