Es begann mit einem Bahn-Projekt und einer Katastrophe in Japan. Aber der kometenhafte Aufstieg der Grünen in Baden-Württemberg hatte auch viel mit einem deplatzierten CDU-Ministerpräsidenten zu tun. Vieles spricht dafür, dass er für den Beginn einer neuen Zeitrechnung im deutschen Parteien-System steht. Denn die Grünen könnten im jahrzehntelangen Kernland der CDU die Machtverhältnisse bei den Landtagswahlen am Sonntag endgültig kippen. Es wäre ein politisches Beben, eine Sensation.

Die Zeitenwende kam mit dem 27. März 2011. Am Abend der Landtagswahlen in Baden-Württemberg war schnell klar, dass die CDU-FDP-Koalition nach schweren Verlusten ihre Mehrheit zu Gunsten einer rot-grünen Übermacht verloren hatte.

CDU verliert den Ministerpräsidenten

Obwohl sie mit 39 Prozentpunkten immer noch fast 15 Prozent vor allen anderen Parteien lag, stand die CDU vor dem Verlust des Ministerpräsidenten - nach fast sechs Jahrzehnten ununterbrochener Regierungsverantwortung.

Und nicht nur das: Die Grünen lagen mit 24,2 Prozent erstmals knapp vor der SPD (23,1 Prozent). Für die Gegner von Rot-Grün zeichnete sich in den kommenden Wochen ein noch größerer Albtraum ab.

In einer Grün-Roten Koalition würde ausgerechnet ein grüner Ministerpräsident das hochentwickelte Industrie-Land Baden-Württemberg regieren. Am 15. Mai 2011 wurde Winfried Kretschmann in das Amt des Ministerpräsidenten gewählt.

Der Albtraum der langjährigen CDU-Anhänger könnte sich am kommenden Sonntag noch einmal potenzieren. In vielen Umfragen liegen die Grünen mit über dreißig Prozent vor der CDU.

Sogar eine Junior-Partnerschaft der Konservativen in einer grün-schwarzen Koalition wird nicht mehr ausgeschlossen. Größer könnte die Demütigung für die CDU kaum sein - und größer auch nicht der Aufstieg der Grünen, die in ihrer Gründungsphase oft belächelt und verspottet worden sind. Wie ist es dazu gekommen?

Stefan Mappus war die Chance für Winfried Kretschmann

Wie immer in der Geschichte beginnt der Aufstieg einer neuen Macht mit der Schwäche des Machtinhabers. Und dieser Machtinhaber hieß vor Winfried Kretschmann Stefan Mappus.

Der untersetzte und wenig charismatische Politiker hatte niemals eine Wahl gewonnen, sondern war von der Partei erst 2010 zum Nachfolger des lange erfolgreichen Ministerpräsidenten Günther Oettinger gewählt worden, der im Zuge der Bildung der neuen schwarz-gelben Regierung in Berlin als neuer EU-Kommissar nominiert wurde.

Mappus' Waterloo in seiner kurzen Amtszeit als Ministerpräsident wurde der geerbte Konflikt um das Stuttgarter Eisenbahn-Großprojekt "Stuttgart 21", das von den Grünen und vielen Bürgerinitiativen seit Jahren leidenschaftlich bekämpft wurde.

Allerdings war Mappus' CDU nicht die einzige politische Kraft, die sich für das Projekt aussprach, auch die Mehrheit in der SPD und der FDP waren für einen Baustopp des lange geplanten Großprojekts nicht zu haben.

Alleine: Mappus zeigte sich als Einziger dazu bereit, den lange schwelenden Konflikt mit Gewalt zu lösen.

Am 30. September 2010 kam es am sogenannten "schwarzen Freitag" zu einem folgenschweren Zusammenstoß zwischen Demonstranten und der Polizei, bei der etwa 100 Menschen durch den Einsatz von Schlagstöcken, Wasserwerfern und Pfeffer-Spray teilweise schwer verletzt worden.

Bilder eines Mannes, der sein Augenlicht durch den Einsatz von Wasserwerfern fast vollständig verloren hatte, gingen durch Deutschland. Es waren Bilder, die an Polizeieinsätze in einer absolutistischen Diktatur erinnerten.

Viele Beobachter warfen diese Eskalation direkt dem Ministerpräsidenten vor, der wenig unternahm, um diesen Vorwurf zu entkräften.

"Schwarzer Freitag" war der Anfang des Aufstiegs

Im Nachhinein spricht vieles dafür, dass die Bilder vom sogenannten "Schwarzen Freitag" entscheidend dazu beitrugen, den Aufstieg der Grünen mit zu ermöglichen, die als einzige politische Kraft das Großprojekt rundweg ablehnten - und sich somit als parlamentarische Alternative zum Straßenkampf im Stuttgarter Schlosspark anboten.

Hinzu kam völlig überraschend die Reaktor-Katastrophe von Fukushima unmittelbar vor der Wahl, durch die der bekennende Gegner des Atom-Ausstiegs, Stefan Mappus, plötzlich ganz dumm dastand.

Jenseits dieser zwei Ereignisse ist der Aufstieg der Grünen aber eben auch untrennbar damit verbunden, dass Mappus mit Winfried Kretschmann ein Gegenkandidat gegenüber stand, der sogar für viele enttäuschte Konservative durchaus wählbar erschien.

Der frühere Lehrer für Ethik, Biologie und Chemie zählte zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Baden-Württemberg und zum Realo-Flügel seiner Partei. Viele Jahre führte er die Grünen im Landtag als Fraktionschef.

Kretschmann trug keine Wollpullover, sondern Anzüge mit (oft grüner) Krawatte, redete bedächtig und langsam - und versprach den "Stuttgart 21"-Gegnern und Befürwortern eine Volksabstimmung, um den Konflikt endlich zu entschärfen.

Auch in seinen anderen Positionen trat der Grüne gemäßigt auf, wirtschaftsfreundlich und pragmatisch, weit entfernt von einem linken Revolutionär. Angesichts des ungeschickt agierenden Mappus erschien sogar vielen Wählern im CDU-Lager der verheiratete Vater dreier Kinder und praktizierende Katholik als der bessere Wertkonservative.

Doch der Zulauf für den späteren Ministerpräsidenten speiste sich, auch aufgrund der Fukushima-Katastrophe, aus allen Parteien. Am Ende legten die Grünen im Vergleich zur vorangegangenen Wahl im Jahr 2006 um 12,5 Prozent zu. Kretschmann hatte für die Grünen das Ergebnis nahezu verdoppelt.

Für die CDU, aber auch für die SPD, blieb die Hoffnung, dass es sich um eine historische Ausnahme gehandelt habe, ausgelöst durch die einmalige Konstellation eines unfähigen CDU-Ministerpräsidenten, einer unbeherrschbaren Großbaustelle und einer Nuklear-Katastrophe in Japan - Kretschmann als Sonderfall, der sich nicht wiederholen würde.

Kretschmann genießt hohe Beliebtheit

Fünf Jahre später deutet wenig darauf hin, dass sich diese Hoffnung erfüllen könnte. Nach fünf Jahren im Amt genießt Kretschmann nicht nur in der Bevölkerung hohe Beliebtheit. In Baden-Württemberg folgt ihm auch die eigene Partei quasi widerspruchslos.

Große parteiinterne Konflikte drangen in seiner Regierungszeit jedenfalls nicht nach draußen, obwohl Kretschmann seinen eigenen Kopf hat und sich öfter jenseits der grünen Parteilinie bewegte. Zoff gab es allerdings mehrmals mit der grünen Bundespartei - und dort besonders mit Parteilinken wie Jürgen Trittin oder dem Ur-Grünen Christian Ströbele.

Denn vor einer möglichen grün-schwarzen Koalition nach einem erneuten Wahlsieg Kretschmanns haben nicht nur Unions- und SPD-Abgeordnete Angst.

"Beim Gedanken an Schwarz-Grün wird mir schon ganz anders", sagte Ströbele laut einem Bericht im "Spiegel" von dieser Woche.

Kretschmanns Politik sei früher unvorstellbar gewesen: eine CDU-Kanzlerin zu loben und politische Inhalte für eine Machtoption zu verdealen. "Wir Grünen verkaufen gerade unsere Seele", wird ein anderer Partei-Linker im "Spiegel" zitiert.

So kommt, fünf Jahre nach dem Aufstieg der Grünen in Baden-Württemberg, tatsächlich die hörbarste Kritik aus der eigenen Partei, während ein grüner Ministerpräsident keine Gelegenheit auslässt, eine CDU-Kanzlerin zu loben.

Sollte er damit die Wahl gewinnen und tatsächlich mit einer dezimierten CDU gegen die SPD das Land regieren, wäre das gewiss ein weiterer Meilenstein in einem sich radikal verändernden deutschen Parteien-System.