Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle in der Union vs. Die Leichtigkeit des Seins bei den Grünen.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser,

Deutschland hat derzeit für Kinoliebhaber wirklich etwas zu bieten: Es laufen zwei höchst unterschiedliche Filme gleichzeitig im Programm:

Der eine Film erzählt in schwarz-weißen Bildern von einer Welt, wie sie immer war: Es geht um Männer und um Macht. Es ist eine archaische Welt, in der Mitgefühl als Schwäche und Partnerschaft als Illusion gilt. Die Helden dieses Streifens haben den Colt locker am Gürtel baumeln, sie suchen den Show-Down.

Wenn man die Handlung in nur drei Worten zusammenfassen sollte, dann wären es wohl diese: er oder ich? Im Hintergrund läuft leise die Mundharmonika von Ennio Morricones "Spiel mir das Lied vom Tod".

Der andere Film wurde in Farbe gedreht. Die Welt erscheint als eine Welt der gleichermaßen verwirrenden wie verlockenden Möglichkeiten. Die Hauptdarstellerin lädt – untermalt von den Klängen einer Reggae-Band – das Publikum zum Mitsingen und Mitspielen ein.

Sie sagt Sätze, die man lange nicht mehr gehört hat. Sie wolle verändern und nicht nur versprechen; sie wolle Respekt bezeugen, auch gegenüber dem Andersdenkenden: Zuhören und zutrauen, nennt sie das. Im Filmtitel taucht das Wort "Neuanfang" auf. Unklar bleibt, ob es sich um einen Fantasy- oder einen Dokumentarfilm handelt.

Die Hauptdarsteller des Schwarzweiß-Streifens, so steht es im Drehbuch, jagen sich derweil lustvoll die Kugeln in den Allerwertesten. Im CDU-Vorstand geriet der tragische Held Armin Laschet heute Nacht auch aus den eigenen Reihen unter Beschuss: friendly fire. Das Publikum der anderen Parteien quietscht vor Vergnügen.

Am Ende der internen Schießerei allerdings konnte er 77,5 Prozent der 40 Stimmen im CDU-Vorstand für sich gewinnen. Laschet hat heute Nacht nicht gesiegt, aber gewonnen. Die Kugeln der eigenen Leute haben ihn verletzt, aber nicht niedergestreckt.

Der Spannungsbogen bleibt unter Druck: Wie wird der Kontrahent aus München auf dieses Votum reagieren? Kompromiss oder Kampf? Das ist hier die Frage. Die beiden Verwundeten müssen nur aufpassen, dass sie rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit das Bundeskanzleramt in Berlin erreichen.

In dem Farbfilm – und hier berühren sich die Handlungsstränge – bricht die gut gelaunte Protagonistin mit einem philosophierenden Pferdeliebhaber ebenfalls auf, um noch vor den zwei Haudegen aus dem Schwarzweiß-Film im Kanzleramt anzukommen.

Sie lockt uns und ihn, ihr zu folgen. "Der Robert und ich", verspricht sie, wollten das Land dorthin führen, wo es noch nie war. Zielort ist offenbar ein verwunschenes Land, oder, wie sie es formuliert, "ein Staat, der digital funktioniert und seinen Bürgern dient". Das heutige Deutschland kann sie damit nicht gemeint haben.

Wie die beiden Filme enden, darin besteht die Raffinesse der Drehbücher, entscheidet kein Gott und keine Experten-Jury, sondern einzig das Publikum. Im September ist Premiere im großen Kinosaal. Das Ganze ist Teil eines Mitmachprojekts, das sich die Gründungsväter der Republik haben einfallen lassen: Man nennt es Demokratie

Ich wünsche ihnen einen lebensfrohen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.

CDU-Bundesvorstand für Armin Laschet als Kanzlerkandidat

Laschet soll für CDU und CSU als Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl im September antreten. Das entschied der Bundesvorstand der CDU nach mehr als sechsstündigen Beratungen des Führungsgremiums in Berlin.