Donald Trump hat in der vergangenen Woche tausende zusätzliche Soldaten und verstärkte Kampfeinsätze gegen Terroristen in Afghanistan angekündigt. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt der Experte Mirco Günther, wie gefährlich die Lage im Land ist - und weshalb Abschiebungen von Afghanen aus Deutschland fragwürdig sind.

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Herr Günther, US-Präsident Donald Trump will den Kampf gegen den Terror in Afghanistan militärisch forcieren. Wie gefährlich ist die Lage im Land?

Mirco Günther: Die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert - mit einem anhaltenden Rekordniveau ziviler, militärischer und polizeilicher Opfer.

Fortdauernde Kämpfe in vielen Landesteilen, kriminelle Netzwerke, korrupte Sicherheitsorgane, private Milizen, eine regelrechte Entführungsmafia, sexuelle Gewalt - Unsicherheit hat viele Gesichter in Afghanistan.

Und Attentate sind an der Tagesordnung?

Attentate sind leider alltäglich. Kabul hat seit Anfang des Jahres wenigstens zehn größere Anschläge mit vielen Todesopfern erlebt. Wir hatten nach Angaben der UN-Mission einen Höchststand an zivilen Todesopfern und Verletzten - fast 3.500 Todesopfer und mehr als 7.900 Verletzte im letzten Jahr, und ebenfalls besorgniserregende Zahlen in der ersten Hälfte dieses Jahres (1.662 Zivilisten getötet und 3.581 weitere verletzt, Anm. d. Red.).

Vor allem Kabul ist immer wieder Ziel von Anschlägen, aber auch der Norden, ein Gebiet, in dem die Bundeswehr viele Jahre lang war.

Die Nato hat 13.000 Soldaten in Afghanistan stationiert, darunter sind rund 8.400 Amerikaner. Trump will das Kontingent um 4.000 Mann erhöhen - der richtige Weg?

Was man zu Höchstzeiten mit 130.000 Nato-Soldaten nicht geschafft hat, wird man jetzt auch nicht mit 13.000 Soldaten plus eventuell 4.000 erreichen.

Was wir brauchen, ist eine koordinierte Strategie, kein immer wiederkehrendes Auf und Ab in Truppenzahlen.

Wer fährt welche Strategie?

Trumps Ansatz ist zu einseitig. Der US-Präsident entscheidet sich für eine noch stärkere Rückkehr zum Kampfeinsatz. Sprich, wir werden wohl weitere sogenannte "Mütter aller Bomben" (MOAB) und Drohnenangriffe sehen.

Die MOAB warfen die USA im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat im April in Ost-Afghanistan ab. Die Reaktionen aus Berlin zeigen indes, dass für die deutsche Politik der Schwerpunkt weiter auf der Ausbildung und Beratung afghanischer Streitkräfte durch die Bundeswehr (rund 980 Soldaten vor Ort, Anm. d. Red.) liegt.

Ich bin nicht der einzige Beobachter, der sagt, dass ein militärischer Sieg sehr wahrscheinlich nicht möglich sein wird.

Warum?

Bestenfalls bleibt es bei dem strategischen Patt. Die Taliban kontrollieren aktuell zwar etwa 40 Prozent des Landes. Gleichzeitig ist es ihnen aber bisher nicht gelungen, eine Provinzhauptstadt für längere Zeit zu halten.

Der Konflikt kann nur politisch gelöst werden. Die Ansage von Trump, keinen Staatsaufbau mehr zu betreiben, sondern Terroristen töten zu wollen, ist vor diesem Hintergrund sehr besorgniserregend.

Primär bekämpft man Terrorismus durch starke staatliche Institutionen, durch eine handlungsfähige Regierung, durch nicht-korrupte Gerichte.

Doch der Staatsapparat funktioniert nicht?

Die sogenannte Regierung der Nationalen Einheit ist sehr zerstritten. Oft laufen Diskussionen auf Streits zwischen den Lagern von Präsident Ashraf Ghani und De-facto-Regierungschef Abdullah Abdullah hinaus.

Präsident Ghani selbst bezeichnete das Innenministerium als das "Herz der Korruption".

Wenn Trump nun von Terroristen spricht, meint er nur die Taliban?

Die afghanische Regierung geht davon aus, dass sie mit ungefähr 20 Terrororganisationen im Kampf steht. Davon sind die Taliban und der IS, der in Afghanistan "IS in der Provinz Khorasan" (ISKP) heißt, und Al-Kaida die bekanntesten.

Trump hat bereits angedeutet, dass man für eine Lösung des Konflikts zwangsläufig in Gespräche mit den Taliban wird treten müssen. Absprachen selbst mit Kriegsverbrechern werden wohl bittere Kompromisse sein.

Der Deal mit dem ehemaligen Warlord Gulbuddin Hekmatyar, der nach Kabul zurückdurfte, ist ein Beispiel dafür.

Die Bundesregierung definiert derweil zwölf Provinzen als relativ sicher und hält die Bedrohung für Zivilisten für "niedrig". Wie bewerten Sie diese Einschätzung?

Das, was heute noch als sicher erscheint, kann morgen bereits unsicher sein. In mehreren der im Bericht der Bundesregierung genannten zwölf Provinzen - Balkh, Baghlan, Farah oder Ghor - gab es im August schwere Kämpfe.

Jüngste Berichte der IOM (Internationale Organisation für Migration, Anm. d. Red.) oder des Leiters der UN-Mission kommen zu anderen Einschätzungen, was die Bedrohungslage für Zivilisten angeht.

2016 ist die Zahl der Binnenflüchtlinge zum Beispiel um über 600.000 gestiegen.

Die Bundesregierung will aber Straftäter aus Afghanistan weiter in ihr Heimatland abschieben.

Man sollte zunächst darauf hinweisen, dass die Bundesregierung Afghanistan nicht als sicheres Herkunftsland im Sinne von Paragraph 29a Asylgesetz einstuft.

Der Ansatz ist, dass man Abschiebungen nach gründlicher Prüfung eines jeden Einzelfalls verantwortet. Und da stellen wir fest, dass von den 105 nach Afghanistan rückgeführten Personen in den fünf Sammelflügen zwischen Dezember 2016 und April 2017 nur ein kleiner Teil tatsächlich zur Gruppe der Straftäter, Gefährder und sogenannten Identitätsverschleierer gehörte.

Viele der anderen Afghanen lebten schon lange in Deutschland und waren vergleichsweise gut integriert. Wenn man, wie ich, einige dieser Menschen persönlich kennt, kommen Zweifel bezüglich der Gründlichkeit der Einzelfallprüfungen auf.

Mirco Günther ist Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan. Zuvor war er für die OSZE in der Ukraine, Tadschikistan und Kasachstan tätig. Er hat Politikwissenschaft, Nahost- und Zentralasienstudien und Public Administration in Berlin, Moskau, St. Andrews und an der Harvard University studiert.