Nur 16 Prozent in der Wählergunst. Nach dem Schleudergang der letzten Tage bekommt die einstige Volkspartei SPD die Quittung, sie spürt den Atem der AfD. Gründe für den Absturz gibt es viele. Problematisch: Auch die designierte neue Chefin gilt nicht als große Hoffnung.

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Die Leute springen auf, von der Wiedergeburt der SPD ist die Rede. Endlich ist da einer, der wieder klar links sein will, mehr Gerechtigkeit und ein Korrigieren der Agenda-2010-Reformen von Gerhard Schröder verspricht. Zahlreiche Genossen halten Plakate hoch, auf denen steht: "Zeit für Martin!" oder "Jetzt ist Schulz!".

Ein Jahr später. Wieder ein politischer Aschermittwoch bei der nordrhein-westfälischen SPD. Der gleiche Ort, der holzgetäfelte Festsaal der Gaststätte Freischütz in Schwerte bei Dortmund. Martin Schulz ist am Vortag in Berlin als SPD-Chef zurückgetreten - "ohne Wut und Groll", wie er sagt.

Andrea Nahles ist als erste Frau für den Parteivorsitz nominiert worden. Kein Jubel, keine Plakate. Nur freundlicher Applaus, als sie im roten Mantel in den Saal marschiert. Sie redet viel von "Unterhaken", von neuem Teamgeist. Fast ohne Stimme krächzt sie von der Göttinnendämmerung bei Angela Merkel - dass die Kanzlerin bald Geschichte sei. Doch die SPD ist derzeit so weit weg vom Kanzleramt, dass die Äußerungen wie Ablenkungsmanöver anmuten.

SPD fällt auf 16 Prozent

Denn nach dem Schulz-Fiasko und fast grotesken Querelen kommt nun die Quittung: Im ARD-Deutschlandtrend Extra fällt die SPD auf 16 Prozent, nur noch einen Punkt liegt sie vor der rechtspopulistischen AfD. Und, was Sorgen machen sollte: Nahles, die Trümmerfrau der SPD, wird nicht als große Hoffnungsträgerin gesehen: Nur 33 Prozent sind der Meinung, dass sie in der Lage wäre, die SPD wieder zu einen und nach vorne zu bringen. Auch bei den SPD-Anhängern sind es nur 48 Prozent.

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig, die SPD ist auf Sinnsuche.

SCHLINGERKURS: Mitte und wirtschaftsnah oder klar links. Martin Schulz stand symptomatisch dafür: erst links, keine große Koalition mehr. Dann wieder mehr Mitte, Ende der Oppositionsromantik, fragwürdige Kompromisse mit der Union. Peer Steinbrück wurde wiederum im Wahlkampf 2013 zu einem linken Wahlkampf gezwungen, der nie zu ihm passte. So schlingert die Partei seit Jahren zwischen den Folgen der Schröder-Jahre, während Merkel die Agenda-Politik klar und deutlich lobt - sie gilt als ein Grund für die guten Wirtschaftsdaten heute.

SCHLECHTE "VERKAUFE": Ein führender Genosse sagt: "Ich kann doch auch den Stegner nicht mehr sehen." Wer solche Parteifreunde hat, braucht keine Feinde mehr, SPD-Vize Ralf Stegner muss (auch intern) oft als Gesicht der Griesgrämigkeit herhalten. Missgunst, schlechte Laune, dazu oft katastrophale Kommunikation. Man widerspricht sich, redet Erfolge schlecht. Jüngstes Beispiel: Das Erringen von sechs Ressorts, darunter die Schwergewichte Außen, Finanzen und Arbeit/Soziales in den Koalitionsverhandlungen wird nicht offensiv betont, kaum Salz in diese Wunde Merkels gestreut, da man mit sich selbst beschäftigt ist.

DAS OST-PROBLEM: Neben Manuela Schwesig, der Ministerpräsidentin von Meckleburg-Vorpommern, hat die Partei kaum bekannte Gesichter in Ostdeutschland, weite Landstriche werden wie im Süden zur Diaspora. 14,3 Prozent errang die SPD in den ostdeutschen Ländern bei der Bundestagswahl - die AfD satte 22,5 Prozent. Setzt man die richtigen Akzente? Die SPD setzte sich in den Koalitionsverhandlungen für mehr Geld für Europa ein - und kämpfte gegen eine Flüchtlings-Obergrenze. Das sind aber beides Themen, die viele der sogenannten kleinen Leute komplett anders sehen - in Ostdeutschland, aber auch im Ruhrgebiet.

AUFLÖSUNG VON MILIEUS/ENTFREMDUNG: Es gibt heute kaum noch die sozialdemokratischen "Lebenswelten" und die klassische Arbeiterklientel mit festen Milieus, wo eine Familie immer das Kreuz bei den "Roten" macht. Und einige der Spitzenfunktionäre leben in der "Blase Berlin", verlieren den Kontakt zur Basis. Da wird die "Ehe für alle" zu einem der größten Erfolge der letzten Jahre hoch stilisiert. Aber das geht an den täglichen Sorgen vieler Bürger vorbei. Der ganze Unmut entlädt sich in den jüngsten internen Konflikten, der auch ein Misstrauensvotum gegen die Spitze ist. Nach dem Schulz-Hype gibt es den Kevin-Kühnert-Hype, der Jusos-Chef beflügelt die Sehnsucht nach klarer Kante. Aber sein Programm ist ein schlichtes Nein zur großen Koalition, das schon vor den Verhandlungsergebnissen feststand.

FEHLENDE IDEE: Unter Willy Brandt wurde die SPD so erfolgreich, weil sie alten Ballast im Godesberger Programm von 1959 abgeworfen wurde, der Marxismus als Ziel wurde aufgegeben. Man bekannte sich zum freien Wettbewerb, mauserte sich zur pragmatischen Volkspartei, die sich der Kirche und den Unternehmern annäherte. Wegweisende Konzepte wie die neue Ostpolitik, eine Bildungsoffensive, gesellschaftliche Öffnung, dafür stand die SPD. Doch seit dem Verlust der Kanzlerschaft 2005 und den Wunden der Arbeitsmarktreformen Schröders, fehlt der SPD eine Zukunftsidee und klare Antworten: Wie die Folgen der Globalisierung zähmen? Wie Ängste vor dem Verlust von Jobs durch Roboter bekämpfen? Warum werden Großkonzerne nicht stärker besteuert?

PARTEIENKRISE: Die französischen Sozialisten mussten sogar ihre Parteizentrale verkaufen, auch in Österreich und Italien sind die Sozialdemokraten in schwerer Not, während der Altlinke Jeremy Corbyn (wie Bernie Sanders in den USA) mit einem dezidiert linken Kurs die britische Labour Party beflügelt hat. Aber die SPD schwankt beim Kurs. Vieles hängt aber auch am Personal in Zeiten, wo traditionelle Parteien an Bindungskraft verlieren. Das zeigen die Aufstiege von Emmanuel Macron in Frankreich und Sebastian Kurz in Österreich, die jenseits ihrer Parteien alles auf ihre Person zugeschnitten haben.

Die SPD ist derzeit in weiten Teilen des Landes eine Volkspartei außer Dienst, diese spricht Wähler in allen Bevölkerungsschichten an und hat die Chance zur Mehrheitsfähigkeit. Es ist keine fünf Jahre her, da feierte man im Leipziger Gewandhaus den 150. Geburtstag der deutschen Sozialdemokratie. "Es war die SPD, die den mühsamen und schließlich mehrheitsfähigen Weg beschritt, das Leben der Menschen konkret Stück für Stück zu verbessern, statt utopische Fernziele zu proklamieren", sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck.

Und der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel formulierte als große Aufgabe der Zukunft, die aktueller denn je ist: "Die Globalisierung darf nicht Reichtum für wenige, sondern muss Gerechtigkeit für alle bedeuten." Die Traditionspartei SPD hat schon viele Stürme überstanden. Aber zuletzt schritten die Genossen alles andere als "Seit' an Seit", wie es in einem Lied der Arbeiterbewegung heißt, das stets am Schluss von SPD-Parteitagen ertönt. Auf Andrea Nahles wartet nichts anderes als eine existenzbedrohende Krise der SPD.  © dpa