Einen "klaren Verstoß gegen die Regeln der Pressefreiheit" sieht Kai Diekmann im Inserate-Boykott, den Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) über "Österreich" verhängt hat. Er kenne keinen vergleichbaren Fall in Deutschland, betont der Ex-Herausgeber der "Bild".

"Das ist eine Sache, die einen nur den Kopf schütteln lässt": So beurteilt der langjährige Herausgeber der "Bild", Kai Diekmann, am Donnerstag in Wien den Zoff zwischen Christian Kern (SPÖ) und "Österreich".

Der Bundeskanzler hatte einen Inserate-Boykott über die Gratiszeitung verhängt und alle Interviews mit der Mediengruppe abgesagt. Auslöser: Das Blatt hatte über ein internes Papier aus der SPÖ berichtet, in dem Kern als "ungemein eitel", mit dünnem Nervenkostüm und "Glaskinn" dargestellt und als "Prinzessin" bezeichnet wurde. Die stornierten SPÖ-Inserate haben laut "Österreich" einen Wert von 50.000 Euro.

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"Man kann über alles reden. Man kann über Schlagzeilen reden, über Inhalte und über die Debattenkultur, die wir pflegen. Was aber gar nicht geht: wenn ein Politiker wirtschaftlichen Druck auf Medien ausübt, indem Anzeigenaufträge storniert werden", so Diekmann im Gespräch mit der APA. Der Journalist, der den Springer-Konzern vor einigen Monaten verließ, ist derzeit zu Gast bei der Digital-Konferenz Darwin's Circle in Wien.

Kai Diekmann: "Verstoß gegen Regeln der Pressefreiheit"

"Ein Interview-Boykott ist das eine. Als Politiker darf ich mir aussuchen, wem ich ein Exklusiv-Interview gebe. Auch das ist aber nicht souverän. Unzulässig ist es, Medien durch wirtschaftlichen Druck abzustrafen. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Regeln der Pressefreiheit", so Diekmann.

"Wer Medien so gefügig machen will, hat im Kern nicht verstanden, worum es bei der Pressefreiheit geht. Bundeskanzler Kern hat sich an dieser Stelle ein wirkliches Eigentor geschossen. Ich kenne keinen vergleichbaren Fall aus Deutschland, wo ein Politiker zu diesem Mittel gegriffen hätte."

Gerade im Lichte der Diskussion über die Pressefreiheit in anderen Ländern, etwa der Türkei, findet Diekmann Kerns Reaktion bedenklich. "Wenn der österreichische Bundeskanzler dem türkischen Präsidenten zu Recht unakzeptable Angriffe auf die Pressefreiheit vorwirft, dann muss er zuerst vor der eigenen Tür kehren, wenn er sich so an der Pressefreiheit vergreift", meinte Diekmann.

Freilich gebe es Schlagzeilen, die Grenzen überschreiten. "Aber wer austeilt, muss auch einstecken können", betonte Diekmann, "das gilt für beide Seiten, Politiker und Medien. Medien müssen kritisiert werden, wirtschaftliche Sanktionen gegen Medien - das geht gar nicht." (af)