"Planlos", "verantwortungslos", "hochriskant": Aus den Kommentaren der internationalen Presse zum Rückzug der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran spricht große Sorge. Donald Trump habe den Nahen Osten näher an einen Krieg gebracht und Verbündete verprellt.

So bewerten amerikanische und internationale Medien den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran:

"Krieg wahrscheinlicher gemacht"

Die liberale amerikanische Zeitung "Washington Post" schreibt: "Saudi-Arabien und Israel hoffen vermutlich, dass Trumps Entscheidung die USA durch eine Konfrontation mit ihrem Feind Iran wieder in den Nahen Osten zurück bringt. Der Präsident hat oft gesagt, dass er keine weiteren Kriege im Nahen Osten wünscht; seine Entscheidung hat einen Krieg wahrscheinlicher gemacht."

"Trumps fiktiver Plan" wird nicht aufgehen

Die liberale amerikanische "New York Times" schreibt: "Wenn es um die Gefahr eines nuklearen Wettrüsten im Nahen Osten geht, gibt es keine Anzeichen, dass der Iran oder irgendeine der anderen wichtigen Kräfte in dem existierenden und bislang erfolgreichen Pakt einfach Trumps fiktiven neuen Plan akzeptieren.

Es ist wahrscheinlicher, dass seine am Dienstag verkündete Entscheidung dem Iran erlauben wird, ein robustes Atomprogramm wieder aufzunehmen, die Beziehungen mit engen europäischen Verbündeten verschlechtert, Amerikas Glaubwürdigkeit aushöhlt, die Grundlagen für einen möglichen breiteren Krieg im Nahen Osten schafft und es erschwert, mit Nordkorea ein solides Abkommen über sein Atomwaffenprogramm zu erreichen."

"Ein dramatischer Moment"

Die Wiener Zeitung "Der Standard" schreibt: "Keine Überraschung, aber doch ein dramatischer Moment: US-Präsident Donald Trump vernichtet das Herzstück der Diplomatie seines Vorgängers, den Atomdeal mit dem Iran. Die Erwartung, dass alles bis ins Kleinste durchdacht und geplant ist, wenn ein US-Präsident solch eine wichtige sicherheitspolitische Entscheidung fällt, kann man sich, nüchtern gesagt, abschminken."

"Größter Fehler seiner Amtszeit"

Das deutsche Magazin "Der Spiegel" schreibt: "Trump begeht den bislang wohl größten außenpolitischen Fehler seiner Amtszeit. Die von ihm in Feldherrenpose vorgetragene Aufkündigung des Iran-Abkommens ist hochriskant, verantwortungslos, ja, dumm."

Entscheidung bringt "zwei Bedrohungen" mit sich

Die konservative französische Zeitung "Le Figaro" schreibt: "Trump hofft wahrscheinlich, Teheran zum Einknicken zu bringen wie Pjöngjang. Aber der Iran ist kein Einsiedler-Land ohne Ressourcen. Die Mullahs sehen, wie Kim Jong Un es geschafft hat, sich Respekt zu verschaffen, indem er in den Atom-"Club" aufgestiegen ist. Sie sehen auch, dass Trump sich gerade in der CIA und im Außenministerium mit Falken umgeben hat, die Anhänger des "Regime-Wechsels" sind...

Falls dieses Atom-Abkommen endgültig untergeht, wird die Zukunft von zwei Bedrohungen belastet. Kurzfristig eine Konfrontation zwischen Israel und dem Iran. Längerfristig ein allgemeiner Neustart des Rennens nach der Atomwaffe."

"Der Ausstieg gefährdet die Welt"

Die linksliberale israelische Zeitung "Haaretz" schreibt: "Die Tatsache, dass (der israelische Regierungschef Benjamin) Netanjahu nachweisbar und öffentlich gegen das Abkommen vorgeht, könnte den Eindruck erwecken, dass Israel die Welt zu einem Krieg drängt. Der Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem Vertrag, unter anderem wegen der von Netanjahu gelieferten "Beweise", könnte zu einer Spaltung innerhalb Israels natürlicher Koalition führen.

Der Ministerpräsident denkt vielleicht, die Israelis sollten Trump dankbar sein, aber gegenwärtig gefährdet der Ausstieg der USA die Welt und bedroht Israel."

"Trump hat nicht für den 'Tag danach' geplant"

Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt: "Nichts deutet darauf hin, dass Trump ernsthaft für den 'Tag danach' geplant hat.

Wie werden die Amerikaner reagieren, wenn Iran das Atomabkommen seinerseits zu verletzen beginnt und beispielsweise die Urananreicherung ankurbelt? Wie wollen die USA in einigen Wochen beim Gipfeltreffen mit Nordkorea glaubwürdige Zusagen machen, wenn sie gegenüber Iran soeben wortbrüchig geworden sind? Nehmen sie in ihrer Sanktionspolitik einen weiteren Handelskonflikt mit Europa in Kauf? Und wie will Trump glaubwürdig eine Politik der Härte gegenüber Iran verfolgen, wenn er gleichzeitig den Abzug aus Syrien plant und den Iranern dort freies Feld überlässt? Die Antworten auf all diese Fragen sind offen."

"Büchse der Pandora geöffnet"

Die belgische Zeitung "De Tijd" schreibt: "Die Spannungen zwischen dem schiitischen Block rings um den Iran und dem sunnitischen Lage unter Führung von Saudi-Arabien werden zunehmen. Besonders, da sich nun Israel und Saudi-Arabien, objektiv betrachtet, in einer Allianz zusammengefunden haben. Das verstärkt die Möglichkeit einer weiteren militärischen Eskalation in der Region.

Die Politik Trumps beruht weiter auf Impulsivität und Chaos. Die USA sind nicht länger eine stabilisierende Macht. Im Gegenteil. Trump hat die Büchse der Pandora geöffnet. Die Folgen sind nicht absehbar." (mcf/dpa)

Donald Trump hat entschieden - doch längst nicht alle Fragen zum Atomabkommen mit dem Iran sind beantwortet. Ob der Deal auch ohne die USA überleben kann, ob der Iran einlenken muss - oder ob es gar zu einem Krieg kommt: Die USA liefern derzeit wenig konkrete Hinweise.






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