Donald Trump wird von vielen Seiten wegen seines chaotischen Corona-Managements gescholten. Doch Joe Biden, sein demokratischer Konkurrent um die Präsidentschaft, scheint davon bisher nicht zu profitieren. Ein Experte meint, Trumps Fehler könnten zu Bidens Rettung werden.

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Es scheint, Donald Trump kann tun, was er will - seine Wähler halten zu ihm. Da mag der amerikanische Präsident behaupten, das Coronavirus werde demnächst - auch ohne Impfstoff - einfach verschwinden.

Da mag sein Vorgänger Barack Obama Trumps Corona-Management als "absolut chaotische Katastrophe" charakterisieren oder der Ehemann der Trump-Beraterin Kellyanne Conway den Präsidenten als einen der dümmsten Menschen überhaupt bezeichnen.

Doch Joe Biden, seit Anfang April Trumps einziger ernstzunehmender Gegner für die Präsidentschaftswahlen im November, kann davon aktuellen Umfragen zufolge kaum profitieren.

Kein Wunder, meint USA-Experte Henning Riecke. Die Polarisierung der Wähler habe seit der letzten Präsidentenwahl enorm zugenommen. Ein Großteil der Trump-Wähler lebe mittlerweile "in einem eigenen Informationsuniversum" - diese Menschen nähmen außer Trumps Twitter-Botschaften und den Nachrichten des Trump-freundlichen Senders "Fox News" kaum andere Meinungen wahr.

Bei ihnen konnte Trumps Taktik anschlagen, das Virus zunächst zu verharmlosen und später dessen Verbreitung China und "dem Ausland" in die Schuhe zu schieben.

"Das Internet ist nicht Bidens Medium"

Andererseits warnt Riecke auch davor, Trumps Popularität zu überschätzen. Mit anderen Kommentatoren ist er sich einig, dass Trump nur unterdurchschnittlich vom gewohnten "Rally-around-the-flag"-Effekt profitieren könne.

Dieser Begriff beschreibt die Tatsache, dass sich die US-Bevölkerung in Krisenfällen normalerweise "unter der Flagge versammelt", also bedingungslos zu ihrem Präsidenten hält. Doch der Effekt hat sich zu Corona-Zeiten nicht eingestellt: Trump hat seine Stammwählerschaft behalten, aber nicht erkennbar dazugewonnen.

Zugelegt hat allerdings auch Joe Biden nicht. Auch der Kandidat der Demokraten hat mit den Folgen von Corona zu kämpfen - denn er ist nicht nur im übertragenen Sinn in den "Keller" verbannt, sondern betreibt seinen Wahlkampf tatsächlich aus dem Untergeschoss seines Hauses im Bundesstaat Delaware.

Als "Basement campaign" - als Wahlkampf aus dem Keller - bezeichnet Biden selbst seine derzeitige Situation. Dass er wegen der Ausgangsbeschränkungen rund um Corona keine normale Wahlkampagne gegen den medial immerzu sichtbaren Präsidenten führen kann, schadet ihm schwer.

Biden sei stark bei öffentlichen Auftritten, bei Reden und Debatten, meint Experte Riecke. Anlässlich solcher Gelegenheiten sei er minutiös vorbereitet und von seinen Beratern perfekt instruiert.

"Das Internet dagegen ist nicht Bidens Medium", meint Riecke. Videokonferenzen und Podcasts aus dem Kellergeschoss seines Hauses überfordern Bidens Improvisationstalent.

Beobachter meinen, er verzettele sich, sei zu wenig konkret. Und weitschweifigen Auslassungen wecken Erinnerungen an seine Vergangenheit als Vizepräsident unter Barack Obama. Während einer Rede Bidens hatte Obama einem Berater eine genervte Notiz geschrieben: "Shoot. Me. Now" (Erschieß. Mich. Jetzt.).

Die Umfragen sind noch nicht aussagekräftig

Mangelndes Kommunikationstalent ist derzeit nicht Bidens einziges Problem. Bedrohlich für seine Kampagne sind auch Vorwürfe der Juristin Tara Reade, die angibt, Biden habe sie 1993 sexuell belästigt.

Nach derzeitigem Stand scheinen Reades Vorwürfe schwer zu beweisen, Biden behauptet, der Vorfall habe "nie stattgefunden". Experte Riecke hält es für möglich, dass vielen Wählern Bidens Version als glaubhaft erscheint, fügt aber hinzu: "Sollten weitere Fälle auftauchen, die eine solche Haltung gegenüber Frauen sichtbar machen, ist es damit vorbei."

Gleichzeitig gibt Riecke aber zu bedenken, dass die Vorwürfe Biden nur bei der Mobilisierung der Demokraten Probleme bereiten könnte - "nicht aber im Vergleich zu Trump, der ja ganz andere Dinge gesagt und getan hat".

Am wichtigsten aber scheint dem USA-Experten ein anderer Hinweis: Die derzeitigen Umfragen, meint er, seien zu ungenau, um wirklich aussagekräftig zu sein. Zwar lag Biden vor der Corona-Pandemie in Umfragen mit sechs bis zehn Prozent der Stimmen vor Donald Trump.

Doch im November werde es vor allem darauf ankommen, dass er die weißen Arbeiter ohne Hochschulabschluss ins demokratische Lager zurückholen kann, die bei der letzten Wahl zum Republikaner Trump übergelaufen waren. Und genau bei dieser Wählerschicht ist Biden derzeit immer noch im Hintertreffen.

Bei der US-Wahl ist ein knapper Ausgang zu erwarten

Keineswegs sicher ist es auch, dass Biden es schaffen könnte, in einigen Bundesstaaten, die bei den letzten Wahlen an die Republikaner gefallen waren, wieder für demokratische Mehrheiten zu sorgen. "Es ist bei der Wahl in vielen Staaten ein knapper Ausgang zu erwarten und daher wird es bis zum Schluss spannend bleiben", meint Riecke.

Bidens größte Chance liegt nach Einschätzung des Experten derzeit im Agieren des jetzigen Präsidenten: Der sei in der Corona-Krise zunehmend nervös geworden.

Auch Biden, der im Moment deutlich weniger Geld als Trump ins Rennen werfen kann, will mit Kritik an dessen unschlüssiger Corona-Politik punkten.

Während Trump zu Beginn der Krise die Gefahr heruntergespielt und erst mit Verspätung besonnener agiert habe, stehe er nun wegen möglicherweise verheerender wirtschaftlicher Folgen der Pandemie unter enormem Druck: "Trump teilt nach allen Seiten aus, wie noch vor einigen Wochen während des versuchten Amtsenthebungsverfahrens der Demokraten."

Wirtschaftliche Folgen der Krise können Trump noch schaden

In der überaus komplexen derzeitigen Lage stehe Trump mit dem Rücken zur Wand: "Das", so Riecke, "setzt ihm gewaltig zu". Seine Anhänger blieben dem Präsidenten auch treu, "wenn er überzieht und pöbelt", meint Riecke.

Doch wenn öffentliche Veranstaltungen wieder möglich sind, wenn die wirtschaftlichen Folgen der Krise sichtbarer werden und Joe Biden wieder auf großen Veranstaltungen präsent ist, könnte Trump sich in die Enge getrieben fühlen.

Dann, meint Riecke, seien "auch gröbere Fehler des Präsidenten denkbar". Möglich also, dass Joe Bidens große Chance noch kommt, wenn die Bedrohung durch Corona abnimmt.

Über den Experten: Der Politikwissenschaftler Dr. Henning Riecke ist Experte für internationale Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin.
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