Durch das gezielte Streuen von Rücktrittsgerüchten versuchen der US-Präsident und sein Team offenbar, Außenminister Rex Tillerson loszuwerden. Doch der leistet Widerstand. Geht er oder geht er nicht?

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In seiner Rolle als gnadenloser Manager in der TV-Serie "The Apprentice" liebte es Donald Trump, junge Mitarbeiter mit großer Geste zu entlassen: "Sie sind gefeuert", sagte er dann kühl. Als Präsident will er nun wohl seinen Außenminister Rex Tillerson loswerden und wählt dafür den indirekten Weg. Er will ihn offenbar aus dem Amt mobben.

Seit die "New York Times" zuerst über einen "Plan" des Weißen Hauses berichtet hat, Tillerson bald durch den bisherigen CIA-Chef Mike Pompeo zu ersetzen, wird immer deutlicher, dass die Indiskretion gezielt gesetzt worden sein könnte, um Tillerson ein Signal zu geben: Es ist Zeit, zu gehen. Der US-Sender CNN berichtete, das Weiße Haus stelle den Minister gezielt bloß, damit er sich bitteschön von selbst zurückzieht.

Zwischen Trump und Tillerson gibt es schon seit Monaten Ärger. Der US-Präsident und der selbstbewusste Ex-Chef des Weltkonzerns ExxonMobil können ganz offenkundig nicht miteinander. Es ist das Aufeinandertreffen zweier Alphamänner, die sich beide dem jeweils anderen überlegen fühlen.

Wo sich Tillerson und Trump unterscheiden

Zuletzt wurde das deutlich, als bekannt wurde, dass Tillerson Trump intern einen "Schwachkopf" (moron) genannt haben soll. Trump bot den Außenminister daraufhin - angeblich im Scherz - an, ihre Intelligenzquotienten miteinander vergleichen zu lassen. So richtig lustig war das aber sicher nicht gemeint. Schon da gab es Rücktrittsgerüchte.

Trump duldet keine allzu selbstbewussten Minister neben sich. Schon gar nicht, wenn sie ihm Widerworte geben. Tillerson hat oft genug deutlich gemacht, dass er in wichtigen außenpolitischen Fragen durchaus eine andere, eine moderatere Position vertritt als der Präsident: Er sprach sich gegen eine Aufkündigung des Pariser Klimavertrags und des Iran-Abkommens aus, er setzt im Konflikt mit Nordkorea eher auf Verhandlungen denn auf Säbelrasseln. Und er sieht - anders als Trump - in einem guten Verhältnis zu den Nato-Verbündeten und zu Europa einen wichtigen Eckpfeiler der US-Außenpolitik.

Allerdings hat sich Tillerson auch unter den Mitarbeitern im Außenministerium Feinde gemacht. Mit harter Hand verdrängt er dort seit Monaten hohe Karrierediplomaten von ihren Posten, lässt wichtige Stellen unbesetzt. Die Stimmung in dem Ministerium soll sehr schlecht sein. Trump liefert er damit einen weiteren Grund, ihn loszuwerden.

Tillersons mächtige Freunde

Wenn Tillerson sich bald freiwillig zurückzöge, wäre das für Trump die eleganteste Lösung. Vor der förmlichen Aufforderung an Tillerson, den Rücktritt einzureichen, schreckt der Präsident offenkundig (noch) zurück. Er möge Entlassungen eigentlich gar nicht so gerne, sagen Leute, die Trump besser kennen. Außerdem hat Tillerson in der Großindustrie und unter den moderaten Kräften in der republikanischen Partei viele einflussreiche Freunde wie etwa den langjährigen Außenminister James Baker. Diese Leute wollen Trump und sein Team offenbar nicht weiter verärgern, sie sind auf den Präsidenten ohnehin nicht allzu gut zu sprechen.

Tillerson wiederum verspürt offenbar wenig Lust, sich von Trump seine Lebensplanung diktieren zu lassen. Nachdem der erste "New York Times"-Bericht über seine angeblich bevorstehende Entlassung bekannt wurde, ließ er seine Sprecherin verkünden, er gehe wie gewohnt seiner Arbeit nach. Ihm mache seine Aufgabe "Freude".

Sigmar Gabriel zu Besuch bei Tillerson

Bei einem Treffen mit dem deutschen Außenminister Sigmar Gabriel im Außenministerium in Washington machte er auf den Gast aus Deutschland einen gewohnt entspannten und konzentrierten Eindruck. Von Rückzugsabsichten keine Spur. Für die nächste Woche hat Tillerson Gabriel seine Teilnahme am Nato-Rat zugesagt, man will über Iran, die Ukraine, Nordkorea und andere Themen sprechen.

Die große Frage lautet nun, wie lange beide Seiten dieses Spiel noch spielen wollen. Obwohl Präsident Trump am Donnerstag mehrfach von Reportern nach Tillersons Zukunft gefragt wurde, vermied er es, seinem Außenminister öffentlich eine Jobgarantie auszusprechen. Er antwortete nur: "Rex ist hier." Und die Sprecherin des Präsidenten sagte, man habe "derzeit" keine Personalien zu verkünden. Ein klares Bekenntnis zu einem Mitarbeiter klingt anders.

Auch Tillerson wird wohl erkennen, dass er durch die immer neuen Rücktrittsgerüchte mehr und mehr zur lame duck wird, zur lahmen Ente. Aus Tillersons Umgebung wurden schon vor Wochen angebliche Überlegungen kolportiert, der Minister wolle sich nach einem Jahr im Amt freiwillig zurückziehen. Er sei genervt von Trump und von dessen erratischem Politikstil. Aber ein Jahr wolle er vollmachen, um dem "Land zu dienen". Das wäre dann Ende Januar, Anfang Februar.

CIA-Chef als neuer Außenminister?

Sollte Tillerson tatsächlich gehen, wäre der jetzige CIA-Direktor Mike Pompeo aus Trumps Sicht wohl die beste Wahl für einen Nachfolger. In den vergangenen Monaten soll er zu einem der wichtigsten Einflüsterer des Präsidenten aufgestiegen sein. Der frühere Panzerkommandant und langjährige Kongressabgeordnete der Republikaner ist stramm konservativ und verfolgt wie Trump eine "America First"-Strategie. Auf die Interessen wichtiger Verbündeter oder anderer Länder wird da eher wenig Rücksicht genommen.

Im Konflikt mit Nordkorea würde Pompeo wohl deutlich härter Auftreten als Tillerson. Auch gegenüber Iran macht er sich für eine unnachgiebige Linie stark. Neuer außenpolitischer Ärger, auch mit wichtigen Verbündeten wie Deutschland, wäre unter diesem Minister deshalb wahrscheinlich.

Zusammengefasst: Zwischen Donald Trump und Rex Tillerson gibt es seit Monaten Ärger, nun spitzt sich die Lage zu: Offenbar will der US-Präsident seinen Außenminister loswerden und streut dafür Rücktrittsgerüchte. Als möglicher Nachfolger wird CIA-Direktor Mike Pompeo gehandelt. Tillerson will allerdings (vorerst) nicht gehen, seine Sprecherin teilte mit, er gehe wie gewohnt seiner Arbeit nach.

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