Rudy Giuliani ist Donald Trumps bissiger Privatanwalt. Die Ukraine-Enthüllungen legen nahe, dass der frühere Bürgermeister von New York in der Whistleblower-Affäre eine ominöse Rolle spielte.

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Lange nicht mehr hat ein einziges Dokument Washington so aufgerüttelt wie die Beschwerde eines Whistleblowers über Donald Trumps Ukraine-Politik. Die neun Seiten enthalten dramatische Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegen den US-Präsidenten und mehrere enge Mitarbeiter - und könnten zu einem Amtsenthebungsverfahren führen.

Neben Trump wird dort zum Beispiel auch US-Justizminister William Barr belastet: Er soll mitgeholfen haben, die ukrainische Führung unter Druck zu setzen, um Trumps demokratischen Rivalen Joe Biden zu diskreditieren.

Doch der Trump-Vasall, den der anonyme Insider in seinem Bericht namentlich am häufigsten anklagt - als einen Hauptakteur des eskalierenden Ukraine-Skandals - ist gar kein US-Regierungsangestellter: Es ist Rudy Giuliani, der frühere Bürgermeister von New York. Trumps Privatanwalt.

Rudy Giulianis Name taucht mehrfach in Ukraine-Dokument auf

Insgesamt 31-mal taucht Giulianis Name in dem Dokument auf, mehr als sonst einer außer Trump selbst. "Mr. Rudolph Giuliani", steht dort ganz zu Anfang über die Ukraine-Kampagne gegen Biden, "ist eine zentrale Figur bei dieser Bemühung".

Eigentlich war Giuliani, 75, zuletzt eher für seine bizarren TV-Auftritte bekannt. Seit Monaten tingelt er durch die US-Sender, um Trump zu verteidigen: mit wirren, wilden Interviews, bei denen er brüllt, gestikuliert und sich selbst widerspricht.

Es ist eine unterhaltsame Strategie, mit der er sich freiwillig zum Narren zu machen scheint - doch die ihm schon in der Russlandaffäre dazu diente, lästige Fakten zu vernebeln. Der Ukraine-Skandal legt nun aber nahe, dass Giuliani hinter den Kulissen eine wesentlich ominösere Rolle spielte.

Giuliani - der nicht vom Weißen Haus bezahlt wird, sondern angeblich pro bono arbeitet, als Trumps privater Ausputzer - sei dessen "persönlicher Botschafter" für die Ukraine gewesen, heißt es da. Sprich: an der damaligen US-Botschafterin vorbei, der angesehenen Diplomatin Marie Yovanovitch, die im Mai vorzeitig geschasst wurde.

Angeblicher Geheimkanal nach Kiew

Giuliani betrieb demnach einen Geheimkanal nach Kiew, um "Nachrichten" Trumps zu übermitteln und Ukraines Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu drängen "mitzuspielen" - mutmaßlich in Sachen Biden. Dabei habe er bewusst den offiziellen "Entscheidungsprozess der nationalen Sicherheit umgangen", so der Whistleblower. EU-Botschafter Gordon Sondland und der Ukraine-Beauftragte Kurt Volker hätten vergeblich versucht, "den Schaden zu begrenzen", den Giuliani angerichtet habe.

Giuliani hat die Ukraine-Kontakte bestätigt. So fragte ihn CNN-Moderator Chris Cuomo neulich, ob er Kiew im Namen Trumps genötigt habe, gegen Biden zu ermitteln. Erst sagte Giuliani: "Nein, habe ich nicht." Eine Minute später antwortete er auf dieselbe Frage: "Natürlich habe ich das!"

Und zwar, wie Giuliani später behauptete, weil er vom US-Außenministerium ausdrücklich darum "gebeten" worden sei. "Giuliani ist ein Privatbürger", dementierte das Ministerium jedoch. "Er spricht nicht für die US-Regierung."

Oder doch? "Rudy weiß sehr gut, was Sache ist, und er ist ein sehr fähiger Kerl", sagte Trump in seinem Juli-Telefonat mit Selenskyj, dessen Protokoll die Enthüllungen diese Woche lostrat. "Wenn Sie mit ihm sprechen könnten, wäre das toll."

Donald Trumps Pitbull und Strippenzieher

Giuliani war also nicht nur Trumps TV-Pitbull, sondern sein Strippenzieher im Schatten - eine ganz neue Seite von "America's Mayor", des einst verehrten Helden einer wunden Nation.

Nach den 9/11-Terroranschlägen war das: Da stapfte der Bürgermeister durch das traumatisierte New York, er kümmerte sich um Feuerwehrleute, Polizisten und Verwundete. Er wandte sich dezent von den Kameras ab, um seine Tränen zu verbergen, sorgte dafür, dass auch sein übernächtigter Stab im Rathaus psychiatrische Hilfe bekam.

Damals galt Giuliani als Amerikas Tröster, Heiler und Mutmacher, personifizierte das mythische Durchhaltevermögen Amerikas. "Turm der Stärke", titelte das Magazin "Time" auf seinem Cover, als es ihn zum "Mann des Jahres" 2001 ernannte.

Giuliani kultivierte diese - weitgehend fiktive - Heldenaura zum Markenzeichen, indem er später eine Beratungs- und Sicherheitsfirma gründete, die ihn zum Multimillionär machte. Hype und Hybris ließen vergessen, dass er einer der kontroversesten Bürgermeister New Yorks gewesen war.

Das verbindet ihn auch mit Trump, den er seit den Achtzigerjahren kennt, als sie beide parallel in der New Yorker Society aufstiegen. Zu Trumps Skandal-Handlanger wurde Giuliani aber erst im Wahlkampf 2016 - und endgültig im April 2018, als Trump in der Russlandaffäre seine Rechtsberater auswechselte.

Seinem heroischen Ruf trauert Giuliani freilich hinterher. "Es ist unmöglich, dass der Whistleblower ein Held ist und ich nicht", echauffierte er sich am Donnerstag in einem Telefongespräch mit dem Magazin "Atlantic". "Diese Idioten - wenn das vorbei ist, werde ich der Held sein."  © SPIEGEL ONLINE

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