Türkei-Wahl: Recep Tayyip Erdogans Gegenkandidaten am 24. Juni

Am 24. Juni wählt die Türkei einen neuen Präsidenten. Aktuelle Umfragen prognostizieren, dass der neue Präsident der alte sein wird: Recep Tayyip Erdogan. Doch je näher die Wahl rückt, desto enger wird das Rennen. Die Gründe dafür, Erdogans Gegenkandidaten und ihre Chancen bei der Wahl 2018.

Am 24. Juni wählen die Türken einen neuen Präsidenten. Favorit ist Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan. Er regiert seit 2003 als Kandidat der muslimisch-konservativen AKP. Sicher ist sein Sieg allerdings nicht. Weshalb der Wahlausgang offen ist und welche Gegenkandidaten Chancen auf einen Wahlsieg haben, sehen Sie hier.
Knapp zwei Wochen vor den Wahlen hat der türkische Staatschef Erdogan am 11. Juni eine neue Militäroperation im Nordirak begonnen. Nach der Eroberung Afrins in Syrien haben Erdogan und sein rechtsextremer Verbündeter Devlet Bahceli von der MHP auf die Nationalismus-Karte gesetzt und vorgezogene Neuwahlen verkündet.
Weiterer Grund für die vorgezogenen Neuwahlen ist die schlechter werdende wirtschaftliche Lage. Die niedrigen Zinsen lassen die Inflationsrate steigen, die Lira verliert immer weiter an Wert. Bei einer Wahlkampfveranstaltung hat Erdogan die Bürger zuletzt aufgerufen, Dollar und Euro umzutauschen, um die Lira zu stützen.
Die Repressalien nach dem Putsch 2016 und die wachsenden diplomatischen Spannungen mit der EU und Deutschland 2017 haben den für das Land essentiellen Tourismus-Sektor hart getroffen. Die ausbleibenden Einnahmen belasten die Wirtschaft.
Weiterer Konfliktherd ist Erdogans Abkehr vom laizistischen Kurs des Staatsgründers Atatürk. Die monumentale Moschee Camlica auf der asiatischen Seite Istanbuls zum Beispiel ist umstritten, weil sie als Symbol einer Islamisierung der Gesellschaft gesehen wird. Vor allem die westlich geprägten urbanen Eliten verprellt Erdogan damit.
Davon profitiert vor allem Muharrem Ince, der in Umfragen bei 25 Prozent liegt und damit in die Stichwahl gegen Erdogan gehen dürfte. Er ist Kandidat der Republikanischen Volkspartei (CHP), einer sozialdemokratischen, laizistischen Partei, die vom Vater der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, gegründet wurde.
Dogu Perincek ist Kandidat der Vatan Partisi ("Vaterlandspartei") und leugnet den Völkermord an den Armeniern. Er ist als Nationalist gegen einen EU-Beitritt der Türkei und sympathisiert mit der eurasischen Bewegung von Alexander Dugin. Mit nicht einmal einem Prozent der Stimmen in Umfragen ist er weit abgeschlagen.
Temel Karamollaoglu ist Spitzenkandidat der islamistischen Saadet Partisi ("Partei der Glückseligkeit"), dem politischen Arm der Milli-Görüs-Bewegung. Umfragen sehen den 76-Jährigen mit nur knapp über zwei Prozent chancenlos auf dem vorletzten Platz.
Mit Selahattin Demirtas, dem Frontmann der pro-kurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), tritt zum ersten Mal in der türkischen Geschichte ein Präsidentschaftskandidat vom Gefängnis aus an. Der Menschenrechtsanwalt sitzt seit über anderthalb Jahren in Untersuchungshaft. Er steht vor allem für die Aufhebung des Ausnahmezustands.
Selahattin Demirtas könnte trotz der widrigen Wahlkampfbedingungen einen Achtungserfolg erzielen. Nach einer repräsentativen Umfrage des türkischen Meinungsforschungsinstituts Sonar Anfang Juni kann er mit etwa acht Prozent der Wählerstimmen rechnen und läge somit auf Rang vier.
Meral Aksener ist die einzige Frau unter den Kandidaten. Die ehemalige Innenministerin gründete nach ihrem Ausschluss aus der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) die Iyi Parti ("Gute Partei"). Ihr Nationalismus macht sie für Kurden unwählbar. Umfragen sehen sie hinter Muharrem İnce mit etwa zwölf Prozent auf dem dritten Platz.
Es wird spannender, als es Erdogan lieb sein kann, je näher die vorgezogenen Neuwahlen am 24. Juni rücken. Obgleich Erdogans dominante Präsenz im öffentlichen Raum und in den Medien unübersehbar ist: Die kriselnde Wirtschaft, das rigide Vorgehen gegen politische Gegner und der Umbau der Gesellschaft wecken immer mehr Widerstand.
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