Erst schwieg er lange zu den Belästigungsvorwürfen, jetzt unterstützt Donald Trump den umstrittenen Senatskandidaten Roy Moore in Alabama massiv - und geht damit ein großes politisches Risiko ein.

Amerika steht vor wichtigen Entscheidungen. In dieser Woche soll der Senat erstmals über die große Steuerreform abstimmen. Es geht um Billionen von Dollar. Doch ein anderes Thema fesselt den politischen Betrieb in Washington mindestens genau so sehr.

US-Präsident Donald Trump hat sich entschieden, seiner Partei im Kampf um den umstrittenen Senatskandidaten von Alabama, Roy Moore, eine abenteuerliche Kehrtwende aufzuzwingen. Statt den Mann weiter zu verteufeln, sollen die Republikaner ihm nun zum Sieg bei der Nachwahl am 12. Dezember verhelfen - so stellt sich das Trump zumindest vor.

Donald Trump bricht sein Schweigen

Nachdem er in der Affäre zunächst lange geschwiegen hatte, ist Trump nun innerhalb weniger Tage zum wichtigsten Fürsprecher von Moore avanciert.

Der stramm konservative Ex-Richter wird von einem halben Dutzend Frauen glaubwürdig beschuldigt, sie in den Siebziger- und Achtzigerjahren sexuell belästigt zu haben. Eines der Opfer war damals erst 14 Jahre alt.

Trump will das alles nicht gelten lassen. Zwar vermeidet es der Präsident (noch), direkt zur Wahl von Moore aufzurufen. Doch dafür feuert er inzwischen fast täglich Tweets ab, die als Unterstützung von Moore verstanden werden können - und wohl auch genau so gemeint sind.

Auf gar keinen Fall dürfte der Gegenkandidat Doug Jones von den Demokraten in Alabama gewinnen, twitterte Trump am Sonntag.

Der Mann wäre ein "totales Desaster", einfach "schwach". Und überhaupt: Die Anschuldigungen gegen Moore seien doch mehr als 40 Jahre alt, findet Trump. Man solle Moore deshalb doch bitte auch zuhören, wenn er sage, das alles stimme nicht.

US-Präsident stellt sich gegen seine Unterstützer

Mit der Unterstützung für Moore brüskiert Trump die meisten Republikaner in Washington, die er zur Durchsetzung seiner Agenda braucht. Entsetzt müssen sie mit ansehen, wie sich Trump auf die Seite eines mutmaßlichen Pädophilen stellt. Moral, Anstand, Respekt - all die Tugenden, die die Republikaner jahrzehntelang so gerne für sich in Anspruch genommen haben, scheinen unter diesem Präsidenten nicht mehr zu gelten.

Sowohl der Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, als auch der Chef der Republikaner im Repräsentantenhaus, Paul Ryan, hatten Moore nach Bekanntwerden der Vorwürfe energisch zum Rückzug seiner Kandidatur aufgerufen - ohne Erfolg. Moore weigerte sich, zurückzutreten.

Der Präsident stellt sich mit der neuen Linie auch gegen seine eigene Tochter. Ivanka Trump hatte erst vor wenigen Tagen erklärt, es gebe einen "speziellen Platz in der Hölle" für Männer, die sich an Kindern vergingen, das war klar auf Moore gemünzt.

Warum Trump Moore unterstützt

Trump kümmert das alles nicht. Er sieht in Moore wohl so etwas wie einen "Schicksalsgenossen". Auch Trump wurde im Wahlkampf von mehreren Frauen beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben. Auch er wies die Anschuldigungen als "frei erfunden" zurück, obwohl es sogar ein Videoband gab, auf dem er damit prahlte, wie gerne er Frauen begrapscht.

Hinzu kommt: Mit der Unterstützung für Moore will Trump verhindern, dass die Republikaner den eigentlich sicheren Senatssitz in Alabama zum ersten Mal seit vielen Jahren an die Demokraten verlieren.

Damit würde die Mehrheit seiner Partei im Senat nur noch eine Stimme betragen. Die finale Abstimmung über die Steuerreform, die kurz vor Weihnachten geplant ist, wäre in Gefahr. Ein Scheitern seines Prestigeprojekts will Trump auf keinen Fall riskieren.

Trump setzt wohl darauf, dass die Wähler in Alabama nach immer neuen Missbrauchs-Enthüllungen langsam den Überblick verlieren, auf welcher Seite eigentlich die größeren Bösewichter zu verorten sind.

Ihm hilft dabei, dass seit Tagen Politiker der Demokraten wie Senator Al Franken und der Abgeordnete John Conyers wegen der sexuellen Belästigung von Frauen massiv unter Druck stehen. Conyers soll sogar aus Steuermitteln Schweigegeld an eine ehemalige Mitarbeiterin gezahlt haben.

Trump verfährt nun frei nach dem Motto: Moore ist doch harmlos, die anderen sind viel schlimmer.

Was Trump droht

Fraglich ist jedoch, ob sein Kalkül aufgeht. Die Unterstützung für Roy Moore könnte sich auch als großes Risiko erweisen: Etliche moderate Senatoren bei den Republikanern dürften von Trumps Feldzug für Moore angewidert sein und könnten sich früher oder später in wichtigen Abstimmungen gegen Trump stellen.

Gleiches gilt für manche Wähler der Republikaner in Alabama und im ganzen Land, die sich wegen der Affäre von den Republikanern abwenden könnten.

Sollte Moore trotz Trumps eifriger Hilfe am 12. Dezember verlieren, wäre Trump gnadenlos blamiert. Aber selbst wenn er gewinnen sollte, wäre der Fall damit noch lange nicht ausgestanden.

Mehrere Senatoren erwägen bereits, Moore den Sitz im Senat zu verweigern. Nach den Statuten des Kongresses wäre dies durchaus möglich. Trumps Republikanern drohen dann neue, quälende Streitigkeiten bis weit ins nächste Jahr.

Dann stehen bei den "Midterm"-Wahlen im Herbst weit mehr Kongressposten zur Entscheidung an als nur der eine in Alabama.

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