Die Griechen haben gewählt: Das Ergebnis fällt deutlich zugunsten von Alexis Tsipras und dem linksradikalen Bündnis Syriza aus. Wie geht es mit der Sparpolitik in Griechenland nun weiter - und wie reagiert Europa auf den neuen starken Mann in Athen, der den Bürgern im Wahlkampf Entlastungen versprochen hat? So kommentiert die internationale Presse den Ausgang der Wahl.

"Spiegel Online": "Tsipras hat eine Chance verdient. (...) Aus dem Sieg von Alexis Tsipras lässt sich leicht ein Horrorszenario stricken. Doch ebenso gut könnte die Wahl in die Geschichte eingehen. Als jener Tag, an dem die Griechen ihr Schicksal endlich in die eigene Hand nahmen. (...) Es ist höchste Zeit, dass die Griechen ihren eigenen Weg gehen und für ihr Schicksal selbst die Verantwortung übernehmen. Den ersten Schritt haben sie am Sonntag getan."

"Süddeutsche.de": "O Alexis - Ein Revoluzzer triumphiert. (...) Sein Aufstieg in der griechischen Polit-Szene ist beispiellos, die Wähler hat Alexis Tsipras mit jungenhaftem Charme überzeugt. Doch der linke Syriza-Chef punktete auch mit Parolen gegen Deutschland und Kanzlerin Merkel. (...) Ein Showtalent, rhetorisch brillant, freundlich, jugendlich, das ist Alexis Tsipras. Ein Polit-Star. Der 40-Jährige versteht es, die Menschen für sich und seine Ideen zu begeistern."

"Faz.net": "Jetzt hat Tsipras die Wahl. (...) Sein erdrutschartiger Sieg stellt Syriza-Chef Alexis Tsipras vor die Entscheidung: Schließt er einen Kompromiss mit der Troika oder riskiert er den Staatsbankrott? Seine Lage ist verfahren: Er hat in Europa keinen Verbündeten - und braucht dringend ausländisches Geld. Tsipras wird an einer Tatsache nicht vorbeikommen: Griechenland braucht weiter ausländisches Geld, sei es von den Märkten oder von der EU. Er hat die Wahl zwischen Kompromissen mit der Troika und einem großen Staatsbankrott, der sein Land noch tiefer in den Abgrund führen könnte."

"Handelsblatt.de": "Die Wut-Wahl (...) Der Frust der Griechen war größer als die Angst vor den ungewissen Folgen eines Machtwechsels. Doch Wahlsieger Alexis Tsipras ist nicht zu beneiden. Denn seine Sozialprogramme sind nicht finanzierbar. (...) Auch aus dem Ausland, vor allem aus Berlin, bekamen die Griechen mehr oder weniger diskrete Mahnungen, Syriza nicht ihre Stimme zu geben. Aber diese Angstkampagne ist nicht aufgegangen. Sie war kontraproduktiv: Jetzt erst recht, haben sich viele Wähler gesagt. Die Wut der Menschen war größer als ihre Angst vor den ungewissen Folgen eines Machtwechsels."

"Stern.de": "Willkommen im wahren Leben, Herr Tsipras! (...) Es war eine Wahl mit epochalen Charakter, Syriza hat die alte Parteienlandschaft zertrümmert. Die Hoffnung der Griechen ist groß. Doch Sieger Alexis Tsipras muss die Luft aus seinen Phrasen lassen. Denn nun muss der aufgeweckte Parlaments-Novize einlösen, was er versprochen hat: Nämlich nicht weniger, als sein Land aus der Asche wieder auferstehen zu lassen. Mit seinem populären Mix aus Schuldzuweisungen und Heilsbotschaften hat es der 40-Jährige geschafft, ein Drittel des griechischen Wahlvolks hinter sich zu versammeln. Er sprach aus, woran viele Griechen in den vergangenen Monaten und Jahren gerne glauben wollten: Schuld am Verlust von 940.000 Arbeitsplätzen und einem Viertel der Wirtschaftsleistung sind allein Angela Merkel und die Mitarbeiter der verhassten Troika, vor deren Hotelzimmer auch schon mal ein Polizeibeamter nachts auf einem Stuhl Wache schieben musste."

"Bild.de": "Dieser Wahl-Hammer lässt Europa erbeben. (...) Der Triumph des radikal linken Syriza-Bündnisses um den charismatischen Politiker Alexis Tsipras (40) bei der Parlamentswahl in Griechenland pflügt die politische Landschaft in dem Krisenstaat grundlegend um und trägt große Verunsicherung in die Euro-Zone. Wenn Tsipras seine vollmundigen Versprechen aus dem Wahlkampf jetzt wirklich wahrmachen wollte, dann steht nicht nur der gesamte Reform- und Sanierungskurs in Frage, der Griechenland vor der Staatspleite retten soll. Dann steht auch die Euro-Mitgliedschaft der Griechen auf dem Spiel."

"Taz": "Die Europäer sind gut beraten, diese anstehenden Gespräche mit aller Ernsthaftigkeit zu führen. Nicht so sehr deshalb, weil der Euro sonst in Gefahr geriete. Nicht unbedingt, weil andernfalls Milliardenkreditsummen abgeschrieben werden müssten. Sondern, weil ein Scheitern Griechenlands einem Fanal gegen die Einheit Europas und die Europäische Union gleichkäme. Griechenland hat demokratisch gewählt. Das Ergebnis verdient Respekt. Andernfalls gerät die Demokratie selbst in Gefahr – und das nicht nur in Athen."

Internationale Pressestimmen

"Le Figaro" (Frankreich): "Wenn diese Wahl gegen das "Establishment“ in Griechenland ausreicht, damit Frankreich, Deutschland und andere die Schulden Griechenlands an seiner Stelle zurückzahlen, würde dies den übrigen Euroskeptikern von Podemos in Spanien über Ukip in Großbritannien bis hin zu Marine Le Pen in Frankreich Tür und Tor öffnen. Sollte hingegen jetzt Griechenland aus der Eurozone und der EU austreten, dann wird man damit leben müssen. Auf jeden Fall wird man aus diesem Experiment (des Syriza-Parteichefs Alexis) Tsipras wertvolle Lehren ziehen können. Für Europa ist es sinnvoller, das griechische Experiment bis zum Ende zu beobachten, als zu versuchen, das Land durch eine inkonsequente Sonderbehandlung zu neutralisieren."

"De Standaard" (Belgien): "Europa steht nun vor einem Dilemma. Soll es rigoros auf dem strikten Sparkurs bestehen, den es den Griechen auferlegt hat? Oder soll es sich mit Tsipras an den Verhandlungstisch setzen, um nach einem Kompromiss zu suchen? Letzteres scheint die vernünftigste Option zu sein. Dabei dürfte jedoch der radikalste Punkt des Syriza-Programms - der Erlass eines Teils der Staatsschulden - ausgeschlossen sein. Das wäre nicht fair gegenüber jenen Euroländern, die sich stets dem Brüsseler Spardiktat gebeugt haben, und erst recht nicht gegenüber denjenigen, die ebenfalls durch Europa "gerettet" wurden und im Gegenzug ihren Verpflichtungen artig nachgekommen sind."

"De Telegraaf" (Niederlande): "Was nun? Griechenland und Europa bekommen unvermeidlich Streit. Absprachen sind einzuhalten, wird Europa sagen. Die Demokratie hat gesprochen, werden die Sieger der griechischen Wahlen antworten. Und während nun wochenlang, vielleicht monatelang gestritten wird, kann es mit Griechenland furchtbar schiefgehen. Solange die Unsicherheit andauert ist die Gefahr groß, dass es zum Ansturm auf die Banken und zur Kapitalflucht kommt. Was macht Europa? Zuschauen, wie sich das Land selbst zugrunde richtet? Oder doch Hilfe leisten? Und was wird mit den Staatsschulden Griechenlands? Niemand in Europa will sie erlassen. Doch zugleich weiß jeder, dass sie unerträglich hoch sind."

"Aftenposten" (Norwegen): "Politiker, die eine Wahl gewinnen wollen, dürfen große Worte benutzen. Aber sobald die Wahl vorbei ist, wird erwartet, dass die Rhetorik abgeschwächt wird, um die Erwartungen der Anhänger in Vorbereitung auf den Alltag zu dämpfen. Das gilt besonders für einen Politiker, der Ministerpräsident wird. Das war die Möglichkeit, die Tsipras gestern hatte und nicht genutzt hat. Als er seine Siegesrede am Sonntagabend gehalten hat, hat er die meisten seiner Wahlversprechen wiederholt, nicht zuletzt seine unversöhnliche Haltung gegen die Forderungen, die die EU als Bedingung für die enormen Kredite, die Hellas seit 2010 bekommen hat."

"Der Standard" (Österreich): "Da kein Grund mehr zu überhasteten Aktionen besteht, sollte das Reformprogramm in Ruhe unter die Lupe genommen werden: Vieles war nach Einschätzung von Experten zu überhastet, teilweise zu radikal. Athen hängt seit 2010 am Tropf internationaler Finanzhilfen und hat 250 Milliarden Euro zugesagt bekommen. Die Gläubiger bestehen zu Recht darauf, dass der Schuldendienst weiter bedient wird. Wenn die neue Regierung nach den Wahlen erreicht, dass die Fristen dafür gestreckt werden, gleichzeitig aber am Reformkurs festhält und schafft, dass mehr investiert wird und die Bevölkerung davon eine Verbesserung merkt, könnte das zu einer Entspannung der Lage führen in Athen und in ganz Europa."

(zusammengestellt von Christian Aichner)