Auch wenn Joe Biden ihn womöglich ablösen wird: Donald Trump hat bei der US-Präsidentschaftswahl ein besseres Ergebnis geholt, als viele erwartet haben. Eine Ursachensuche.

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Noch ist unklar, ob Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten bleibt – oder ob Herausforderer Joe Biden sein Nachfolger wird. Klar ist indes, dass das Rennen knapp ist – weit knapper als von vielen erwartet. Umfragen hatten Biden vor der Wahl zuletzt mit fünf bis zehn Prozent der Stimmen vorne gesehen.

Nach wie vor stehen viele Amerikaner hinter Trump

Auch Florian Böller ist am Vortag der Wahl davon ausgegangen, dass Biden das Rennen machen wird."Ein Erdrutsch-Sieg allerdings war nicht das wahrscheinlichste Szenario", sagt der Juniorprofessor für Transatlantische Beziehungen an der Technischen Universität Kaiserslautern im Gespräch mit unserer Redaktion. "Allen, die sich ernsthaft mit der US-Politik auseinandersetzen, war klar, dass es auch nur ein knapper Erfolg werden kann – und dass man Trump nicht völlig abschreiben sollte."

Schon zu Beginn der heißen Wahlkampfphase im August hatte Böller erklärt, dass – anders als in deutschen Medien oftmals dargestellt – nach wie vor breite Schichten der US-amerikanischen Gesellschaft hinter Donald Trump stehen. Der Präsident habe einiges umgesetzt, was er versprochen hatte, darunter die Steuerreform und die Besetzung inzwischen dreier konservativer Richter für den Supreme Court.

Experte: "Zu früh für Ursachenforschung"

Der Mittwochnachmittag zeigt, wie schnell sich die Verhältnisse bei der Auszählung ändern können: In Wisconsin und Michigan etwa lag der Präsident lange vorn, doch in beiden Bundesstaaten überholte ihn sein Herausforderer.

"Selbst wenn Biden die Wahl knapp gewinnt, hat er möglicherweise keine Mehrheit im Senat. Das würde es ihm sehr schwer machen zu regieren", betont Florian Böller. Doch so lange nicht klar ist, wer das Rennen macht – und wie es ausfällt, hält der Politikwissenschaftler es noch für zu früh, Ursachenforschung zu betreiben.

Blick auf Florida

Böllers Kollege Christoph Haas von der Universität Freiburg ist "extrem überrascht" über die Höhe, mit der Trump in Florida gewonnen hat. Ausgerechnet bei der umworbenen hispanischen Community dort blieb Biden ein klarer Sieg verwehrt. Stattdessen steigerte Trump seinen Anteil an Wählern in dieser Gruppe sogar.

Gerade bei Menschen mit kubanischen und venezolanischen Wurzeln, deren Familien oder die selbst vor den sozialistischen Regierungen geflüchtet sind, stieß Trump mit seinen Warnungen vorm Sozialismus auf offene Ohren, betont Christoph Haas.

Zudem lebten viele Rentner in Florida. "Wegen Corona ist man zwar davon ausgegangen, dass ein Teil von ihnen für Biden stimmt. Aber eigentlich sind die Senioren in Florida traditionell eher Wähler der Republikaner."

Ohio - aus Sicht der Trump-Gegner ein Sorgenkind

Auch auf Ohio lagen Hoffnungen: ein typischer Swing State mit großer Industriearbeiterschaft, Obama konnte ihn sowohl 2008 als auch 2012 für sich gewinnen. Doch diesmal liegt Trump – wie schon 2016 – deutlich vorn.

"Hier hatte ich zwar einen etwas knapperen Ausgang erwartet", sagt Haas. Aber generell überrascht ist er nicht: "Es ist eine sehr ländliche Gegend, umgeben von klassischen republikanischen Staaten wie West Virginia und Indiana."

Ohio bleibe aus Sicht der Trump-Gegner ein Sorgenkind – denn allzu oft galt in der Vergangenheit: "Wer in Ohio gewinnt, gewinnt auch die Präsidentschaftswahl."

Wirtschaft wichtiger als Rassismus-Debatte?

Gerade durch die Rassismus-Debatte hatten Beobachter den Demokraten Chancen eingeräumt. "Die Black-Lives-Matter-Bewegung und Proteste gegen Polizeigewalt waren allerdings in der letzten Phase des Wahlkampfs nicht mehr so zentral wie Wirtschaft und Covid-19", sagt Florian Böller.

Zum Ende des Wahlkampfs habe es zudem wieder positivere Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung nach den starken Corona-Einbrüchen gegeben. Eine Entwicklung, die Trump möglicherweise in die Hände gespielt hat.

Trumps präsenter Wahlkampf war hilfreich

"Die Frage, wie man mit der Corona-Pandemie und der Lage der Wirtschaft umgehen soll, war sehr umstritten zwischen Demokraten und Republikanern." Sie hat auch den Wahlkampf geprägt. "Trump ist sich treu geblieben und hat alle Warnungen ignoriert", sagt Böller. Große Wahlkampfveranstaltungen ließ er sich auch in der Pandemie nicht nehmen.

Biden indes ist maximal im Autokino aufgetreten. "Dennoch konnten beide Seiten Wähler mobilisieren", betont Böller, die Wahlbeteiligung sei rekordverdächtig hoch. Sie liegt bei rund 67 Prozent (2016: 59,2 Prozent).

"Ich war davon ausgegangen, dass Trump seine Wählerschaft erschöpft hat", sagt Christoph Haas. Aber schon am Mittwochnachmittag ist klar, dass Trump mindestens vier Millionen Wähler mehr mobilisieren konnte als 2016. "Die Frage hierbei ist, wie viele davon vorher Nichtwähler waren und wie viele von den Demokraten abgewandert sind."

Gleichzeitig habe Biden schon jetzt rund drei Millionen Wähler mehr als die demokratische Kandidatin Hillary Clinton vor vier Jahren. "Er hat einen guten Job gemacht", sagt Haas.

Neuauszählungen und juristische Streitigkeiten?

USA-Experte Florian Böller geht davon aus, dass man sich in Sachen Wahlergebnis noch länger gedulden muss. "Ich denke, es wird so knapp, dass teilweise Neuauszählungen beantragt werden." Er kann sich vorstellen, dass beide Parteien Wahlergebnisse juristisch anfechten werden.

Auch sein Kollege Christoph Haas hatte am Vorabend der Wahl bei einer Podiumsdiskussion auf Biden gesetzt. "Vor allem bei denjenigen, die einen Erdrutschsieg erwartet haben, war wohl auch der Wunsch der Vater des Gedanken."

Wahrscheinlichkeiten sind keine Gewissheiten, erinnert der Wissenschaftler. "Ich glaube das Ergebnis erst, wenn wirklich alle Stimmen ausgezählt sind."

Alle weiteren Informationen zur US-Wahl finden Sie in unserem Live-Ticker.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Florian Böller
  • Gespräch mit Christoph Haas
  • Politico.com: "This is Trump country: Florida is a swing state no more"
  • Statista: "Hohe Wahlbeteiligung bei der US-Wahl 2020"
Über die Experten: Dr. Florian Böller ist Juniorprofessor für Transatlantische Beziehungen an der TU Kaiserslautern. Im Sommersemester 2020 gab er ein Seminar zu "Wahlen in den USA: Kandidaten, Parteien, Policies".
Dr. Christoph Haas ist Wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das politische System und das politische Denken in den USA.