Donald Trump gibt sich als "bester Freund" des US-Militärs. Kompromittierende Enthüllungen verweisen auf das Gegenteil: Er verachte Soldaten. Für Trump im Wahlkampf schon jetzt ein ernstes Problem.

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Donald Trumps Laune war so schlecht wie das Wetter. Kühl und stark bewölkt, mittags begann es zu regnen.

Am 10. November 2018 war das: Der US-Präsident befand sich in Paris, um an den Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren teilzunehmen. Seine üble Stimmung, von Augenzeugen verbrieft, hatte mehrere Gründe.

Die Republikaner hatten bei den US-Kongresswahlen gerade schwere Verluste erlitten, zudem fühlte Trump sich von den EU-Verbündeten mal wieder brüskiert - und Fernreisen sind ihm bekanntlich sowieso ein Gräuel.

Den letzten Termin, eine Kranzniederlegung auf dem Ehrenfriedhof Aisne-Marne nordöstlich von Paris, sagte Trump ab. Offizielle Begründung: Es habe zu sehr geregnet, um mit dem Hubschrauber zu fliegen. Das sorgte schon damals für Aufruhr - zumal Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere sich nicht vom Wetter schrecken ließen.

Jetzt sind aber neue, noch pikantere Details bekannt geworden. Trump habe es einfach nicht für "wichtig" gehalten, die 2.289 gefallenen US-Soldaten zu ehren, die in Aisne-Marne liegen, schreibt das Magazin "Atlantic" in einem explosiven Bericht.

"Warum soll ich zu diesem Friedhof?", habe er gesagt. "Der ist doch voller Verlierer." Zudem habe er Angst gehabt, der Regen würde ihm die Frisur zersausen.

Artikel über Trumps "Verachtung" für Soldaten löst politisches Beben aus

Dies ist nur eine von vielen krassen Episoden, die "Atlantic"-Chefredakteur Jeff Goldberg unter Berufung auf frühere Trump-Vertraute aufgezeichnet hat. Der Artikel, der Trump eine tiefe "Verachtung" für Soldaten vorhält, hat in den USA ein politisches Erdbeben ausgelöst und alle andere Wahlkampfthemen über Nacht verdrängt.

Denn es geht ums Militär - die verehrteste US-Institution, als deren "bester Freund" sich Trump geriert. Die Enthüllungen besagen das Gegenteil:

  • Trump habe die mehr als 1.800 US-Marineinfanteristen, die 1918 bei der Schlacht im Wald von Belleau gefallen waren, als "Trottel" bezeichnet - und das am 243. Geburtstag des Marine Corps, in dessen Annalen diese Schlacht bis heute schmerzt. "Wer waren in diesem Krieg die Guten?", habe Trump seine Mitarbeiter gefragt. Auch habe er nicht verstanden, weshalb die USA damals an der Seite der Alliierten gekämpft hätten.
  • Bei einem Besuch des US-Nationalfriedhofs Arlington im Mai 2017 habe Trump seinen damaligen Stabschef, General a.D. John Kelly, zu den toten Soldaten gefragt: "Ich kapier' das nicht. Was hatten die davon?" Er habe das gesagt, als sie am Grab von Kellys Sohn Robert gestanden hätten, der 2010 in Afghanistan gefallen war.
  • Der "Atlantic" präsentiert neue Details über Trumps Abneigung gegen den Senator und Vietnamkriegshelden John McCain. Nach dessen Tod habe er sich 2018 anfangs geweigert, die Flaggen auf Halbmast zu setzen: "Warum zum Teufel tun wir das?", habe Trump - der den Vietnamkrieg mit einem Attest vermieden hatte - geschimpft. "Der Typ war ein verdammter Verlierer."
  • Trump halte US-Soldaten generell für "Idioten", weil sie freiwillig dienten, ohne Aussicht auf Reichtum. "Er kann es sich einfach nicht vorstellen, etwas für andere zu tun", zitiert Goldberg einen Freund Kellys, der sich so über Trump geäußert haben soll. Über Ex-Generalstabschef Joe Dunford habe Trump gesagt: "Der Kerl ist doch schlau. Wieso ist er ins Militär eingetreten?"
  • Trump verstehe "wirklich nicht", weshalb Kriegsgefangene oder abgeschossene Piloten in den USA so respektiert würden. So habe er den Ex-Präsidenten George Bush, der 1944 als Kampfflieger über dem Pazifik abgeschossen worden war, als "Loser" verspottet.
  • Trumps "Verachtung" fürs US-Militär liege auch daran, dass er es als seine persönliche Truppe verstehe. Es frustriere ihn, dass sich die Soldaten der Nation verpflichtet sehen und nicht allein dem Präsidenten.
  • Trump sorge sich, eines Tages selbst als "Verlierer" zu enden. "Er hat viele Ängste", habe ein Offizier gesagt, der Trump gut kenne. Trump fürchte sich davor, "zu sterben oder entstellt zu werden", berichteten mehrere Beobachter. "Er sieht das Heldentum im Kampf nicht." Deshalb wolle er auch keine Amputierten in Militärparaden sehen.

Der "Atlantic" ist eines der ältesten, angesehensten US-Magazine. Doch wie viel der Bericht am Ende bewegen wird, ist fraglich: Die politischen Lager in den USA sind so festgefahren, dass sich kaum jemand mehr eines Besseren belehren lässt.

Trotzdem schlagen die Vorwürfe auch deshalb so ein, weil sie bereits vorhandene Zweifel an Trumps bekundeter Liebe zum Militär nähren. Der rühmt sich zwar, mehr für US-Soldaten getan zu haben als sonst jemand. Doch nicht nur die Fakten widerlegen das - sondern auch Trumps Taten.

"Abstoßend" und "verachtenswert": Bericht sorgt für Empörung

Die Brisanz der neuesten Enthüllungen - die in den Soldatenzeitungen "Military Times" und "Stars and Stripes" nachgedruckt wurden - zeigte sich sofort. Prominente fluteten Twitter mit Fotos von Kriegsveteranen und Gefallenen.

Die Veteranenvereinigung VoteVets verarbeitete den "Atlantic"-Artikel zu einem dramatischen Wahlspot für Trumps demokratischen Rivalen Joe Biden - "ein Präsident und Oberbefehlshaber, der des Titels würdig ist".

Eine besonders prägnante Breitseite kam vom Air-Force-Veteran Chesley "Sully" Sullenberger - dem Heldenpiloten, der 2009 die Notlandung einer Linienmaschine im Hudson River vor Manhattan geschafft hatte: Er sei "angewidert" von Trump, der "völlig untauglich" für das Präsidentenamt sei.

Biden - dessen Söhne gedient haben - verlor keine Zeit: "Wenn das, was im 'Atlantic' steht, wahr ist, ist es ekelhaft." Die Kongressabgeordnete Tammy Duckworth, die als US-Soldatin im Irak beide Beine verloren hatte, nannte die Vorwürfe "abstoßend" und "verachtenswert".

Ein spontaner YouTube-Spot des "Lincoln Projects", einer Gruppe aus Biden-nahen Republikanern, hatte allein auf Twitter mehr als eine Million Views: "Er ist eine Schande."

Es half zunächst wenig, dass Trump und das Weiße Haus den Bericht sofort und ungewöhnlich konzertiert dementierten. Trump sprach von "Fake News" - niemand habe mehr Respekt für die Truppen als er:

"Sie sind absolute Helden." Ein Dutzend Fürsprecher eilte an die PR-Front, um für Trumps Soldatenliebe zu bürgen, darunter Pentagon-Chef Esper, Außenminister Mike Pompeo, Stabschef Mark Meadows und Ex-Sprecherin Sarah Sanders, die in Paris dabei war. Sogar First Lady Melania Trump wurde eingespannt.

Sogar Fox-Journalistin bestätigt Gerüchte über Trump

Doch wie überzeugend sind die Dementis? Faktenchecker haben Trump seit 2017 mehr als 20.000 Unwahrheiten nachgewiesen. Auch die jetzigen Unschuldsbeteuerungen waren teils unehrlich.

So behauptete Trump, er habe McCain nie einen "Loser" genannt - obwohl diese Worte sogar im Video dokumentiert sind. Auch streitet er ab, sich nach McCains Tod geweigert zu haben, die Flaggen auf Halbmast zu setzen. Dem widersprach Miles Taylor, damals Stabschef im Heimatschutzministerium: "Der Präsident wollte es nicht", sagte er der "New York Times".

Hinzu kommt: Die "Atlantic"-Enthüllungen wurden seither von anderen US-Medien wie der "New York Times", der "Washington Post", CNN und der Nachrichtenagentur AP in groben Zügen bestätigt - und teils sogar noch ausgeweitet.

Beim konservativen Kabelkanal Fox News hat die Story dagegen eine Art Sinnkrise ausgelöst. Auch Jennifer Griffin, eine renommierte Reporterin des Senders, fand eigene Quellen für die meisten Vorwürfe.

Nach ihren Informationen sagte Trump den Besuch des Friedhofs bei Paris aus Wut über Macron ab. "Das war ein dämlicher Krieg", habe er außerdem über Vietnam gesagt. "Jeder, der da war, war ein Trottel."

Doch andere Moderatoren des langjährigen Trump-Haussenders nannten den "Atlantic"-Artikel einen "Schwindel" - ganz offensichtlich aus Sorge um die Quoten und die Wut Trumps. Der forderte Griffins Entlassung und erklärte Fox News für "erledigt".

John Kelly könnte Vorwürfe bestätigen - doch er will anscheinend nicht

Unterdessen schweigt der Mann, der vieles aufklären könnte - Ex-Stabschef Kelly. Der war bei den meisten besagten Ereignissen dabei und scheint eine der anonymen Quellen für den Artikel gewesen zu sein.

Der pensionierte Viersternegeneral und Ex-Marineinfanterist, der einen Monat nach dem Parisbesuch gefeuert wurde, will Trump nach Informationen mehrerer US-Medien nicht offen angreifen.

Kelly bestreitet die "Atlantic"-Recherchen aber auch nicht. Schon wächst der Druck auf ihn. "Beziehe Stellung und bestätige oder dementiere die Geschichte", forderte Ex-Admiral James Stavridis in der "Washington Post".

Am Samstag, nach eineinhalb Tagen wütender Dementis, schwieg Trump zu den Vorwürfen. Stattdessen verbrachte er fast sechs Stunden auf seinem Golfkurs vor den Toren von Washington. Das Wetter war prächtig.  © DER SPIEGEL

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