Es wird schmutzig: James Comey, von Donald Trump entlassener FBI-Chef und der Präsident werfen sich gegenseitig Verbalschlamm an den Kopf. Trump muss als Präsident und als Person viel einstecken.

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Das wird keine Männerfreundschaft mehr: Der frühere FBI-Direktor James Comey hat in einem Buch über seine Gespräche mit US-Präsident Donald Trump ausgepackt und die Veröffentlichung der Schrift medial unter anderem mit einem viel beachteten Fernsehinterview begleitet.

Trump, der die lange geplante Reaktion eigentlich über die republikanische Partei steuern wollte, konnte am Freitag nicht an sich halten: Wutschnaubend feuerte er eine Salve über Twitter in Richtung Comey ab: "Er ist ein schwacher, unehrlicher Drecksack!"

Comey hat in seinem Buch unter dem Titel "A Higher Loyalty: Truth, Lies and Leadership" sowie in den Äußerungen drumherum offensichtlich nicht viel getan, um eine solche Reaktion zu verhindern.

In einem Interview mit dem Fernsehsender ABC ging er ausführlich unter anderem auf die Situation ein, in der er Trump über die Existenz eines Dossiers informieren musste, in dem der ehemalige britische Geheimagent Christopher Steeles Wissenswertes über Trumps Russland-Kontakte zusammentrug.

"Es war eine sehr eigenartige Situation", erinnert sich Comey. "Ich fühlte mich, als wäre ich nicht bei mir. Ich saß da und musste den künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten über Vorwürfe mit Huren in Moskau informieren", sagte Comey und wählte bewusst Worte, die den Präsidenten verletzen müssen. "Ich weiß nicht, ob der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten 2013 mit Huren in Moskau zu tun hatte, die gegenseitig aufeinander urinierten", sagte Comey. "Es ist möglich, aber ich weiß es nicht."

Auch die Möglichkeit, dass irgendwo in Moskau Filmaufnahmen davon existieren, diskutierte Comey. Die eher grundsätzlichen Anschuldigungen gegen Trump, er sei nicht ehrlich, nicht integer, nicht an Inhalten interessiert, sondern lediglich am seiner eigenen Außendarstellung, sie gehen schon fast unter.

Auch die Feststellung Comeys, mit der er den Zustand des Weißen Hauses, der wichtigsten Regierungszentrale der freien Welt, mit einem "Waldbrand" verglich.

Comey gilt als taktisch gewieft

Die Vorwürfe stammen aus dem sogenannten Steele-Dossier, in dem noch viele weitere Verwicklungen Trumps aufgelistet sind, darunter mögliche Verbindungen seines Firmenimperiums nach Russland.

Dass Comey ausgerechnet die Boulevard-verdächtigen, nicht bewiesenen bizarren Sex-Vorwürfe herauspickt, dürfte bei einem Mann vom Kaliber des ehemaligen FBI-Chefs kein Zufall sein.

Der Zwei-Meter-Mann gilt als hochintelligent und taktisch gewieft. Ein Stratege, der ein gutes Gefühl für den richtigen Zeitpunkt hat.

Trump steht persönlich gewaltig unter Druck. Die Vorwürfe um das Porno-Sternchen Stormy Daniels haben ihm und seiner Familie nicht geholfen, sein Freund und Vertrauter Michael Cohen ist Gegenstand einer Razzia geworden. Gerüchte über ein uneheliches Kind machen öffentlich die Runde.

Sein elf Jahre alter Sohn Barron und seine Ehefrau Melania müssen das alles mit ansehen. Dass die Geschichte mit den Prostituierten Trump - laut Comey - ständig in Rage versetzte zeigt, dass auch einem wie ihm offenbar nicht völlig egal ist, was seine Frau und Familie über ihn denken.

Die Trump-Seite hatte sich seit Tagen auf die eigentlich für Sonntag geplante Ausstrahlung des Interview mit Comey und die für Dienstag anvisierte Buchveröffentlichung vorbereitet.

Comey sollte als möglichst unglaubwürdig dargestellt werden, als gescheiterter FBI-Chef, der über seine selbst gelegten Fallstricke gestolpert war und jetzt billig Rache nehmen will.

Der ehemalige FBI-Chef tut Trump und dessen Spin-Doktoren durchaus den einen oder anderen Gefallen. Dass er auf Äußerlichkeiten eingeht, sich nicht verkneifen kann, er selbst sei größer als Trump, dass er die Krawattenlänge des Präsidenten zum Thema macht und der Frage nachgeht, ob die hellen Stellen unter seinen Augen auf Solarium-Gewohnheiten des Präsidenten hindeuten - all dass ist wenig sachdienlich und hat politisch kaum Schlagkraft.

Comey könnte Clinton die Präsidentschaft gekostet haben

Tatsächlich ist auch Comey eine durchaus schwierige Figur im Schachspiel der US-Politik. Einst als geradlinig und aufrecht beschrieben, als tadelloser Elitejurist, weit über den Parteischarmützeln stehend, traf der einst den Republikanern nahestehende Comey zum Ende seiner Karriere als FBI-Chef gleich mehrfach Entscheidungen, die zumindest sehr ungewöhnlich erscheinen.

Dass Comey etwa die Empfehlung des FBI an die Justiz, Hillary Clinton wegen ihrer E-Mail-Affäre nicht anzuklagen, in einer eigenen Pressekonferenz kundtat, ärgerte die Republikaner noch heute.

Dass er dann, wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl im Oktober 2016 die Ermittlungen gegen Clinton wieder aufnahm, mag der ehemaligen Außenministerin den Einzug ins Weiße Haus gekostet haben. "Ich freue mich darauf, mit Ihnen zusammenarbeiten", soll Trump dem FBI-Chef kurz nach der Amtseinführung ins Ohr geraunt haben.

Als Comey sich dann weigerte, Trump in der Russland-Affäre unumwundene Loyalität zuzusichern und auf die Unabhängigkeit des FBI pochte, entließ der Präsident den Chefermittler - ein fast unglaublicher Schritt für die USA und die Rechtsauffassung in diesem Land.

Der Präsident löste damit die Einsetzung von Sonderermittler Robert Mueller aus - und all die Probleme, die er mit diesem seither hat. Und selbst wenn Trump nun Mueller oder dessen Boss im Justizministerium, Rod Rosenstein, entlassen sollte: Das bei Cohen beschlagnahmte Material, inklusive möglicherweise vielsagender Tonaufnahmen, hat das FBI. Oder wie eine CNN-Kommentatoren es formulierte: "Der Zug hat den Bahnhof verlassen."© dpa