Der Neuanfang misslingt: Wegen des lautstarken Protests aus ihrer aufgescheuchten Partei verzichtet Andrea Nahles darauf, sofort den Chefposten zu übernehmen. Die Lage der SPD bleibt prekär.

Andrea Nahles ist angeschlagen. Die Frau, die erste Vorsitzende der SPD werden soll, klingt defensiver als sonst, als sie am Dienstagabend im Willy-Brandt-Haus das Wort ergreift. Nahles ist heiser, mühsam ringt sie sich ein paar Sätze ab. Sie spricht von einer "sehr guten Lösung", mit der sie "sehr gut leben" könne.

Wirklich?

Der Start in das Amt, das sie als "eine Verpflichtung" und eine "große Ehre" bezeichnet, ist verpatzt. Denn eigentlich sollte Nahles sofort kommissarisch die Führung der SPD übernehmen, nicht erst beim Parteitag in zwei Monaten. So lautete der Plan, den sie mit Martin Schulz und anderen führenden Genossen ausgeheckt hatte.

Doch der Widerstand in der Partei war zu groß: Nahles musste erkennen, dass die Machtübernahme zum jetzigen Zeitpunkt ein zu großes Risiko gewesen wäre. Zu zahlreich waren die kritischen Stimmen, zu groß war die Gefahr, dass die SPD sich wochenlang in juristische Fachfragen zum Prozedere verbissen hätte. Stattdessen übernimmt nun erst einmal Olaf Scholz: Hamburgs Erster Bürgermeister führt die SPD bis zum Parteitag am 22. April kommissarisch.

Was ist da passiert? Seit am Sonntag durchsickerte, dass Nahles den Parteivorsitz nahtlos von Martin Schulz am Dienstag übernehmen sollte, hatten sich ihre Gegner formiert. Öffentlich und lautstark kritisierten Genossen aus Schleswig-Holstein, Berlin und Sachsen-Anhalt das Verfahren - und drohten mit Einsprüchen. Der Hintergrund: Nahles sei kein gewähltes Mitglied des Parteivorstands und dürfe den Statuten zufolge deshalb gar nicht den Vorsitz übernehmen.

Die SPD-Politikerin ist selten um ein Wort verlegen: Ihre besten Zitate.

Doch in Wahrheit richtete sich die Kritik direkt gegen Nahles und gegen die Nachfolgelösung, die im kleinen Kreis ausgehandelt worden war. Die gesamte Parteispitze hat den Unmut unterschätzt, den ihr Verhalten der vergangenen Wochen ausgelöst hat.

Noch am Dienstagnachmittag gingen sonst gut informierte Genossen fest davon aus, dass Nahles kommissarisch den Parteivorsitz übernehme. Die Kritik daran sei von "viel Aufregung" geprägt und habe "wenig Substanz", hieß es. Von "Nebenkriegsschauplätzen" war die Rede und von "Pseudo-Juristen", deren Bedeutung überschätzt werde.

Scholz spricht vom "Dienen"

Den Frauen und Männern, auf die es ankam, war dagegen schon zu diesem Zeitpunkt klar: Wir müssen den Plan ändern. Neben Nahles und Scholz waren das vor allem die Ministerpräsidentinnen Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) sowie die Landesvorsitzenden Natascha Kohnen (Bayern) und Thorsten Schäfer-Gümbel (Hessen). Wie Scholz sind alle vier stellvertretende Parteivorsitzende. Schon vor der Präsidiumssitzung hieß es hinter vorgehaltener Hand: Aus ihren Reihen muss einer den Vorsitz kommissarisch übernehmen.

Die Wahl fiel dann auf Scholz - den Dienstältesten der Vizechefs. Der 59-Jährige sagte am Dienstagabend, seine Aufgabe werde "eine dienende" sein und mit dem Parteitag enden. Dann soll Nahles übernehmen. Auf die Nachfrage, wen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) denn am besten anrufe, wenn sie etwas mit der SPD besprechen wolle, antwortete Scholz: "Uns beide. Wir sind nahe beieinander." "Das wäre schlau", ergänzte Nahles.

Tatsächlich dürften die beiden, die schon seit der vergangenen Woche das neue Machtzentrum der SPD bilden, alles versuchen, um auch nur Anschein von Dissonanzen zu vermeiden. Denn davon würde keiner von ihnen profitieren.

Auch Nahles' Kritiker halten sie für die beste Kandidatin

Für das Image der SPD ist Nahles' Stotterstart dennoch verheerend. Denn einmal mehr offenbart sich, wie sehr es in der Partei brodelt. Zwar erkennen auch Nahles' Kritiker an, dass sie derzeit die beste Kandidatin für den Vorsitz ist. Und dennoch machen sie ihr die Machtübernahme kaputt und damit den Start noch schwerer.

Und dann ist da auch noch Simone Lange: Flensburgs Oberbürgermeisterin machte mit einer Überraschungskandidatur für den Parteivorsitz auf sich aufmerksam. Zwar will die 41-Jährige nicht einmal sagen, ob sie für oder gegen die Große Koalition ist. Dennoch trägt auch ihre Bewerbung dazu bei, die Parteispitze weiter zu verunsichern. Denn obwohl Lange keine Chance gegen Nahles haben dürfte, ist es nach SPD-Angaben immerhin die erste Kampfkandidatur um den Parteivorsitz in der Nachkriegszeit.

Nahles will nun bei den Regionalkonferenzen, die am Samstag in Hamburg beginnen, für die Große Koalition werben - wenn auch nur als einstimmig nominierte Kandidatin und noch nicht als Parteichefin. Auf die Frage, ob sie ihre politische Zukunft von einem Erfolg beim Mitgliedervotum abhängig mache, antwortete sie am Abend doch noch mal im gewohnten Nahles-Sprech: "Es geht nicht in die Hose. Und mein Schicksal verknüpfe ich mit gar nix."  © SPIEGEL ONLINE