Donald Trump steht massiv unter Druck - aber welche Beweise haben die Russland-Ermittler wirklich? Fünf Gründe, warum sich der US-Präsident aus der Affäre ziehen könnte.

Die Russland-Affäre verfolgt Donald Trump seit seinem ersten Arbeitstag als Präsident. Nun will sein früherer Sicherheitsberater Michael Flynn dem FBI als Kronzeuge in der Sache dienen.

"Trumps Präsidentschaft, dieser Albtraum, wird bald zu Ende sein", frohlocken bereits manche Trump-Gegner wie der bekannte Kolumnist Keith Olberman.

Wenn sie sich da mal nicht zu früh freuen. Sonderermittler Robert Mueller nimmt seine Aufgabe zwar sehr ernst und sammelt fleißig Beweise. Doch (noch) bleiben Trump etliche Ausreden und Optionen, um die leidige Affäre von sich fernzuhalten - bis hin zur Entlassung des Sonderermittlers. Fünf wichtige Knackpunkt ein der Affäre, die man jetzt kennen sollte:

1. Trotz Flynn: Trump kann erst mal weiter das Unschuldslamm spielen

Am Anfang der Ermittlungen ging es darum, herauszufinden, inwieweit Trump und sein Team mit russischen Stellen zusammengearbeitet haben könnten, um die US-Wahl zu beeinflussen.

Inzwischen ist die Sache aber viel weiter ausgedehnt worden: Im Fokus steht nun auch die Frage, was Trump und Co. später - als sie ins Amt kamen - getan haben, um mögliche Spuren dieser Zusammenarbeit zu verwischen.

Schon glauben Experten, dass das eigentliche Problem für Trump am Ende nicht die Zusammenarbeit mit den Russen werden könnte, sondern das "cover up", also die Lügen danach und die Verschleierungsversuche.

Bislang wurden zwar einige seiner ehemaligen Berater wie George Papadopoulos oder Michael Flynn der Lüge überführt. Sie machten gegenüber dem FBI falsche Angaben zu ihren Kontakten mit Russen.

Auch sein Schwiegersohn Jared Kushner steht im Fokus. Aber: Bis zu Trump reicht die Sache bislang nicht. Er wird also weiterhin auf die "Verfehlungen" einzelner Mitarbeiter verweisen und ansonsten das Unschuldslamm mimen.

2. Die Sache mit der "Behinderung der Justiz" ist kompliziert

Einiges deutet darauf hin, dass Mueller Trump "Behinderung der Justiz" zur Last legen könnte. Wir erinnern uns: Im Frühjahr entließ Trump seinen Sicherheitsberater Flynn. Der offizielle Grund: Er hatte in der Zeit zwischen Wahl und Amtseinführung des Präsidenten einige Telefonate mit dem russischen Botschafter geführt.

Über den Inhalt der Gespräche machte er gegenüber Vizepräsident Mike Pence falsche Angaben. Das Weiße Haus wurde darüber von den Sicherheitsbehörden informiert, denn die hatten die Gespräche abgehört und kannten ihren wahren Inhalt. Wie wir heute wissen, belog Flynn damals auch das FBI über den Inhalt der Gespräche.

Das war wohl zu dieser Zeit auch Trump bewusst, wie durch einen Tweet und durch Aussagen seines Anwalts John Dowd am Wochenende deutlich wurde.

Direkt nach Flynns Entlassung traf Trump den damaligen FBI-Direktor James Comey und bat ihn nach Comeys Erinnerung, Flynn mit weiteren Ermittlungen zu verschonen.

Comey ging nicht darauf ein, kurze Zeit später wurde er von Trump entlassen. Wenn Mueller nun ausreichend Beweise einsammelt, die belegen, dass Trump Comey tatsächlich aus niederen, eigennützigen Motiven unter Druck setzte und später feuerte, um die Ermittlungen gegen Flynn zu "behindern", könnte er daraus einen Fall gegen den Präsidenten entwickeln.

Das Problem ist nur: Hat er wirklich genug gegen Trump in der Hand? Trump widerspricht Comeys Darstellung ihres Gespräches vehement. Zeugen gibt es für das Gespräch nicht. Und Trumps Anwalt John Dowd sagt: "Ein Präsident kann die Justiz gar nicht behindern."

Schließlich sei der nach der Verfassung der oberste Strafverfolger und habe deshalb jedes Recht, seine Meinung zu einem Fall zu äußern. Diese Argumentation wird von Justizexperten zwar in Frage gestellt, politisch macht sie auf Trumps Anhänger aber mit Sicherheit Eindruck.

3. Der echte Wert des "Kronzeugen Flynn" ist unklar

Sonderermittler Mueller hat den früheren Sicherheitsberater Flynn offenbar "umgedreht". Das heißt, Flynn kooperiert mit Mueller, kann dafür auf Nachsicht in Strafsachen hoffen, die ihn betreffen. Nun lautet die große Frage, was Flynn überhaupt für Informationen anzubieten hat.

Fest steht, dass Flynn in seinen Gesprächen mit dem russischen Botschafter nach der Wahl die damals noch amtierende US-Regierung von Barack Obama hinterging.

Einmal ging es um Sanktionen: Obama verhängte Sanktionen gegen Russland, Flynn bat die Russen, darauf nicht zu harsch zu reagieren. Einmal ging es um Israel: Obama wollte im Uno-Sicherheitsrat eine Resolution gegen Israel mittragen, Flynn bat die Russen, die Resolution zu verhindern.

Flynn gibt an, in Absprache mit anderen aus dem Trump-Team gehandelt zu haben. Auch Trump wusste also womöglich davon. Nach einem alten Gesetz, dem "Logan Act", sind solche Eingriffe in die US-Diplomatie untersagt. Aber reicht das für eine Strafverfolgung?

Noch nie wurde in der Geschichte der USA ein Bürger wegen des Verstoßes gegen den "Logan Act" verurteilt. Es sei doch völlig normal, dass gewählte Präsidenten und ihre Beauftragten Kontakt zu anderen Regierungen aufnähmen, argumentieren Trumps Unterstützer.

Und: Für die falschen Angaben über seine Gespräche mit dem Russen sei Flynn allein verantwortlich. Das könnte hier als Ausflucht helfen.

Wirklich problematisch könnte es für Trump deshalb wohl nur werden, wenn Flynn ihn gegenüber dem FBI anderer Vergehen im Zusammenhang mit Russland bezichtigen würde.

Welche das sein könnten, ist bislang allerdings nicht bekannt. Selbst wenn Flynn gegen Trump neue, brisante Punkte vorbringen würde, wäre das womöglich nicht ausreichend, um Trump zu stürzen.

Es wären mehr konkrete Beweise notwendig, Schriftstücke, E-Mails, Tonbänder. Sonst könnten Trump und sein Team den Zeugen Flynn schlicht als unglaubwürdigen Lügner brandmarken.

4. Trumps Verteidigungstaktik ist brutal, aber effizient

Um die Russland-Affäre klein zu kochen, geht Trump in die Gegenoffensive. Seine Tweets über den "ruinierten Ruf" des FBI vom Wochenende zeigen, dass er alles darauf anlegt, die Glaubwürdigkeit und guten Absichten der Strafverfolger in Frage zu stellen.

Das begeistert Trumps Anhänger und setzt die Ermittler unter Druck. Dabei hilft ihm, dass Mueller einen hohen FBI-Mann abziehen musste, weil er sich in SMS an Kollegen negativ über Trump als Politiker geäußert hatte.

Trump könnte mit den Attacken gegen die angeblich unfähigen und parteiischen Ermittler einen waghalsigen Coup vorbereiten: die mögliche Entlassung von Mueller. Noch schreckt er wohl davor zurück.

Denn dies würde unter Trumps Kritikern einen Aufschrei auslösen. Aber von Trump-freundlichen Politikern oder Journalisten etwa bei Fox News wird dieser Schritt schon länger gefordert.

Mit Sicherheit könnte sich Trump so Entlastung schaffen, aber die USA drohten so unter Trump zu einem autoritär-geführten Land zu verkommen.

5. Die Hürden für ein "Impeachment" sind sehr hoch

Ein Präsident kann im Prinzip von der Justiz nicht wirklich angeklagt werden. Nur der Kongress kann ihn wegen "Verrats, Korruption oder schwerer anderer Verbrechen und Vergehen" anklagen und aus dem Amt entfernen.

Einige Demokraten im Kongress träumen schon davon, den Präsidenten zu "impeachen", also das Amtsenthebungsverfahren gegen ihn einzuleiten. Zum Beispiel, wenn Mueller ihnen genug Beweise für die "Behinderung der Justiz" vorlegen sollte.

Um das Verfahren einzuleiten, braucht es die Mehrheit der Stimmen im Repräsentantenhaus, für die Amtsenthebung sind zwei Drittel der Stimmen im Senat notwendig.

In beiden Häusern haben nicht die Demokraten, sondern Trumps Republikaner die Mehrheit. Sie haben aber wenig Interesse daran, ihren Präsidenten des Amtes zu entheben.

Zumal Trumps Basis weiter treu zu ihm hält. Jeder Republikaner, der sich jetzt gegen den Präsidenten wendet, müsste mit einem Aufstand der Trumpisten in seinem Wahlkreis rechnen.

Die Stimmung würde sich ändern, wenn die Beweislage gegen Trump wirklich erdrückend wäre. So war es einst bei Richard Nixon, den die eigenen Leute zum Rücktritt zwangen, nachdem er durch Tonbänder aus seinem Büro in der "Watergate"-Affäre überführt war.

Eng könnte es für Trump auch werden, wenn die Demokraten nach den nächsten "Midterm"-Wahlen im Herbst 2018 die Mehrheit in Kongress und Senat erringen.

Doch ob den Demokraten ein Sieg gelingt, ist völlig ungewiss. Wenn Trump wie versprochen vor Weihnachten erfolgreich seine Steuerreform durchbringt, steigen eher die Chancen für die Republikaner, dass sie ihre Mehrheiten verteidigen können.

Trump, der Skandal-Präsident, wäre dann wohl zwei weitere Jahre sicher im Amt - bis zur nächsten Präsidentenwahl. Mindestens.

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