Dass die ÖVP von Sebastian Kurz als Sieger aus der Nationalratswahl hervorgeht, war zu erwarten. Richtig spannend hingegen werde es in den kommenden Wochen, denn die Koalitionsgespräche dürften schwierig werden, kommentieren österreichische und deutsche Zeitungen. Die Pressestimmen.

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Österreich

"Der Standard": "Nun geht es um mehr als Prozentpunkte"

Im Wahlkampf haben die Parteien einander nichts geschenkt; doch nun geht es um mehr als ein paar Prozentpunkte. Nun geht es um Österreich. Es liegt einerseits an SPÖ und Grünen, die möglichen Verwundungen des Wahlkampfs zu vergessen und auszuloten, ob eine Zusammenarbeit mit der ÖVP möglich ist.

Und andererseits liegt es an Sebastian Kurz. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob er nicht nur ein sehr erfolgreicher Wahlkämpfer, sondern auch ein Staatsmann ist.

"Kronen-Zeitung": Ergebnisse "zugespitzter als vorausgesagt"

Es waren zwar tendenziell die erwarteten Ergebnisse, in ihrer Ausprägung aber doch weit zugespitzter als vorausgesagt: Von einem Sieg von Sebastian Kurz und der ÖVP war man ausgegangen - mit 37 Prozent und dem bei Weitem größten Abstand auf den Zweiten in der Zweiten Republik hatte aber kaum jemand gerechnet. (...)

Was bleibt, ist die große Frage, wie es mit Österreich jetzt weitergeht. Denn neben dem doch recht extrem ausgefallenen Ergebnis brachte die Wahl auch andere Überraschungen. Etwa: Die Erkenntnis, dass die Handtasche mehr Gewicht hat als Ibiza.

Soll heißen: Die Spesenaffäre rund um den ehemaligen Vizekanzler und seine Frau Philippa hat den Freiheitlichen mehr geschadet als der Ibiza-Skandal. Dass jemand, der sich stets als Vertreter des sogenannten kleinen Mannes bezeichnet, mit Geld um sich wirft, verzeihen die blauen Wähler ganz offensichtlich nicht.

"Kurier": "Dieses Resultat ist eindeutig"

Das gute Abschneiden hat Kurz innerparteilich stärker gemacht denn je. Das Zerbrechen der türkis-blauen Koalition und die Notwendigkeit vorgezogener Neuwahlen hatte schon den einen oder anderen internen Zweifel aufkommen lassen, aber dieses Resultat ist eindeutig.

Es bedeutet: Kurz hat bei der Wahl seines Koalitionspartners sehr großen Spielraum. Dennoch wird sich der ÖVP-Chef wohl nicht über die Phalanx seiner Landeshauptleute hinwegsetzen und auf Biegen und Brechen Türkis-Blau fortsetzen. Die Gefahr wäre zu groß, dass das Experiment erneut platzt.

"Die Presse": Persönlicher Triumph für Sebastian Kurz

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Man kann zu ihm stehen, wie man will. Das Ergebnis der Wahl ist ein Triumph für Sebastian Kurz. Ein persönlicher Triumph.

Immerhin wurde diesmal auf jeden Schnickschnack mit mehr oder weniger prominenten Quereinsteigern und auf große neue inhaltliche Ansagen verzichtet. Das Wahlwerben war ganz auf Sebastian Kurz abgestellt.

Deutschland

"Süddeutsche Zeitung": In die "viel beschworene Mitte" schauen

Die Wählerwanderung von der FPÖ hin zur ÖVP ist eine deutliche Aufforderung an Kurz, dort hinzuschauen, wo sich seine Partei traditionell eigentlich verortet: in der viel beschworenen Mitte.

Wenn Sebastian Kurz dereinst nicht nur als junger und überdurchschnittlich talentierter, sondern auch als großer Staatsmann im Gedächtnis bleiben will, sollte er diese Chance ernst nehmen.

"Frankfurter Allgemeine": "Kurz muss Talent unter Beweis stellen"

Bis vor zwei Jahren galt in Österreich der Erfahrungswert, dass in der Regel derjenige in vorgezogenen Wahlen bestraft wird, der sie vom Zaun gebrochen hat. Jetzt hat Sebastian Kurz das zum zweiten Mal in kurzer Frist getan und ist zum zweiten Mal als klarer Sieger aus der Wahl hervorgegangen.

Aber die Aufgabe, die sich ihm jetzt stellt, ist noch kniffeliger: Er muss eine Regierungsmehrheit zustande bringen. Auch politisch stehen große Hindernisse vor jeder möglichen Koalition, ob es eine Neuauflage von Türkis-Blau wäre, ein Rückgriff auf die große Koalition, das Experiment eines Dreierbündnisses, falls es zu Türkis-Grün nicht doch reicht, oder eine Minderheitsregierung. Kurz muss nun das politische Talent unter Beweis stellen, das ihm von vielen Seiten bescheinigt wird.

"Frankenpost": Kurz beeindruckt mit "Geschmeidigkeit"

Sebastian Kurz scheint Feuer und Wasser zu vereinen, ohne sich zu verbrennen oder nass zu werden. Und nichts und niemand scheint ihn momentan stoppen zu können. Er wird – wie immer – seinem Bauchgefühl folgen.

Er klammert sich nie stur an Dogmen, sondern legt eine Geschmeidigkeit an den Tag, die ihm hilft, mit allen Gesprächspartnern zurande zu kommen

"Westfälische Nachrichten": "Comeback nicht von FPÖ vermasseln lassen"

Der Wahlsieger heißt unzweifelhaft Sebastian Kurz. Der Ex-Kanzler und seine konservative ÖVP erleben – nach der abenteuerlichen Koalition mit der FPÖ – geradezu einen wahren Höhenflug. Das war in der Deutlichkeit nicht zu erwarten.

Österreichs Polit-Talent erhält nach diesem denkwürdigen Votum nun eine zweite Chance. Sein grandioses Comeback wird sich Kurz kaum noch einmal von der FPÖ vermasseln lassen.

Er, Kurz, ist jetzt König und hat die Wahl, mit anderen Partnern ein neues Regierungsbündnis zu schmieden – zum Beispiel mit den liberalen Neos und den Grünen, die mit dem "Greta"-Effekt ungeahnte Gipfel erklimmen. Kurz muss diese Chance nutzen, um Wien auch in Europa wieder salonfähig zu machen.

"Mittelbayerische Zeitung": Das eigene Image im Vordergrund

Sebastian Kurz ist vor allem an seinem eigenen Image interessiert – er wird die Koalition sicher danach auswählen, was seinem Ansehen dient. Eine Koalition mit den Grünen wäre in diesem Sinne auch in Europa viel leichter zu vermarkten als eine Neuauflage mit den Rechtspopulisten. Vielleicht könnte so eine Regierung sogar ein Signal für Deutschland sein.

"Der Spiegel": Ein Wahlkampf unter Zeitdruck

In den vergangenen Wochen hatte man in Österreich das Gefühl, die gesamte Fernsehwelt bestünde nur noch aus sechs Politikern, die in einer Möbiusschleife immer das gleiche wiederholen. Große Narrative gab es kaum. Dafür fehlte schlicht die Zeit. Das Ibiza-Video hatte alle überrascht.

Keiner war auf einen mehrmonatigen Wahlkampf eingestellt. Am Ende dieses langweiligen Marathons stand ein Ergebnis, das ohne diesen exakt genauso ausgesehen hätte. ÖVP und Grüne gewinnen massiv, die FPÖ bekommt ihre Korruptionsrechnung serviert und die Sozialdemokraten setzen ihren stetigen Untergang ratlos fort.

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Zwei Fragen bleiben spannend"

Der so junge wie alte Kanzler Sebastian Kurz wird auch der neue Kanzler Österreichs sein. Zwei Fragen bleiben spannend. Erstens: Mit wem wird er koalieren? Die FPÖ kann wenig bis nichts fordern, die Grünen hingegen können selbstbewusst auftreten. Klingt eher nach einer Fortsetzung der alten Koalition, aber darauf wetten sollte man nicht. Noch ist unklar, wie beweglich sich die Grünen zeigen für ein paar Ministersessel.

Die zweite Frage ist mindestens ebenso spannend: Für was steht diese ÖVP inhaltlich außer für einen Kanzler Kurz? Im Wahlkampf ist fast alles bemerkenswert vage geblieben. Gewählt wurden keine Themen, sondern Typen. Unklar bleibt deshalb, ob sich die Wahl in Österreich auch für Europa ausgeht. Weitere Abweichler wie den ungarischen Nachbarn wird die EU nicht vertragen.

Schweiz

"Neue Zürcher Zeitung": Auf Kurz warten zähe Verhandlungen

Kurz wird nicht nach Belieben seinen möglichen Partnern Koalitionsbedingungen diktieren können, er muss sich auf zähe Verhandlungen einlassen. Dabei bieten sich ihm nur missliebige Optionen.

Mit der FPÖ würde man sich zwar inhaltlich schnell einigen, das alte Regierungsprogramm böte die Grundlage. Der ÖVP-Chef wird auch nicht müde, zu betonen, wie zufrieden er mit der gemeinsamen Sacharbeit gewesen sei. Doch Kurz erklärte auch, er wünsche sich eine "ordentliche Mitte-rechts-Politik" ohne die "Grauslichkeiten" der rechten Skandale.

(dpa/mcf/awa)

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Teaserbild: © imago images/Eibner Europa