CDU-Chefin Angela Merkel hat sich entschieden: Sie wird bei der Bundestagswahl 2017 erneut als Kanzlerin kandidieren. Die Reaktionen darauf fallen in der nationalen und internationalen Presse höchst unterschiedlich aus. Ein Überblick.

Das sagt die nationale Presse:

  • Spiegel Online: "Weiter, immer weiter - aber wohin?"

"Merkel ist nicht mehr unantastbar. Sie wird sich anstrengen müssen, ihre Partei zu motivieren und zu mobilisieren. Trotz des aktuellen Umfrage-Vorsprungs, ein Selbstläufer wird die Wahl 2017 nicht für Merkel. Auch wenn in Deutschland kein Trump in Sicht ist, die USA haben gezeigt: Das Unvorstellbare kann real werden." Zum Artikel

  • Bild Online: "Merkel zieht in Lager-Wahlschlacht"

"Auch wenn es abgedroschen klingt: Im kommenden Wahlkampf muss Angela Merkel sich neu erfinden. Dieses Mal muss sie mit Risiko angreifen, um zu gewinnen, nicht nur zäh verteidigen und die Konkurrenz lähmen. Sie muss so unterschiedliche Gegner wie die AfD und ein mögliches Linksbündnis gleichermaßen unter Druck setzen, wenn sie ihr Amt behaupten will." Zum Artikel

  • Zeit Online: "Ein zwiespältiges Ja"

Gewiss, Deutschland geht es unter ihrer Kanzlerschaft wirtschaftlich so gut wie nie. Allerdings hat die soziale Spaltung deutlich zugenommen. Mehr Menschen fühlen sich abgehängt und fürchten sich vor den Folgen der Globalisierung. Auch darauf hat Merkel keine Antwort. Deshalb wäre es eigentlich Zeit für einen Wechsel. Einen, der die Politik aus dem Merkelschen Dauerhalbschlaf erweckt und wieder für echte Debatten und Leidenschaft öffnet. Der Demokratie in Deutschland würde es gut tun, wenn nach so lange Zeit ein neuer Kanzler (oder eine neue Kanzlerin) an die Macht käme, einer, der mit den Menschen wirklich kommuniziert, der ein erkennbares politisches Programm verfolgt, der mehr für sozialen Ausgleich sorgt und der auch die zu erreichen versucht, die den Populisten in die Fänge zu geraten drohen. Zum Artikel

  • Frankfurter Rundschau: "Erschreckend alternativlos"

"Politische Alternativen zu Merkels Austeritätspolitik in Europa, zur Verweigerung einer gerechteren Steuerpolitik, zur einseitigen Belastung der Versicherten in den Sozialsystemen, zur halbherzigen Energiewende und zu vielem anderen gäbe es ja durchaus. Sie haben nur, weil von keiner starken politischen Kraft konsequent betrieben, so gut wie keine Chance. Das treibt den Rechten viele der Enttäuschten in die Arme, und deshalb ist es unglaubwürdig, Merkel zum Bollwerk gegen rechts zu stilisieren." Zum Artikel

  • Tagesspiegel: "Merkel muss mehr Inhalte wagen"

"Es wäre ein Witz gewesen, hätte Merkel hingeworfen. So wäre es nämlich in ihrer eigenen Partei empfunden worden. Die CDU ist doch auf sie ausgerichtet wie nie eine Partei zuvor auf irgendjemanden. (... ) Aber wofür will Merkel die Macht haben? Wozu sie behalten? Wohin will sie mit dem Land? (...) Die Aufgabe lautet, den Kurs Deutschlands festzulegen, aber nicht in einer Art Geheimkabinett wie in vorigen Jahrhunderten. Dem Populismus entgegenzutreten, verlangt Fakten, immer wieder Fakten, und Transparenz. Wirklich etabliert ist, wer keine Debatte fürchtet." Zum Artikel

  • Welt Online: "Merkel geht es um die Bewahrung der Weltordnung"

Es geht Merkel um die Stabilisierung der politischen Mitte – einer Mitte, die immer mehr Menschen nicht mehr als Mitte empfinden. Es geht ihr um die Verteidigung der westlichen Werte, die so manche Wähler gar nicht mehr als ihre Werte betrachten. Es geht Merkel sogar um die Bewahrung der Ordnung in der Welt – eine Ordnung, die bei etlichen entweder als überholt gilt oder als von Merkel selber zerstört und als Faktor gar nicht mehr existent. Ordnungsautorität trauen solche Menschen dem zerstrittenen Europa und der Mittelmacht Deutschland nicht wirklich zu. Zum Artikel

  • RP Online: "2017 muss Merkel in die Offensive gehen"

"Merkel wird in die Offensive gehen müssen, viel mehr als in früheren Wahlkämpfen. Die Kanzlerin muss 2017 um etwas werben, was ihr bislang selbstverständlich zufiel: Vertrauen." Zum Artikel

  • Der neue Tag: "Merkels vierte Kandidatur: Ihre schwerste Aufgabe wartet"

"Die Kanzlerin ist beliebt bis weit in die SPD hinein. Die "Merkel-muss-weg"-Krakeeler aus der AfD sind immer noch in der deutlichen Minderheit. Im Falle eines Wahlsieges warten auf die Kanzlerin Aufgaben, die ihre bisherige Amtszeit als Spaziergang scheinen lassen." Zum Artikel

Das sagt die internationale Presse:

  • Der Standard (Österreich): Merkels Kanzlerschaft: Unvollendet und unverzichtbar

"Zum ersten Mal gibt es eine ernstzunehmende rechtspopulistische Opposition, nämlich die AfD. Diese dürfte sich über Merkels Entscheidung freuen, ist die Kanzlerin doch ihr Feindbild Nummer eins. (...) Nicht zu vergessen ist SPD-Chef Sigmar Gabriel. Der packt es nicht, lautete lange das Urteil über ihn. Doch nun hat er mit der Nominierung von Frank-Walter Steinmeier (SPD) zum Kandidaten für die Präsidentenwahl gezeigt, dass er für Überraschungen gut ist." Zum Artikel

  • Neue Zürcher Zeitung (Schweiz): "Kanzlerin Alternativlos"

"Merkel ist unentbehrlich, wird so suggeriert. Ihre vierte Kandidatur soll als ebenso natürliche Fügung erscheinen wie ihre durch die Bundestagswahl in zehn Monaten folgende Wiederwahl zur Kanzlerin. Bundeskanzlerin Alternativlos also, genau so, wie Merkel zu regieren pflegt. Diese Sichtweise ist ebenso unsinnig wie Merkels stete Behauptung während der Euro-Krise, die immer neuen Milliardenkredite an Griechenland seien alternativlos, wolle man ein "Scheitern Europas" verhindern. Und sie ist genauso falsch wie Merkels Beharren während der Flüchtlingskrise im letzten Jahr, Hunderttausende von Migranten müssten unkontrolliert ins Land gelassen werden, da man die Grenze ohnehin nicht kontrollieren könne.

Alternativlos ist Angela Merkel allenfalls für die CDU, weil die Chefin talentierte Konkurrenten um den Parteivorsitz stets verhindert hat. Nach der Beruhigung der Flüchtlingskrise glaubt heute kaum jemand, dass die Union ohne Merkel bessere Wahlchancen hätte. Deshalb hat sich neben der CDU auch die CSU nach theatralischem Grollen hinter Merkel gestellt." Zum Artikel

  • De Volkskrant (Niederlande): "Ein wichtiges Signal von Angela Merkel"

"Mit ihrer Kandidatur gibt Merkel in einer Zeit, in der das Vertrauen in die etablierte politische Ordnung gering ist, ein wichtiges Signal. Es ist eine Zeit, in der Politiker aus Eigennutz oder aus Risikovermeidung zu Alleingängen neigen. Merkel aber bleibt, auch wenn ihr Wahlsieg alles andere als sicher ist. (...)

Angela Merkel ist zu diesem Zeitpunkt am besten geeignet, Europa auf dieser bizarren Weltbühne zu vertreten. Wegen ihrer Erfahrung und dem Respekt, den sie genießt, aber auch weil sie die widerborstige geopolitische Realität kennt und keine unrealistisch hohen Erwartungen nährt. (...) Zum Artikel

Seit 16 Jahren führt sie die CDU, seit 11 das Land. Die Kanzlerin wird im Ausland bejubelt - nicht aber Zuhause. Nun tritt Angela Merkel noch einmal an. Und rechnet mit ihrem bisher schwersten Wahlkampf.