Woche der Weichenstellung: Union und SPD peilen die nächste GroKo an - und markieren schon mal eifrig ihre Positionen. Ob das Gespräch mit dem Bundespräsidenten Klarheit schafft?

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Auf dem Weg zu einer möglichen Neuauflage der großen Koalition stellen immer mehr SPD-Politiker inhaltliche Bedingungen. Führende Sozialdemokraten pochen auf eine Bürgerversicherung und einen Kurswechsel in der Steuerpolitik.

CDU-Spitze will mit der SPD reden

Die engste CDU-Spitze befürwortet einhellig Gespräche mit der SPD über die Bildung einer großen Koalition. Unionspolitiker warnen aber, anstehende Gespräche nicht mit überzogenen Forderungen zu belasten. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) drängt zur raschen Regierungsbildung.

Man sei zuversichtlich, dass Verhandlungen zu einem Erfolg führen könnten, sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) am späten Sonntagabend nach viereinhalbstündigen Beratungen des Präsidiums seiner Partei in Berlin.

Nach Angaben von Teilnehmern wurde länger über die Zukunft Europas diskutiert. Die CDU brauche nach Worten von Merkel klare Antworten auf die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Man könne nicht immer nur Nein zu dessen Reformvorschlägen für Europa sagen. Macron tritt etwa für einen Haushalt für die Eurozone ein.

Die Suche nach einem Ausweg aus der politischen Hängepartie geht in eine entscheidende Woche. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beginnt am Montag eine neue Runde von Gesprächen mit Spitzenpolitikern und trifft die Fraktionschefs von Grünen, Union und Linkspartei.

Der CDU-Bundesvorstand kommt (10:00 Uhr) im Adenauerhaus zusammen. Auch die Parteigremien von Grünen und SPD treffen sich zu Beratungen. Steinmeier hat für Donnerstag Merkel, SPD-Chef Martin Schulz und CSU-Chef Horst Seehofer ins Schloss Bellevue eingeladen.

SPD-Landesverband stellt Forderungen

Für mögliche Sondierungsgespräche mit der Union formulierte der mächtige SPD-Landesverband in Nordrhein-Westfalen einem Medienbericht zufolge Kernforderungen an die Parteispitze in Berlin.

Dazu gehörten "eine paritätisch finanzierte Bürgerversicherung" und eine Rentenreform mit dem Ziel, das Rentenniveau zu sichern und perspektivisch auf rund 50 Prozent anzuheben, zitiert die "Süddeutsche Zeitung" aus einem Brief des SPD-Landesverbands an Parteichef Martin Schulz und Fraktionschefin Andrea Nahles.

SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach nennt die Bürgerversicherung als "zentrales Anliegen" seiner Partei. Die SPD wolle eine "Bürgerversicherung mit einem gemeinsamen Versicherungsmarkt ohne Zwei-Klassen-Medizin", sagte der Gesundheitsexperte der "Passauer Neuen Presse" (Montag).

Wenn die Union der SPD nicht entgegen komme, werde es Neuwahlen geben. Die große Koalition sei kein Selbstläufer.

SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel fordert einen Kurswechsel in der Steuerpolitik. "Grundlage für alle Optionen ist unser Steuerkonzept aus dem Wahlkampf", sagte er der "Rheinischen Post".

Der Soli müsse ab 2020 für untere und mittlere Einkommen entfallen, die Einkommensteuer müsse für große und größte Vermögen steigen. Es gebe "keinen Automatismus für eine große Koalition".

Widerstand in der Union

In der Union formiert sich Widerstand gegen die Bedingungen. Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung, sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Bei den Kernthemen Innere Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität muss der Vertrag die Handschrift der Union tragen."

Die Union müsse wieder sichtbar werden als Partei, die für Rechtsstaatlichkeit und Ordnung stehe und für die normalen Bürger und Familien da sei.

Wenn das mit der SPD nicht möglich sei, müsse eine Minderheitsregierung angegangen werden. "Wir lassen uns nicht erpressen", sagte der Chef der Jungen Union, Paul Ziemiak, dem "Spiegel".

Brüderle: Keine Chance für Zusammenarbeit mit Grünen auf Bundesebene

Der frühere FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle sieht unterdessen auf absehbare Zeit keine Chance mehr für eine Zusammenarbeit mit den Grünen im Bund.

"Wenn man sich die teilweise hasserfüllten Reaktionen der Grünen auf die Absage der FDP anschaut, dann merkt man, dass da keine Nähe entstanden ist", sagte Brüderle der Deutschen Presse-Agentur in Mainz.

"Zudem haben die Grünen doch schon jetzt angekündigt, mit ihren realitätsfernen Positionen bei der Flüchtlings- und der Klimafrage in kommende Auseinandersetzungen zu gehen sowie bei ihrer ablehnenden Haltung zu einer steuerlichen Entlastung der Bürgerinnen und Bürger bleiben zu wollen. Ich sehe in absehbarer Zeit auf Bundesebene keine Zusammenarbeit mit den Grünen."

Die Beziehungen zwischen Union und FDP seien hingegen "nach einer zwischenzeitlichen Distanz wieder besser geworden", sagte der frühere Bundeswirtschaftsminister. FDP-Chef Christian Lindner habe nach Beendigung der Sondierungsgespräche betont, "dass die durchaus gravierenden Unterschiede zwischen CDU und CSU und FDP überbrückbar gewesen wären und das auch wieder eine neue politische Nähe, auch menschliche Nähe, gewachsen sei".

Für Brüderle war fehlendes Vertrauen zwischen den Partnern der Auslöser für die folgenschwere Entscheidung von Parteichef Lindner, die Gespräche zu beenden.

"Ihm war klar, wenn man schon bei den vorhersehbaren Aufgaben kaum und nur mit Formelkompromissen zueinander findet, dann ist man bei unvorhersehbaren Krisen in dieser Konstellation nicht handlungs- und regierungsfähig", erklärte der 72-Jährige.

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© dpa