• Einst war die Linke in Sachsen-Anhalt ein Machtfaktor, nun stürzen die Genossen bei der Landtagswahl weiter ab.
  • Für die Bundespartei wird der Schrumpfkurs im Osten zum Problem.

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Woran liegt es? Und was müssen wir anders machen? Das sind die Fragen, die sich die Linke in den kommenden Wochen stellen muss. Die Partei bleibt bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt weit unter ihren eigenen Erwartungen und Ansprüchen. Zwar schaffte sie es, immerhin drittstärkste Kraft zu werden und vor Grünen und SPD und zu landen – das allerdings wohl auch nur, weil die Konkurrenz ebenfalls schlechter abschnitt als erwartet oder erhofft.

Am Ende verliert die Linke knapp fünf Prozentpunkte im Vergleich zu 2016. Bei keiner anderen Partei ging der Verlustbalken so weit nach unten.

Dabei hatte sich die Linke noch zum Wahlkampfbeginn in Sachsen-Anhalt hohe Ziele gesteckt. Spitzenkandidatin Eva von Angern sollte gar als ebenbürtige Herausforderin von Ministerpräsident Reiner Haseloff gesehen werden, so haben es die Linken anfänglich versucht. "Unsere Annalena Baerbock heißt Eva von Angern", so hatte es Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch, ein enger Verbündeter der Spitzenkandidatin, immer wieder gesagt.

Zum Schluss wurden die Linken realistischer, traten nicht mehr ganz so selbstbewusst auf. Für die Bundespartei sollte die Wahl in Sachsen-Anhalt eigentlich einen Aufbruch einläuten. Der bleibt nun aus. Stattdessen hat die Linke, die einst starke Ergebnisse in Sachsen-Anhalt einfuhr, nach der letzten Niederlage noch mal ein Viertel ihrer Wähler verloren. Besonders viele wanderten ausgerechnet zur CDU ab, ein großer Teil ging aber auch einfach nicht zur Wahl. "Das ist eine Niederlage für die gesamte Linke. Daran gibt es nichts zu beschönigen", sagte die Bundesvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow am Wahlabend.

Im Land selbst hatte die Partei mit der starken Polarisierung zwischen CDU und AfD zu kämpfen. Hinzu kommt, dass die einzige Machtperspektive der Linken im Land, eine rot-rot-grüne Regierung, auch in Umfragen weit von einer Mehrheit entfernt war. Es also für die Partei schlicht keine Regierungsperspektive gab.

Wahl in Sachsen-Anhalt: Linke setzte auf Anti-Wessi-Kampagne

Der Wahlkampfstil dürfte nun noch einmal hinterfragt werden. Die Linke versuchte, ihr altes Ost-Image aufzupolieren und setzte auf eine Anti-Wessi-Kampagne. Das Thema der unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Ost und West mag viele Menschen in Sachsen-Anhalt umtreiben, doch es ist längst kein Alleinstellungsmerkmal der Linken mehr. Mehr oder weniger glaubwürdig setzen sich schließlich alle Parteien für einen besseren Ausgleich zwischen Ost und West ein. Auch der bisweilen schrille Ton passte wenig zur Spitzenkandidatin von Angern, die den Eindruck machte, selbst nicht wirklich von der Kampagne überzeugt zu sein.

Die Fehlersuche wird sich aber vor allem auf den Bund richten. Da ist etwa das Lager um Sahra Wagenknecht, die ihre Partei auf einem falschen Kurs sieht, weil diese sich zu sehr um Themen für großstädtische Milieus kümmere und dabei das Kernklientel der Linken vernachlässige.

"Ich hoffe, dass die Parteispitze daraus endlich die richtigen Schlussfolgerungen zieht, damit wir diesen Abwärtstrend noch vor der Bundestagswahl stoppen und umkehren können", sagte Wagenknecht am Wahlabend. "Wir müssen wieder zu der Politik zurückkehren, mit der wir erfolgreich waren, statt den Grünen hinterherzulaufen und unsere Wähler hauptsächlich in der gehobenen Mittelschicht der Großstädte zu suchen."

Andere in der Partei sehen es genau umgekehrt. Die Linke habe es versäumt, im Osten neue Wählerschichten zu erreichen. Vielmehr setzte man gerade im Osten auf traditionelle Wähler, die schon zu DDR-Zeiten hinter der SED standen. In den ostdeutschen Bundesländern sind tatsächlich nicht nur die Mitglieder, sondern auch die Wähler der Linken besonders alt. Diese Wählergruppe wird nun immer kleiner.

"Eine neue linke Erzählung für den Osten"

"Uns hat der Osten in den letzten Jahren oft die Ergebnisse gerettet", sagt etwa Vorstandsmitglied Maximilian Becker. Wenn das nicht mehr passiere, könne es mit Blick auf die Bundestagswahl "schnell unangenehm werden". Was jetzt in Sachsen-Anhalt passiert sei, sei dramatisch.

Die Linke müsse sich in den Ostländern neu erfinden, wieder mehr mit Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft kooperieren. Der Fokus dürfe nicht mehr nur auf den Landesparlamenten liegen, sondern müsse den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen, fordert er. "Wir brauchen eine neue linke Erzählung für den Osten – und das recht rasch."

So oder so: Die Schwäche der Linken im Osten wird zum immer größeren Problem auch für die Bundespartei, die auf die guten Ergebnisse in den Ländern dringend angewiesen ist. Bis auf Thüringen, wo die Partei den Ministerpräsidenten stellt, sieht es jedoch inzwischen überall schlecht aus. Auch in Brandenburg und Sachsen sind Partei und Wahlergebnisse massiv geschrumpft.

Spitzenkandidat Bartsch sprach am Wahlabend zwar von einer Niederlage, lobte aber den Landeswahlkampf. Er glaube, dass die Partei "die Früchte des Wahlkampfs" in Sachsen-Anhalt auch im Bund einfahren könne. Wenn er damit die selbst so bezeichnete Niederlage meinte, dürfte es für die Linke bei der Bundestagswahl sehr schwer werden.  © DER SPIEGEL