Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich US-Präsident Donald Trump mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un einigt und das nordkoreanische Atomprogramm gestoppt wird. Wahrscheinlich ist dieses Szenario aber nicht. Nordkorea-Experte Gerhard Mangott warnt: Ein Scheitern könnte zum Krieg führen.

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Vielleicht hat die Welt Donald Trump bisher tatsächlich Unrecht getan und er schafft es, den derzeit weltweit gefährlichsten Krisenherd zu entschärfen. Es ist in der Tat nicht ausgeschlossen, dass die Chemie zwischen dem US-Präsidenten und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un stimmt und die beiden bei ihrem für Mai geplanten Treffen einen Deal aushandeln – unter dem dankbaren Applaus der restlichen Welt.

Bloß: Sehr wahrscheinlich ist dieses Szenario nicht. Davon ist zumindest Gerhard Mangott, Innsbrucker Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen, überzeugt. "Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass das Treffen misslingt", sagt er. Damit würde das Risiko steigen für eine Eskalation, die die Region im schlimmsten Fall an den Rand eines Atomkrieges bringen könnte.

Endlich Aufhebung der Sanktionen?

Trump ist nicht der erste US-Präsident, der seine liebe Not mit der letzten stalinistischen Diktatur der Welt hat. Schon Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama versuchten, eine Gesprächsbasis zu Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il zu finden.

Der hatte den Startschuss zu jenem Atomwaffenprogramm gegeben, mit dem Nordkorea seine Nachbarländer durch Raketentests in Angst in Schrecken versetzt.

In der nordkoreanischen Propaganda ist Amerika der Hauptfeind – ein Narrativ, das auf den Koreakrieg der 1950er-Jahre zurückgeht. Seit damals sind US-Truppen im verfeindeten Südkorea stationiert. Washington sieht sich als Schutzmacht von Seoul.

Eines von Kim Jong Uns Zielen ist der Abzug amerikanischer Soldaten. Zudem sollten die von den USA verhängten Wirtschaftssanktionen aufgehoben und diplomatische Beziehung aufgenommen werden.

Klammheimlich dürfte Kim Jong Un wohl auch auf Wirtschaftshilfe für sein bitterarmes Land hoffen. Über südkoreanische Kanäle hat Pjöngjang Washington das Angebot zu einem gemeinsam Treffen der beiden Staatschefs zukommen lassen.

Trumps Berater gegen Treffen

Die US-Position ist ebenso klar: Washington verlangt die vollständige, irreversible und überprüfbare Denuklearisierung Nordkoreas. Das Atomprogramm müsste eingestampft und internationale Beobachter ins Land gelassen werden.

Das Problem ist: Beide Forderungen sind für die jeweils andere Seite kaum bis gar nicht erfüllbar. Die Vorzeichen für das von Trump und Kim Jong Un vereinbarte Treffen sind also schwierig. Das Risiko eines Scheiterns ist hoch – und dann droht eine Eskalation.

Mangott glaubt, dass es dem international verfemten nordkoreanischen Diktator vor allem um den Prestigegewinn eines Treffens mit dem mächtigsten Mann der Welt ging. Und darum, Zeit zu schinden: "So kann er in der Zwischenzeit das Atomprogramm weiterentwickeln, ohne einen militärischen Schlag befürchten zu müssen."

Trumps Berater rochen den Braten. "Sie wollten nicht, dass er die Einladung annimmt", sagt Mangott. "Er hat das ganz alleine entschieden, weil er der narzisstischen Meinung ist, dass er alleine durch seine Persönlichkeit einen Unterschied machen kann." Kaum vorstellbar, dass sich einer seiner Vorgänger auf derlei eingelassen hätte. "Das ist fahrlässig", urteilt Mangott.

Was aber, wenn es funktioniert? Wie könnte ein guter Abschluss des Gipfeltreffens aussehen?

Mögliche Szenarien

Das positive Szenario seht etwa so aus: Die beiden Staatschefs treffen sich Ende Mai an der Waffenstillstandsgrenze zwischen den beiden Koreas, im so genannten "Friedenshaus". Kim Jong Un gibt den guten Gastgeber und überrascht den amerikanischen Gast mit einem Angebot ohne besondere Gegenleistung: Er ist bereit, das Atomprogramm einzustellen und das auch von unabhängigen Beobachtern kontrollieren zu lassen.

Das wäre freilich erst der Auftakt zu langwierigen Verhandlungen, an deren Ende auch Zugeständnisse Washingtons stehen würden. Klar ist: Alles hängt davon ab, wie Kim Jong Un agiert. Es liegt nicht so sehr an Trump, ob das Treffen ein Erfolg und die Sicherheit der Region nachhaltig garantiert wird.

Und das negative Szenario? Beim Treffen zwischen den beiden Staatschefs kommt es entweder zu keinen Ergebnissen oder gar zu einem Eklat. Nordkorea weigert sich, den ersten Schritt zu machen und das Atomprogramm herunterzufahren. Es gibt keine Einigung zwischen Trump und Kim Jong Un. Am Ende muss der Präsident mit leeren Händen nach Hause fahren, weitere Verhandlungen sind ausgeschlossen. Trump steht blamiert da, er wütet.

Diese Variante hält Mangott für die wahrscheinlichere. Und er warnt vor einer brandgefährlichen Situation, die darauf folgen könnte. "Trump hat keinen zivilen Plan B. Wenn die Gespräche nichts bringen und die USA das Treffen als Misserfolg einstufen, dann wird er eine militärische Option noch mehr als jetzt als einzige Möglichkeit betrachten."

Absage in letzter Minute?

Soll heißen: Wenn das Treffen zwischen Trump und Kim Jong Un schief geht, nimmt die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Atommächten zu. "Das Risiko eines Krieges steigt", sagt Mangott. "Niemand kann sagen, welche Dynamik sich dann entwickelt."

Freilich gebe es noch eine dritte Möglichkeit, räumt der Nordkorea-Experte ein. "Ich halte es nicht für hundertprozentig sicher, dass dieses Treffen überhaupt stattfindet", sagt Mangott.

Angesichts seiner zahlreichen außenpolitischen Bocksprünge ist es in der Tat nicht undenkbar, dass Trump das Meeting mit dem nordkoreanischen Diktator auf Wunsch seiner Berater noch platzen lässt. Worauf nicht nur in Washington viele hoffen dürften.

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