Er war der wichtigste Verbindungsmann des US-Präsidenten zur christlichen Basis. Doch jetzt stürzte Jerry Falwell Jr. über einen Sexskandal. Eine Geschichte von Macht, Geld - und Heuchelei.

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Donald Trump war müde. Zum Ende eines langen Samstags schlurfte der Kandidat auf die Bühne des historischen Adler Theater in Davenport, einer Kleinstadt im tiefsten Iowa. "Wow", rief er in den Jubel von rund 2400 Zuschauern, die stundenlang auf ihn gewartet hatten: "Nettes Publikum."

Es war Januar 2016, 48 Stunden vor den ersten US-Vorwahlen jenes Jahres. In Davenport wurde Trump enthusiastisch von Jerry Falwell Jr. begrüßt, dem einflussreichsten Evangelikalen der USA. "Ich bin stolz darauf, ihn zu unterstützen", sagte Falwell, bevor er ein paar einstudierte Anekdoten erzählte, wie christlich der zweifach geschiedene Trump doch sei.

Vier Tage zuvor hatte er Trump, trotz dessen unchristlichen Lebenswandels, seinen Flankenschutz zugesichert und dem Kandidaten damit die vielleicht wichtigste konservative Wählergruppe zugeschanzt. Die Evangelikalen trugen Trump ins Weiße Haus. Falwell wurde zum Königsmacher. Für beide Seiten begann eine lukrative Zusammenarbeit.

Diese Kooperation zwischen dem Präsidenten und seinem christlichen Unterstützer fand jetzt ein skandalöses Ende. Wie so oft geht es um Macht, Geld und Sex.

Am Dienstag trat Falwell unter Druck von seinem Amt als Präsident der Liberty University zurück, der größten evangelikalen Hochschule der Vereinigten Staaten. "Die aufrichtigsten Gebete der Universität gelten ihm und seiner Familie", erklärte der Liberty-Stiftungsrat, ohne Hinweis auf den wahren Anlass.

Denn dieser Anlass widerspricht allem, wofür die religiöse Uni steht - und womit Trump um fromme Wähler wirbt. Auch beim laufenden Republikaner-Parteitag sind "Glaube und Anstand" viel beschworene Schlagworte.

Viel mehr als eine Sexstory: Falwell in Dreierbeziehung

Doch Falwell, 58, und dessen Gattin Becki, 53, mussten nun zugeben, eine langjährige Dreierbeziehung mit einem Mann aus Florida unterhalten zu haben, dem sie auch viel Geld zukommen ließen. Eine solche Beziehung unter Erwachsenen sollte normalerweise niemanden stören - es sei denn, man hat wie Falwell außereheliche Affären sowie Bi- und Homosexualität zeitlebens verteufelt und eine Institution geleitet, die solche vermeintlich unchristlichen Praktiken mit Verweisen ahndet.

So ist dies viel mehr als eine Sexstory. Es ist eine Parabel über Einfluss, Kungelei - und die Scheinheiligkeit der "moralischen Mehrheit" Amerikas, 1979 gegründet von Falwells Vater, dem Massenprediger Jerry Falwell senior.

Die Sache ist umso schlüpfriger, da Falwell als oberster Verbindungsmann Trumps zur Christenbasis fungierte und Becki bis heute im Beirat der Organisation "Women for Trump" sitzt, für die sie "starke" Familien propagiert. Hinzu kommt, dass die Sexaffäre im Umkreis Trumps offenbar spätestens 2015 bekannt war - was Fragen aufwirft über Falwells unerwartete Wahlkampfunterstützung.

Gerüchte über die sexuelle und finanzielle Liaison der Falwells mit Giancarlo Granda, 29, kursieren seit Jahren. Doch erst in den vergangenen Tagen kam die komplette Geschichte ans Licht, als Granda der Nachrichtenagentur Reuters davon berichtete.

Das Trio lernte sich 2012 in Miami Beach kennen, als die Falwells im Fontainebleau urlaubten, einem Luxushotel, wo sich schon Elvis und Frank Sinatra verlustierten. Granda, damals 20, arbeitete dort als "Poolboy", eine Art Bademeister, um sich sein Studium der Finanzwirtschaft zu finanzieren.

Die drei begannen eine Beziehung, die nach übereinstimmenden Angaben bis 2018 dauerte. Das bestätigte Granda gegenüber Reuters am Montag.

Falwell gab Schuld seiner Frau

Falwell versuchte im Vorfeld der Veröffentlichung hektisch, die Schuld seiner Frau zu geben: "Becki hatte ein unangemessenes persönliches Verhältnis mit dieser Person, in das ich nicht verwickelt war." Doch Granda präzisierte: "Becki und ich begannen eine intime Beziehung, und Jerry sah uns gern von der Zimmerecke aus zu."

Falwell begründete seinen Offenbarungseid jetzt, indem er Granda vorwarf, ihn erpressen zu wollen. Granda dementierte das: Er habe den Austritt aus einem gemeinsamen Geschäftsprojekt verhandeln wollen.

Dieses Projekt macht die Affäre nur noch pikanter. Granda reiste nicht nur mit den Falwells um die Welt. Er durfte sich Berichten zufolge auch umsonst an einer 4,6-Millionen-Dollar-Immobilie der Falwells in Miami beteiligen - gemeinsam mit Falwells Sohn Trey, der für Liberty arbeitete, und zwei Bekannten.

Bei der Immobilie handelte es sich um ein LGBTQ-freundliches Hostel in South Beach. Darüber berichteten US-Medien erstmals 2017, als der Deal bei einem Gerichtsstreit ans Licht kam. "Politico"-Reporter Brandon Ambrosino, ein Liberty-Absolvent, beschrieb es als "Absteige" mit Schnapsladen im Haus. Auch Alkohol ist bei Liberty verboten.

Besagter Gerichtsstreit enthüllte zunächst nur die finanzielle Verbindung der Falwells zu Granda. Mindestens einer wusste aber schon länger Bescheid, nach eigener Darstellung wohl auch über die Sexaffäre: Trumps damaliger Privatanwalt Michael Cohen, der 2018 wegen Steuerbetrugs verurteilt wurde.

Millionenschwere Abfindung von Liberty University

Voriges Jahr enthüllte Cohen, 2015 im Auftrag Falwells Fotos "beseitigt" zu haben, die den Evangelikalen angeblich kompromittiert hätten. Kurz darauf arrangierte Cohen laut "BuzzFeed" die Wahlkampfhilfe Falwells für Trump. Zufall? Oder war Falwells Einsatz für Trump die Gegenleistung dafür, dass Cohen mutmaßlich dabei geholfen hatte, Spuren zu beseitigen? Womöglich wird Cohen Anfang September mehr über diese Episode berichten, wenn sein Enthüllungsbuch erscheint, in dem er Trump schwer belasten will.

Beim Republikaner-Parteitag 2016 pries Falwell den Präsidentschaftskandidaten Trump als "einen der großartigsten Visionäre unserer Zeit", der die USA "retten" werde. Nach Trumps Wahlsieg trommelte er weiter für den Präsidenten und beriet ihn bei dessen LGBTQ-feindlicher Politik.

Jetzt scheint Falwell eine Last von der Seele gefallen zu sein. "Es ist eine Erleichterung", erklärte er nach seinem Rücktritt - und zitierte Martin Luther King Jr.: "Endlich frei, endlich frei."

Seine angebliche Abfindung von der Liberty University: 10,5 Millionen Dollar.  © DER SPIEGEL

Melania Trump wirbt für zweite Amtszeit ihres Mannes

First Lady Melania Trump hat in ihrer Rede am zweiten Tag des Parteitags der Republikaner für eine weitere Amtszeit von Präsident Donald Trump geworben. "Mein Ehemann, unsere Familie und die Menschen in dieser Regierung kämpfen für Sie", sagte die 50-Jährige am Dienstagabend bei ihrem Auftritt im Rosengarten des Weißen Hauses.