Donald Trump rechnet offenbar nicht mehr mit einem Sieg im November. Er will trotzdem an der Macht bleiben. Die Chancen, dass er damit durchkommt, stehen nicht schlecht.

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Viele Amerikaner haben die Sorge, dass Donald Trump eine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl nicht anerkennen würde. Das ist verständlich, der Präsident hat öffentlich Zweifel an einer friedlichen Machtübergabe gesät.

Doch die wirkliche Gefahr lauert anderswo. Es kann Wochen dauern, bis alle Stimmen ausgezählt sind und das Ergebnis feststeht. So lange wird Trump nicht warten.

Er hat einen Plan B: Er wird sich schon vorher zum Sieger erklären - und das könnte funktionieren. Die Coronakrise und das chaotische amerikanische Wahlsystem spielen Trump in die Hände.

Trump hat mehrfach gezeigt, dass er unfähig ist, eine demokratisch zustande gekommene Niederlage zu akzeptieren. Als er bei den republikanischen Vorwahlen im Jahr 2016 gegen seinen damaligen Konkurrenten Ted Cruz unterlag, sprach er von Betrug und forderte eine Wahlwiederholung.

Warum aber sät Trump nur wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl weitere Zweifel an seiner demokratischen Gesinnung? Es ist kaum zu erwarten, dass er damit die wichtigen Wechselwähler in den Vorstädten für sich gewinnt.

Die Erklärung ist einfach: Der Präsident hat die Hoffnung aufgegeben, auf regulärem Weg an der Macht zu bleiben. Die Umfragen sehen seinen demokratischen Widersacher Joe Biden seit Wochen stabil vorne, auch in wichtigen Swing States. Alle Versuche Trumps, Bidens Vorsprung zu verringern, haben nicht gefruchtet.

Um Präsident bleiben zu können, muss Trump die Wahl delegitimieren. Das versucht er seit Monaten. Die Wahl werde der "größte politische Schwindel der Geschichte", sagt er.

Seine Attacken gelten vor allem der Briefwahl. Wegen der Coronakrise wird eine Rekordzahl an Bürgern per Brief abstimmen. Der massive Betrug dabei werde "eine Schande für unser Land sein", behauptet Trump.

Belege dafür gibt es keine. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die Briefwahl nicht betrugsanfälliger ist als der reguläre Gang zur Urne. Das bestätigte der FBI-Direktor Christopher Wray erst in der vergangenen Woche.

Trumps Tiraden haben einen Effekt, der ihm auf den ersten Blick zu schaden scheint. Viele republikanische Wähler wollen ihre Stimme aus Angst vor einem imaginären Wahlbetrug nicht per Post abgeben. Weil aber die Republikaner besonders von älteren Bürgern gewählt werden, die in Zeiten der Pandemie den Gang ins Wahllokal scheuen, schwächt Trump mit seinen haltlosen Behauptungen die eigene Partei.

Dennoch kommt dem Präsidenten diese Entwicklung zupass. Laut Umfragen liegt Trump bei Wählern, die persönlich ihre Stimme abgeben wollen, vorn. Biden hatten dagegen einen noch deutlicheren Vorsprung bei den Briefwählern.

Das Szenario, auf das Trump spekuliert und das viele Experten für wahrscheinlich halten, sieht folgendermaßen aus: Am Wahlabend führt der Präsident. Erst mit Auszählung der Briefwahlstimmen, die länger dauert, holt Biden auf. Am Ende liegt der Demokrat vorn.

So weit will Trump es nicht kommen lassen. Das Ergebnis müsse am Wahlabend feststehen, hat er mehrfach betont. Er wird daher sich bereits in der Wahlnacht zum Gewinner ausrufen.

Dann beginnt der eigentliche Kampf um das Wahlergebnis. Die Auszählung aller Stimmen kann lange dauern. Bei den Vorwahlen in New York in diesem Jahr standen die Sieger erst nach einem Monat fest.

Trump hat alles dafür getan, die Wahl zu chaotisieren. Er hat die Post geschwächt, damit die Wahlzettel nicht rechtzeitig ankommen. Er hat die notwendigen Mittel blockiert, die die Staaten gebraucht hätten, um sich auf den Ansturm der Briefwähler vorzubereiten. Und seine Partei versucht auf juristischem Wege jede Initiative zu verhindern, die die Briefwahl erleichtert.

Das hat dazu geführt, dass in vielen Staaten die Briefwahlen schon begonnen haben, obwohl noch rechtliche Fragen ungeklärt sind. Am Ende könnten Hunderttausende in gutem Glauben abgegebene Stimmen ungültig sein.

Je mehr Durcheinander, desto besser für Trump. Dadurch steigt seine Chance, dass die Wahl nicht regulär entschieden wird.

Trump hat bereits klargemacht, dass er erwartet, dass am Ende das Oberste Gericht den Wahlsieger bestimmt. Deshalb will er die durch den Tod von Ruth Bader Ginsburg freigewordene Stelle am Supreme Court noch vor der Wahl besetzen. Wenn die Wähler Trump keine zweite Amtszeit gewähren, dann sollen es die von ihm ernannten Richter tun.

Es ist durchaus möglich, dass dies so kommt. Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 siegte der Republikaner George W. Bush gegen seinen demokratischen Konkurrenten Al Gore, weil die konservative Mehrheit am Supreme Court ein Ende der Neuauszählung der Stimmzettel in Florida anordnete. Warum sollte sich das nicht wiederholen?

Noch ist vieles unsicher. Vielleicht gewinnt Trump ohnehin. Vielleicht ist Bidens Vorsprung so groß, dass alle Tricks des Präsidenten nicht fruchten. Fest steht, dass es diesmal um mehr als nur einen Machtwechsel im Weißen Haus geht. Die Zukunft der amerikanischen Demokratie steht auf dem Spiel.  © DER SPIEGEL

NYT-Bericht über mickrige Steuerzahlungen setzt Trump unter Druck

Die "New York Times" erhielt nach eigener Darstellung Zugang zu Steuerunterlagen über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten, die den Präsidenten wie auch Hunderte Firmen seines Geschäftsimperiums betreffen.