Donald Trump schwört in der Coronakrise auf Hydroxychloroquin. Seit Wochen wirbt der US-Präsident energisch für die Verwendung des Malaria-Medikaments bei COVID-19-Erkrankten. Doch Experten halten Trumps Einschätzung für hochriskant.

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Es ist ein Medikament, dessen Name schon schwer auszusprechen ist: Hydroxychloroquin (HCQ). Doch Donald Trump meistert die Aussprache regelmäßig, schließlich ist es sein angebliches Wundermittel im Kampf gegen das Coronavirus.

Schon seit Wochen preist der US-Präsident Chloroquin (CQ) und den verwandten Arzneistoff Hydroxychloroquin an. Das bereits seit Jahren zugelassene Malaria-Medikament sei ein "Geschenk Gottes", die Verwendung "eine echte Chance, zu einem der größten Wendepunkte in der Geschichte der Medizin zu werden".

Denn es gebe "starke Anzeichen", dass es beim "unsichtbaren Feind" Coronavirus wirke, erklärte Trump am Sonntag. Die USA hätten bereits 29 Millionen Dosen Hydroxychloroquin gehortet. Der US-Staatschef fragte die anwesenden Reporter auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus: "Was haben wir zu verlieren?"

Er sei zwar kein Arzt, aber der gesunde Menschenverstand sage ihm: "Wenn es wirkt, wäre es eine Schande, wenn wir es nicht früh einsetzen." Trump zufolge gebe es in der Coronakrise keine Zeit, ein Gegenmittel "jahrelang zu testen".

Das Problem: Anders als es Trump darstellt, gibt es bisher keinerlei Beweise für die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin bei COVID-19-Erkrankten. Selbst Trumps Berater und US-Chef-Immunologe Anthony Fauci widerspricht vehement, Experten warnen zudem vor schwerwiegenden Nebenwirkungen. Was steckt also hinter dem Malaria-Medikament und warum schwört Trump auf das Mittel?

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Experten wissen nur, dass sie nichts wissen

"Wie ich es bereits mehrere Male gesagt habe", erklärte Fauci am Sonntag schon fast genervt dem US-Sender CBS, gebe es nichts, was darauf hindeute, dass das Medikament einen Nutzen gegen das Coronavirus habe. "Die Daten sind wirklich nur im besten Fall suggestiv. Es hat Fälle gegeben, die zeigen, dass es eine Wirkung haben könnte, und es gibt andere, die zeigen, dass es keine Wirkung hat", erläuterte Fauci.

Mit der Meinung steht er keineswegs alleine da. Der Wirkstoff ziele nicht direkt auf das Virus ab, sondern greife in zelluläre Prozesse ein, die für das Virus existentiell seien, erläutert Melanie Brinkmann, Virologin am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), die Funktionsweise von Hydroxychloroquin.

Trump soll laut der britischen Zeitung "The Guardian" seine Sicht vor allem auf eine französische Studie stützen, bei der 40 Coronavirus-Patienten das Mittel verabreicht bekamen. Die Studie sorgte weltweit für Aufsehen, weil sie scheinbar einen Behandlungserfolg mit dem Mittel attestierte.

Allerdings kann das die Untersuchung gar nicht festgestellt haben, sagt Professor Christian Drosten. Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité hat die Studie bereits mehrmals scharf kritisiert, zuletzt am Freitag im NDR-Podcast "Coronavirus-Update". Denn aufgrund des Forschungsdesigns der Studie könne man daraus "nichts lernen", wie Drosten betonte.

Auch die Internationale Gesellschaft für antimikrobielle Chemotherapie, die die Studie veröffentlicht hatte, distanzierte sich davon: "Der Artikel entspricht nicht dem von der Gesellschaft erwarteten Standard", erklärte die Organisation am Freitag in einer Stellungnahme.

Ernstzunehmende Nebenwirkungen

Im NDR-Podcast geht Drosten zudem auf eine neuere, ebenfalls "sehr kleine Studie" aus China ein. Diese basiert auf 62 Patienten, die meisten davon milde Fälle. Das Ergebnis dieser Untersuchung zeige Drosten zufolge "gerade so einen relevanten Unterschied". Dennoch: "Wir werden auf größere Studien warten müssen", konstatiert er.

Einen Beweis, dass Chloroquin COVID-19-Erkrankten hilft, gibt es also bisher nicht. Das Malaria-Medikament ist – Stand jetzt – wenn überhaupt nur eine "schwache" Lösung, wie Drosten sagt. In der Behandlung "gewinnt man durch die Gabe von Chloroquin nicht viel dazu".

Dazu kommen die Nebenwirkungen: Drosten zufolge können diese bei Chloroquin "ernstzunehmend" für Organe wie Leber, Herz oder Nieren sein. Anderen Experten zufolge kann auch ein plötzlicher Verlust der Sehschärfe drohen.

Ebenso warnen unter anderem die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) und Frankreichs Behörde für Arzneimittelsicherheit (ANSM) vor möglichen "schwerwiegenden Nebenwirkungen", vor allem Herzstörungen, beim Einsatz des Malariamittels bei COVID-19-Erkrankten. Ein Ausprobieren des Mittels, wie es Trump vorhat, ist also alles andere als risikolos. Das noch nicht zum Einsatz gegen das Virus zugelassene Arzneimittel sollte der EMA zufolge nur bei klinischen Tests oder in Notfällen genutzt werden.

Interessenkonflikt bei Trump?

Der Hype um Hydroxychloroquin hat jedoch weitreichende Folgen. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie spricht bereits von "Versorgungsengpässen für Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen".

Ärzte aus Italien schlagen in der Zeitschrift "Annals of Rheumatic Diseases" Alarm: Menschen, welche die Medikamente jetzt schon gegen andere Krankheiten nehmen müssen, hätten plötzlich keinen Zugang mehr. Das müsse unbedingt verhindert werden. "In manchen europäischen Ländern sind HCQ und CQ schon jetzt in Apotheken nur noch begrenzt verfügbar", warnte Mitautorin Francesca Romana vergangene Woche im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.

Wie die "New York Times" und "Forbes" herausstellen, profitieren von der stark gestiegenen Nachfrage auch Aktionäre sowie leitende Angestellte von Pharmaunternehmen mit Verbindungen zum US-Präsidenten.

Auch Trump selbst habe demnach in den französischen Arzneimittelhersteller Sanofi investiert. Sein Anteil umfasst laut "Business Insider" aber maximal 1.300 US-Dollar. Der Pharmakonzern mit Sitz in Paris stellt ein Hydroxychloroquin-Medikament her.

Mit Material von dpa und AFP.

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