Sein Wahlkampfmanager hatte mit einer Rekordnachfrage nach Tickets geprahlt, doch beim Auftritt von Donald Trump in Tulsa blieben viele Plätze leer. Steckt eine Aktion junger Social-Media-Nutzer dahinter?

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Noch am vergangenen Sonntag präsentierte Donald Trumps Wahlkampfmanager Rekordzahlen. 800.000 Tickets seien für Trumps Wahlkampf-Veranstaltung in Tulsa, Oklahoma, bereits angefragt worden, schrieb Brad Parscale auf Twitter. Er sprach von der bislang mit Abstand größten Nachfrage bei Trump-Rallys überhaupt, am Montag waren es dann laut Parscale schon über eine Million Anfragen.

Die Bilder, die aber am Samstagabend aus der Arena ins Fernsehen, ins Web und so in alle Welt drangen, passten überhaupt nicht zu diesen Ankündigungen: Ein beachtlicher Teil der fast 20.000 Zuschauer fassenden Arena war leer geblieben - allem angeblichen Andrang zum Trotz. Laut "Forbes" sprach die Feuerwehr von Tulsa von gerade einmal knapp 6200 Besuchern. Und auch ein Auftritts Trumps außerhalb der Halle war kurzfristig abgesagt worden, mutmaßlich, weil es kaum Publikum dafür gab. Eine Blamage, erst recht angesichts der Prahlereien des Trump-Teams.

Doch was war der Grund für das offenbar massiv überschätzte Interesse an dem Auftritt? Hatten Trump-Fans letztlich doch Angst davor, sich bei einer Massenveranstaltung mit dem Coronavirus zu infizieren? Fürchteten sich Ticket-Besteller vor Protestierenden, die im Umfeld des Events auf die Straße gingen, wie es auf Twitter kursierende Theorien nahelegen, deren Verbreitung Brad Parscale mit mehreren Retweets befeuerte?

Oder hatte der ein oder andere Interessent vielleicht Sorge, bei solch einem Andrang gar nicht erst in die Arena zu kommen? Immerhin ließen sich vorab keine festen Plätze buchen, es galt das Prinzip "First come, first served".

Sich für das Event anmelden, bewusst nicht hingehen

Letztlich dürften verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt haben - darunter auch einer, der Trumps Wahlkampfteam wohl gar nicht gefallen dürfte: Jede Menge junge US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner könnten gezielt Tickets zu der Veranstaltung gebucht haben, um dann bewusst nicht hinzugehen. Von solchen Plänen im Netz berichtet unter anderem die Social-Media-Expertin Sarah Frier, die mit "No Filter" kürzlich ein viel beachtetes Buch über Instagram veröffentlicht hat.

Dass es in Apps wie TikTok tatsächlich Aufrufe gab, sich für das Event zu registrieren und dann als Protest gegen den Präsidenten fernzubleiben, lässt sich anhand diverser Videos nachvollziehen. Der Clip, der alles ins Rollen brachte, dürfte dabei von Mary Jo Laupp stammen, die sich selbst "TikTok-Grandma" nennt. Ihr Aufruf, der die Idee eines "No Show"-Protests bereits vorletzten Freitag skizzierte, kommt mittlerweile auf zwei Millionen Abrufe.

Andere Videos zum Thema, die vor allem von jungen Nutzerinnen und Nutzern stammen, haben zwar längst nicht alle derart hohe Klickzahlen. Oft finden sich neben den Clips aber zustimmende Kommentare, die auf eine Verbreitung der Aktion weit über Einzelvideos hinaus hindeuten.

"Oh mein Gott, habe mich gerade für Trumps Rally registriert - und bin so aufgeregt, nicht hinzugehen", gab etwa eine TikTokerin namens "emilysdcp" vor einer Woche zu Protokoll. Ihr Video wurde seitdem 37.000 Mal angesehen.

Auch diverse andere TikTok-Accounts posteten Bestätigungen von Ticket-Bestellungen. Manche tanzten dabei "Macarena", andere lieferten witzige Ausreden für ihr Fernbleiben. So sagte etwa eine junge Frau, sie müsse genau an dem Tag, für den sie Plätze angefragt habe, mit ihrem Gecko spazieren gehen.

Waren es wieder K-Pop-Fans?

Auf Twitter kommentiert Sarah Frier zu solchen Clips, es habe eine "gewaltige virale Anstrengung" im Netz gegeben, wenngleich es schwer zu sagen sei, wie groß genau der Einfluss der Social-Media-Aktionen auf die Besucherzahl am Ende gewesen sei. In einem Bloomberg-Artikel der Autorin heißt es, die Aktionen hätten in den vergangenen Tagen auf TikTok, Instagram und Twitter stattgefunden, erreicht worden seien vor allem Teenager, insbesondere Fans koreanischer Pop-Musik.

Jene K-Pop-Szene hatte zuletzt öfter mit politischen Aktionen Schlagzeilen gemacht, etwa im Zuge der US-Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt nach dem Tod von George Floyd. Dabei wurde etwa der Hashtag #WhiteLivesMatter, mit dem rechte Aktivisten auf eine angebliche Diskriminierung von Weißen hinweisen wollten, mit K-Pop-Videos geflutet, um die rechte Kampagne auszubremsen. Auch einige Kanäle der Netzbewegung Anonymous waren beteiligt.

Technisch war es auch beim Trump-Event unkompliziert, vom heimischen Smartphone aus Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Auf der Website zur Veranstaltung wurden lediglich der Name, die E-Mail-Adresse, die Mobilfunknummer, der Postleitzahlen-Code und der Bundesstaat abgefragt. Da ein Bestätigungscode per SMS kam, die anderen Daten aber mutmaßlich nicht im Detail geprüft wurden, war zur Registrierung im Grunde nur eine funktionierende Handynummer nötig. Eintritt wurde für das Event nicht verlangt.

Angeblich im Alleingang 20 Tickets angefragt

Online fanden sich am Sonntagmorgen deutscher Zeit mehrere Postings von Eltern, die berichten, ihre Kinder und deren Freunde hätten bei den Onlineaktionen mitgemacht - darunter Steve Schmidt, der einst für die Kampagne des Republikaners John McCain zur US-Präsidentschaftswahl 2008 verantwortlich war.

Der Comedian und Rapper Elijah Daniel, der auf Twitter rund 700.000 Follower hat, behauptete derweil, allein er habe 20 Tickets angefragt - woraufhin auch viele andere Twitter-Nutzer angaben, sie hätten sich vielfach angemeldet. Daniel, selbst Jahrgang 1994, hatte die "Generation Z" (gemeint sind damit Menschen, die ungefähr zwischen 1997 und 2012 zur Welt kamen) bereits vor gut einer Woche als "verdammt witzig und skrupellos" beschrieben: Sie hätte dem Präsidenten und den konservativen Medien einen Streich gespielt, indem sie vorgaukelte, eine Million Menschen würden an der Rally teilnehmen, twitterte Daniel schon zu diesem Zeitpunkt.

Der "New York Times" erklärte Elijah Daniel nun auch, viele Nutzer, die online für die Aktion trommelten, hätten ihre Videos binnen 24 Stunden wieder gelöscht, damit die Trump-Kampagne nichts von den Plänen mitbekomme. "Diese Kinder sind klug und haben an alles gedacht."

Für Donald Trumps politische Konkurrenz sind die Hinweise auf eine Aktion junger Menschen, kombiniert mit den Bildern aus Tulsa, nun eine Steilvorlage. So twitterte etwa die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez adressiert an Wahlkampfmanager Parscale, Teenager auf TikTok hätten das Trump-Team ausgetrickst: Dieses habe gedacht, dass eine Million Menschen wegen eines "White Supremacist Open Mic" eine Arena füllen wollten - und das ausgerechnet während der Coronakrise.  © DER SPIEGEL

US-Präsident Trump: Wahlkampfauftakt vor nur wenigen Anhängern

Donald Trump ist zurück im Wahlkampf - auch wenn die Coronakrise noch längst nicht vorbei ist in den USA. Zum Auftakt kam aber kaum jemand. Vorschaubild: Evan Vucci/AP/dpa © ProSiebenSat.1