Der ehemalige Finanzsenator Berlins, Thilo Sarrazin, hat sich zu Klaus Wowereits Rücktritt als Regierender Bürgermeister der Hauptstadt geäußert. Er habe "Respekt" für den scheidenden Regierungschef, schrieb Sarrazin in einem Gastbeitrag für die "Bild": "Wowereit konnte anmaßend und hochfahrend sein, hat seine Senatoren nicht immer fair behandelt. Wer das aushielt, kam prima mit ihm klar, solange man gewisse rote Linien nicht überschritt."

Wowereit habe "den Geist der Stadt lange Zeit perfekt gespiegelt – im Positiven wie im Negativen", so Sarrazin. "Die Berliner – und auch viele Deutsche – sahen in dem Regierenden das Sympathisch-Schnodderige von Berlin, das auf jedem Parkett tanzen kann".

Doch im Laufe seiner 13 Regierungsjahre sei Wowereit "aus der Zeit gefallen. Und das alte Berlin ebenso", analysiert Sarrazin. "Der Geist der Stadt hat sich verändert. Es reicht nicht mehr das 'Icke bin Icke' und 'Mir kann keener' des Altberliners." Wowereits Sprüche ("Arm, aber sexy") seien "lange Zeit ein Schutzschirm der Berliner vor dem ungeliebten Status als bundesdeutsche Hauptstadt" gewesen, meint der Ex-Finanzsenator und SPD-Politiker Sarrazin. Doch inzwischen lebten "andere Menschen in der Stadt. Die Zeit der Selbstgefälligkeit ist vorbei."

Über Jahre habe der Regierende Bürgermeister "das Chaos einer Millionen-Metropole" gemanagt , "soweit man das managen kann. Doch spätestens beim Hauptstadt-Flughafen BER hat sich Wowereit selbst überfordert: Erfahrungen mit Großbauprojekten hatte er keine, auch nicht mit Unternehmens-Management. Da passieren leicht Fehlentscheidungen. Und die hat Wowereit in Sachen BER leider getroffen!"

Sarrazin macht in seinem Beitrag die SPD-Linke unter dem Landespartei-Chef Jan Stöß für Wowereits Rücktritts-Ankündigung verantwortlich. Er habe schon 2009 gespürt, dass "Wowereits Machtbasis bröckelt. Die Parteilinke unter dem heutigen Berliner SPD-Chef Jan Stöß arbeitete Schritt für Schritt an Wowereits Demontage."

Er rechne damit, dass sich die Landes-SPD in der Zeit bis Wowereits Rücktritt Mitte Dezember "nach Herzenslust öffentlich zerfleischen und niedermachen" werde, bis ein geeigneter Kandidat für Wowereits Nachfolge gefunden sei. (men/bild)