Am Sonntagabend gab Kanzlerin Angela Merkel die Personalien für die CDU-Ministerposten in der neuen Regierung bekannt - sollten die SPD-Mitglieder einer Neuauflage der GroKo zustimmen. Vor allem die Berufung von Jens Spahn ins Kabinett wird in der Presse unterschiedlich bewertet.

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Wenn es nach dem Wunsch von Kanzlerin Merkel geht, steht die Besetzung der CDU-Ministerposten fest - natürlich immer unter der Voraussetzung, dass der SPD-Mitgliederentscheid einer Fortsetzung der Regierungskoalition zustimmt. Die Kommentare in den großen Tageszeitung könnten unterschiedlicher nicht sein und reichen von Lob für Merkels Mut und Weitsicht bis zum Abgesang auf ihr Kanzlerschaft. Die Pressestimmen:

Süddeutsche Zeitung

Spahn war der erste wichtige CDU-Politiker, der Merkels Flüchtlingspolitik kritisierte

"Dass Spahn in den vergangenen Jahren so stark geworden ist, dass Merkel jetzt nicht mehr an ihm vorbeikam, liegt aber nicht an der Gesundheits-, sondern vor allem an der Flüchtlingspolitik. Spahn verkörpert viel von dem, was sich ein Teil der CDU-Mitglieder wünscht. In der Union gibt es ja nicht nur das Angela-Merkel-, sondern auch das Sebastian-Kurz-Lager.

Die einen verurteilen den österreichischen Kanzler, weil er mit Rechtsradikalen koaliert. Die anderen loben ihn für seine Flüchtlingspolitik und halten den 31-Jährigen für eine Art konservativen Emmanuel Macron - und damit für eine Zukunftshoffnung."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Angela Merkel macht einen Schritt auf ihre Partei zu und befolgt damit den Rat eines großen Strategen

"Ein Quiz zum Wochenstart: Wer hat's gesagt? "Halte deine Freunde nahe bei dir, aber deine Feinde noch näher." Keine Ahnung, ob Angela Merkel Don Corleone aus dem "Paten" kennt. Aber seinen Ratschlag hat sie befolgt. In Annegret Kramp-Karrenbauer hat sie eine Vertraute in die Parteizentrale geholt. Doch in Person von Jens Spahn setzt sie sich einen ihrer größten parteiinternen Kritiker an den Kabinettstisch. Dieses Angebot kann er nicht ablehnen. Ob Merkel damit zur Kanzlerin der Union-Einheit wird, muss sich aber noch zeigen. Die Zustimmung des CDU-Parteitags am heutigen Montag dürfte aber eine Formsache sein."

taz

Merkels Macht hat ein Verfallsdatum

"Die Kanzlerin ist in der Disziplin der Machtverhüllung stets unschlagbar gewesen. In entscheidenden Situationen unterschätzt zu werden, war in der Vergangenheit oft ihre schärfste Waffe. Aber jedes Muster bleicht irgendwann aus.

Die Kabinettsliste zeigt, dass genau das jetzt passiert: Angela Merkels Schwächung ist keine Finte, kein Trick. Sie ist echt, und sie wird in den nächsten Monaten an der Oberfläche sichtbar werden. Denn Merkels Macht hat ein Verfallsdatum. Das ändert vieles.

Dass der Merkel-Kritiker Jens Spahn wohl bald am Kabinettstisch sitzen wird, ist eine Niederlage für die Kanzlerin. Denn die war in Sachfragen immer diplomatisch und kompromissbereit bis zur Unkenntlichkeit. Aber wo es um Personen ging, war sie entschieden und meist, sieht man von den Bundespräsidenten ab, durchsetzungsstark."

Neue Zürcher Zeitung

Vorteile für Merkel liegen auf der Hand

"Der 37-jährige Finanzstaatssekretär Spahn ist durch zahlreiche Talkshow-Auftritte bekannt geworden. Das liegt an seinem interessanten Profil: jung, schwul, konservativ. Vor allem aber lag es am Mut des gelernten Bankkaufmanns, seine Gegenposition zur Kanzlerin nicht nur, wie viele andere, beim Bier und in Berliner Hintergrundkreisen, sondern öffentlich einzunehmen. Markig wie kein zweiter aktiver CDU-Politiker hat Spahn wieder und wieder gefordert, konservative Wähler nicht weiter zu vergraulen. (...)

Die Vorteile für die Kanzlerin liegen dennoch auf der Hand. Erstens: Der konservative Flügel der CDU, der derzeit eher an ein Flügelchen erinnert, ist bis auf weiteres ruhiggestellt. Zweitens: Die Jungen können zufrieden sein; ein 37-jähriger Minister steht für das, was Politiker "Generationswechsel" nennen. Drittens: Spahn muss liefern. Merkel hat die Richtlinienkompetenz, und er wäre ihr als Minister erstmals direkt unterstellt – nicht wie früher, mit dem mächtigen Puffer des ehemaligen Finanzministers Wolfgang Schäuble dazwischen."

Spiegel Online

Kramp-Karrenbauer und Spahn - Duell um Merkels Erbe

"Sie hat es tatsächlich getan. Angela Merkel holt ihren prominentesten Kritiker ins Kabinett. Widersacher einzubinden, um die Gefahr, die von ihnen ausgeht, zu entschärfen, das war eigentlich nie Merkels Taktik. Normalerweise straft sie Illoyalität mit Missachtung, gönnt ihren Kontrahenten, wenn es irgendwie geht, kein Stück von der Macht.

Nun aber, im Frühwinter ihrer Kanzlerschaft, war der Druck auf Merkel zu groß. Hätte die CDU-Chefin Spahn diesmal übergangen, hätte es Ärger gegeben. (...)" (dh/dpa)  © dpa

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