Führende US-Politiker fordern den Senatskandidaten Roy Moore zum Rücktritt auf - er soll Mädchen und sehr junge Frauen sexuell belästigt haben. Nur Donald Trump hält sich zurück. Die Erklärung ist denkbar einfach.

Donald Trump hat sonst eigentlich immer zu allem eine Meinung. Nur jetzt, im Fall des stramm konservativen Senatskandidaten Roy Moore, schweigt er. Zumindest bislang.

Der Republikaner aus Alabama wird inzwischen von einem halben Dutzend Frauen glaubwürdig beschuldigt, sie Ende der siebziger Jahren sexuell belästigt zu haben.

In einer örtlichen Shopping Mall soll der damals 30-Jährige sogar für seine aufdringlichen Anmachsprüche berüchtigt gewesen sein. Eines der Opfer war damals gerade einmal 14 Jahre alt. Trotzdem weigert sich der Mann hartnäckig, von seiner Kandidatur für den Senatssitz in dem Bundesstaat zurückzutreten.

Trump wird selbst der sexuellen Belästigung beschuldigt

Die Parteiführung in Washington ist empört, fast alle führenden Republikaner dort haben ihn längst zum Rücktritt aufgefordert. Nur von Trump hört Amerika seit Tagen zu der Sache praktisch: nichts.

Das wird von vielen als ein - erneutes - moralisches und politisches Versagen des Präsidenten gesehen. Vor allem ist Trumps dröhnendes Schweigen aber entlarvend. Es verrät viel über ihn und sein zynisches politisches Spiel.

Trump weiß, dass er als Schiedsrichter in der Sache denkbar ungeeignet ist. Wenn er sich in die eine oder andere Richtung positioniert, muss er fürchten, dass ihm erneut die vielen Fälle von sexueller Belästigung vorgehalten werden, die ihm bereits im Wahlkampf angelastet wurden.

Plötzlich würde all das wieder zum großen Thema werden. Darauf hat er offenbar wenig Lust, zumal noch Klagen gegen ihn anhängig sind.

Statements des Präsidenten gibt es bisher nur, wenn sie nicht die eigene Partei betreffen - wie im Fall des demokratischen Senators Al Franken.

Angst vor der Basis

Mindestens genauso wichtig ist für Trump aber ein anderes Kalkül. Moore, der reaktionäre Ex-Richter, spricht mit seinen populistischen Parolen gegen Homosexuelle, Migranten und gegen das Establishment in Washington genau jene weißen, evangelikalen Wähler in den Südstaaten an, die auch Trump für seine Wiederwahl 2020 braucht. Sie halten eisern zu Moore.

Würde Trump auf allzu scharfen Konfrontationskurs zu Moore gehen, könnten sie ihm das übel nehmen. Er würde sich von dieser Basis entfremden - und zwar weit über Alabama hinaus.

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So lässt der Präsident die Dinge laufen, weicht Fragen nach Moore aus. Zwar attackiert seine Tochter Ivanka den Ex-Richter, aber Trump selbst lässt nur mitteilen, die Menschen in Alabama sollten über Moores Schicksal entscheiden.

Das wiederum löst Kopfschütteln bei vielen moderaten Republikanern aus, die Moore gerne sofort loswerden würden und auf ein Signal des Präsidenten warten.

Die Frage lautet deshalb, wie lange Trump noch bei seiner Linie bleiben kann? Fest steht, dass er offenbar hinter den Kulissen hektisch nach einer Lösung für das Problem sucht.

Angeblich wurde im Weißen Haus bereits erwogen, Justizminister Jeff Sessions nach Alabama zu schicken und kurzfristig als Ersatzkandidaten für Moore in Stellung zu bringen. Sessions war dort früher selbst Senator. Offenbar hat er bislang aber wenig Lust auf den Rollentausch.

Spannung vor Wahl in Alabama

So oder so dürfte Trump der lästige Fall noch eine Weile begleiten. Wenn Moore bei der Wahl am 12. Dezember in Alabama gewinnt, droht ein Eklat im Senat.

Die anderen Senatsmitglieder könnten ihm dann per Abstimmung den Sitz verweigern. Viele scheinen fest entschlossen, genau dies zu tun. Die Republikaner in Washington um Mehrheitsführer Mitch McConell würden statt Moore einen moderaten Senator installieren - und damit sicherlich Trumps Basis empören.

Der Präsident müsste sich dann von seinen Anhängern in Alabama vorhalten lassen, das Wählervotum zu ignorieren und mit dem verhassten Establishment in Washington zu paktieren.

Das andere Szenario ist für Trump aber mindestens genauso unerfreulich. Wenn Moore am 12. Dezember in Alabama gegen den Kandidaten der Demokraten, Doug Jones, verliert (und danach sieht es laut aktuellen Umfragen aus) schmilzt die hauchdünne Mehrheit der Republikaner im Senat auf 51 Stimmen.

Trumps Steuerreform, die noch vor Heiligabend verabschiedet werden soll, wäre ernsthaft in Gefahr. Wohl selten zuvor war eine Wahl in Alabama wohl so spannend - und so wichtig.

Der erzkonservative Politiker Roy Moore will im Dezember in den US-Senat gewählt werden. Ein christlicher Fundamentalist, laut dem "Gottes Gesetz" über dem Rechtsstaat stehen soll. Kurz vor der Wahl sind nun Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den 70-Jährigen aufgekommen. Porträt eines Mannes, vor dem das republikanische Establishment zittert.


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