Martin Schulz hat nach der Wahl gesagt: "Ganz klar. In eine Regierung von Angela Merkel werde ich nicht eintreten." Nun will er unter Merkel Außenminister werden. Die restliche Parteispitze unterstützt ihn - aber der Fall könnte zur Belastung beim GroKo-Votum werden.

Trotz SPD-internen Unmuts über den geplanten Wechsel von Parteichef Martin Schulz auf den Posten des Außenministers sieht Generalsekretär Lars Klingbeil keine Gefahr für das Mitgliedervotum über die große Koalition. "Nein", sagte Klingbeil der Deutschen Presse-Agentur auf die Frage, ob die Personalie zur Belastung dabei werde. Es gehe um Inhalte. "Wir haben ein gutes Ergebnis mit überzeugenden sozialdemokratischen Inhalten verhandelt. Ich bin zuversichtlich, dass die Mehrheit der SPD-Mitglieder das auch so sehen wird."

"Es gibt Diskussionen um die Glaubwürdigkeit"

Zuvor hatte der Chef des größten Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, Mike Groschek, betont: "Es gibt Diskussionen um die Glaubwürdigkeit." Dem müssten sich Schulz und der gesamte Parteivorstand vor dem Mitgliederentscheid der SPD stellen. "Ich kann die Gefühlswallung und manche Faust auf dem Tisch verstehen."

An der Basis wächst die Kritik, da Schulz nach der Bundestagswahl gesagt hatte, er werde niemals in eine Regierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eintreten. Schulz gibt nach mehreren Wortbrüchen, parteiinterner Kritik und gesunkenen Zustimmungswerten den Vorsitz an Andrea Nahles ab, will sich aber in das Amt des Außenministers retten, das bisher von Sigmar Gabriel ausgeübt wird. Außerdem hatte er stets betont, ihm gehe es nur um Inhalte, nicht um Posten. Den Bürgern ist das Herausdrängen Gabriels zudem schwer zu vermitteln, da dieser in Umfragen der beliebteste Politiker ist.

Auch Gabriel selbst legt in der Diskussion nach: Am Donnerstag brach er sein Schweigen und fand harsche Worte zum Verhalten der SPD-Spitze: "Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt", sagte Gabriel den "Funke-Zeitungen". "Ich habe das Amt des Außenministers gern und in den Augen der Bevölkerung offenbar auch ganz gut und erfolgreich gemacht. Und da ist es ja klar, dass ich bedauere, dass diese öffentliche Wertschätzung meiner Arbeit der neuen SPD-Führung herzlich egal war." Gabriel sagte weiter: "Ich komme wohl noch zu sehr aus einer analogen Welt, in der man sich nicht immer nur umschleicht, sondern sich einfach mal in die Augen schaut und die Wahrheit sagt. Das ist scheinbar aus der Mode gekommen."

Schulz und Nahles wollen um Zustimmung werben

Mit Spannung werden die sieben Regionalkonferenzen erwartet, bei denen Schulz und Nahles um die Zustimmung der Basis für den Koalitionsvertrag mit der Union werben wollen. Gibt es dort viel Unmut und zeichnet sich ab, dass auch wegen dieser Personalie das Ergebnis negativ ausfallen könnte, dürfte der Druck wachsen, den Personalplan noch einmal zu überdenken. Nach dem Entscheid, dessen Ergebnis am 4. März verkündet wird, soll Nahles kommissarisch den Parteivorsitz übernehmen. Binnen drei Monaten muss dann ein Sonderparteitag sie zur ersten Parteichefin in der knapp 155-jährigen Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wählen.

"Andrea Nahles wird dafür sorgen, dass die SPD in der Regierung sichtbar bleibt, und sie wird den Erneuerungsprozess vorantreiben", sagte Klingbeil der dpa. Sein Ziel sei eine stärkere Einbindung der Mitglieder, zum Beispiel durch Online-Themenforen, erläuterte Klingbeil, der ausgewiesener Digitalexperte ist und im Dezember zum neuen Parteimanager gewählt worden war. "Ich glaube, bisher hat kein Generalsekretär der SPD in seinen ersten acht Wochen so ein abwechslungsreiches Programm gehabt: zwei Parteitage, Sondierungen, Koalitionsverhandlungen, jetzt noch ein Mitgliedervotum."

Auch Kevin Kühnert startet Kampagne - gegen die GroKo

Mit einer Diskussionsveranstaltung in Leipzig startet Juso-Chef Kevin Kühnert am Freitag eine Kampagne, um für die Ablehnung der großen Koalition zu werben. Er sei "fassungslos" darüber, wie man es zulassen könne, dass die SPD nun allein über Personaldiskussionen wahrgenommen werde, hatte er die jüngsten Entwicklungen kritisiert. Kühnert ist der Wortführer gegen eine erneute Koalition, da er einen weiteren Profilverlust der Sozialdemokraten befürchtet, die in einigen Umfragen bundesweit zuletzt auf 17 Prozent gefallen sind.

Der Entscheid wird vom 20. Februar bis 2. März stattfinden. Ausgezählt wird ab dem 3. März in der SPD-Zentrale. Insgesamt können 463.723 SPD-Mitglieder über den Koalitionsvertrag mit CDU und CSU abstimmen. Die 2.300 im Ausland lebenden Mitglieder können online abstimmen.

Stimmt die Mehrheit mit Ja, könnte sich die seit 2005 amtierende Kanzlerin erneut zur Regierungschefin wählen lassen - damit würde die bisher längste Regierungsbildung der Bundesrepublik enden. 2013 hatten die SPD-Mitglieder mit 75,96 Prozent der großen Koalition zugestimmt. Dieses Mal dürfe es sehr knapp werden.  © dpa

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