Mit 94 Jahren mischte er sich noch einmal in die Politik ein und glänzte als Wahlkämpfer an der Seite von Peer Steinbrück. Doch das sei es nun endgültig gewesen, sagte Altkanzler Helmut Schmidt der "Bild"-Zeitung. Einen letzten Seitenhieb auf Kanzlerin Angela Merkel kann er sich aber nicht verkneifen.

Nach fast 70 Jahren in der Politik will sich Helmut Schmidt endgültig zur Ruhe setzen: "Ich werde nun bald 95 Jahre und hätte eigentlich längst meinen Schnabel halten sollen", sagte der Altkanzler in einem Dreier-Interview mit SPD-Kandidat Peer Steinbrück und Gerhard Schröder in der "Bild".

Bis zur Bundestagswahl am 22. September werde er keine Auftritte mehr machen, ergänzte Schmidt: "2017 erst recht nicht. Das heißt: Das war heute der letzte Wahlkampftermin meines Lebens."

Schmidt kritisiert Verschleierungstaktik von Merkel

Doch bevor er sich endgültig aus der Politik zurückzieht, teilte er noch einmal kräftig aus. Im Visier: Angela Merkel. Schmidt hält den Wahlkampfstil der Kanzlerin für gefährlich und wirft ihr eine Verschleierungstaktik in Bezug auf die Euro-Rettung vor. Merkel verschweige den Deutschen, dass Deutschland "spätestens im Laufe des Jahres 2014" wegen der Wirtschaftskrise in Griechenland, Portugal und anderen Länder Südeuropas "von allen Seiten zur Kasse gebeten" werde.

Selten hat ein Fingerzeig im Wahlkampf derartige Reaktionen hervorgerufen. Peer Steinbrücks "Stinkefinger" spaltet nicht nur die politischen Lager. Wir haben unsere User abstimmen lassen: Was halten Sie von der provokanten Geste des Kanzlerkandidaten der SPD?

Der Verzicht, den Bürgern die Wahrheit über die Euro-Krise zu sagen, könnte am Ende zu einer noch größeren Politikverdrossenheit führen, befürchtet Schmidt: "Dieser Wahlkampf fände sicher größeres Interesse, wenn dem Wähler endlich die Illusion genommen würde, dass Deutschland nichts weiter für die Krisenstaaten in Europa zahlen wird." Ohnehin habe Merkel wenig wirtschaftlichen Sachverstand; im Gegensatz zu Steinbrück: "Seine Stärke ist die ökonomische Urteilskraft, die fehlt Frau Merkel." Steinbrücks Schwäche sei dagegen, "dass er zu schnell redet. Wenn er langsamer reden würde, käme er noch besser an."

Schröder nimmt Steinbrück in "Stinkefinger"-Debatte in Schutz

Dieser Einschätzung widersprach Ex-Kanzler Schröder in dem Dreier-Interview: "Im Gegenteil", so Schröder, "im Duell mit der Kanzlerin hat er gezeigt, dass er überzeugender ist als sie."

Die Kritik an Steinbrücks umstrittener Pose im "SZ"-Magazin kann Schröder nicht verstehen: "Bei der Beurteilung würde ich all den Kritikern ein wenig mehr Humor empfehlen", sagte er. Der "Stinkefinger" habe Steinbrück weder geschadet noch geholfen.

Nicht nur deswegen sei die Wahl noch längst nicht entschieden. "Der Wahlkampf ist erst unmittelbar vor der Wahl zu Ende. Und was in den letzten Tagen noch möglich ist, haben wir bewiesen, als wir 2002 gegen Edmund Stoiber trotz schlechter Prognosen doch noch gewonnen haben. Also: Wenn man nicht aufgibt, geht immer was", macht Schröder der SPD Mut für den Wahlkampfendspurt. Auf Schmidt müssen die Sozialdemokraten dabei aber verzichten. (cai)