Optimismus und Frohsinn waren angekündigt. Stattdessen beginnt der Parteitag der US-Republikaner mit Wut und Lügen - und Donald Trump wird zum "Leibwächter der westlichen Zivilisation" erklärt.

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Seit Ende Juni sind Patty und Mark McClosky große Stars in der rechten Szene Amerikas. Damals "verteidigte" das Anwaltspaar seine Protzvilla in Missouri mit Waffen - gegen friedliche Protestierende, die zufällig gerade daran vorbeiliefen. Er schwang ein Gewehr, sie hatte eine silberne Damenpistole im Anschlag und noch Senfflecken vom Dinner auf der Bluse.

Nun sitzen sie daheim auf dem weinroten Plüschsofa vor einer TV-Kamera und erinnern sich an die Episode. Ein "Mob" aus "marxistisch-linken Aktivisten" habe sie "heimgesucht", schaudert Patty. "Was uns passierte, könnte euch allen passieren." Mark sekundiert: "Anarchie und Chaos in den Straßen" - und das werde bald auch zur Tagesordnung gehören, sollte US-Präsident Donald Trump die Wahl nicht gewinnen.

Patty wirft den US-Demokraten und deren Kandidaten Joe Biden sogar bebend vor, das Ende des American Dreams anzustreben: "Sie wollen unsere Vororte abschaffen!" Will heißen: Weiße Vororte mit Black-Lives-Matter-"Mobs" zerstören.

Die Millionäre - als schlichte "Hausbesitzer" vorgestellt, doch in einem Reichenviertel wohnhaft - gehören zum bizarren Auftakt-Tableau des Wahlparteitags der US-Republikaner. Als "optimistische und fröhliche" Feier ist der annonciert worden, als versöhnliche Ode an die "großartige amerikanische Story" und die "Menschen, die sie schreiben".

Stattdessen hängt eine Wolke der Wut darüber.

Groll, Schrecken, Lügen

So ist es denkwürdig, dass zu dieser Ode ausgerechnet diese beiden bitteren Wohlstandsbürger gehören. Patty und Mark McCloskey sind ja nicht nur konservative Internet-Darlings, sondern inzwischen auch wegen illegalen Waffeneinsatzes angeklagt. "Wir!", schimpfen sie fassungslos auf ihrem Sofa. "Der Mob will das Leben zerstören, von dem ihr träumt."

Groll, Schrecken, Lügen: Der Trump-Parteitag beginnt als dystopische, wenn auch leicht durchschaubare Farce - und zeichnet vor, wie die restlichen zehn Wochen dieses Wahlkampfs verlaufen dürften. Von wegen Optimismus.

Das soll auch ablenken von den schlechten Nachrichten der letzten Tage. Trumps Ex-Chefberater Steve Bannon wurde wegen Betrugs verhaftet. Sein wichtigster Evangelikalen-Freund Jerry Falwell Jr. stürzte über eine Sexaffäre. New Yorks Gerichte schießen sich auf den Trump-Konzern ein. Immer mehr Republikaner und Geheimdienstler versagen ihm die Gefolgschaft. Seine langjährige Vertraute Kellyanne Conway schmeißt hin.

Die kruden Motive der Trump-Realityshow

Zwei krude Motive prägen die düstere Trump-Realityshow am Montag denn auch: Trump selbst - und der Horror der anderen. Entsprechend auch die einzige Aufgabe der Redner, die wegen der Coronakrise entweder allein in einer pompösen, leeren Säulenhalle in Washington stehen müssen oder als Video erscheinen: Alle müssen Trump bauchpinseln und Biden verreißen.

Dass dabei fast jeder Satz zur demagogischen Lüge wird, liegt auch daran, dass viele Redner mit Nachnamen Trump heißen, mit Trump verwandt sind oder für ihn arbeiten. Was offenbart, wie schmal die Bank der Republikaner geworden ist, die sich heute noch für Trump aus dem Fenster hängen.

Etwa Präsidentensohn Donald Trump Jr.: Er nennt Biden ein "Loch-Ness-Monster" und "Peking-Biden", wirft dem moderaten Demokraten "radikal-linksextreme Politik" vor und lügt - wie alle anderen hier - über den Ernst der US-Coronakrise.

Oder Juniors Freundin Kimberly Guilfoyle, eine Top-Spendensammlerin des Trump-Wahlkampfteams: Die Fox-News-Veteranin vergleicht das Demokraten-Programm mit Kuba und Venezuela. "Sie wollen dieses Land zerstören!", brüllt sie. Man müsse nur nach Kalifornien schauen - dessen Gouverneur Gavin Newsom übrigens ihr Ex-Mann ist.

Republikaner ziehen ohne eigenes Programm in den Wahlkampf

Oder Parteichefin Ronna McDaniel, die ihren Mädchennamen Romney fallen ließ, als sich ihr Onkel Mitt von Trump absetzte: Die Demokraten seien für "Abtreibung bis zum Moment der Geburt", log sie, während Trump "tiefe Liebe für seine Familie" habe - trotz neuer Berichte, wie sehr Trumps ältere Schwester Maryanne ihn verabscheue.

"Wir hörten sehr wenig über ihre Politik", sagt McDaniel über den Parteitag der Demokraten vorige Woche. Eine kesse Behauptung, verzichten die Republikaner dieses Jahr doch auf ein eigenes Wahlprogramm, sondern ordnen sich dem Präsidenten strategielos unter.

Dazwischen gestreut finden sich Parteifunktionäre und "einfache" Wähler. Sie bezeugen Trumps Vaterlandsliebe, seine angeblichen "Errungenschaften", seinen "Sieg" über das Coronavirus.

Drei Schwarze - ein Senator, ein Abgeordneter und ein Footballspieler - preisen Trumps angebliche Verdienste um Minderheiten. Ebenso Ex-Uno-Botschafterin Nikki Haley, die Tochter indischer Einwanderer, der Aspirationen auf eine Präsidentschaftskandidatur 2024 nachgesagt werden.

US-Präsident aus der Konserve

Trump selbst erscheint zweimal per Konserven-Video aus dem Weißen Haus, einmal mit Corona-Helfern, einmal mit ehemaligen US-Geiseln im Ausland. Alle bedanken sich ehrfurchtsvoll bei ihm, und Trump bedankt sich beim "guten" türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der 2018 den amerikanischen Pfarrer Andrew Brunson freigelassen hatte.

Noch mehr krachen ließ es Trump aber schon Stunden vor dem Abendprogramm, als ihn der Parteitag vormittags offiziell zum Kandidaten kürte. Da "überraschte" er die paar Dutzend Delegierte in einer Kongresshalle mit einer einstündigen wirren Hetzrede, bei der kaum ein Wort stimmte.

So log er erneut, dass Vorgänger Barack Obama ihn einst "bespitzelt" habe ("Fuck him!", rief ein Anhänger da), und eskalierte seine imaginär-ominösen Vorwürfe an die Demokraten: "Der einzige Weg, wie sie uns diese Wahl nehmen können, ist Wahlbetrug." Deshalb würde er am liebsten nicht mehr nur vier weitere Jahre regieren - sondern zwölf.

Ein Scherz, natürlich. Oder?  © DER SPIEGEL