• In der Diskussion um steigende Corona-Inzidenzen und volle Intensivstationen kommt die Sprache nun wieder vermehrt auf Maßnahmen für Kinder und Jugendliche.
  • Ist das aber bei einem Drittel ungeimpfter Erwachsener verhältnismäßig?
  • Wir haben einen Experten befragt.

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Kinder mussten seit Beginn der Pandemie zum Schutz gefährdeter Erwachsener auf vieles verzichten. Abgesperrte Spielplätze, geschlossene Schulen, Kitas sowie Sportvereine und Kontaktbeschränkungen verhinderten einen altersgerechten Alltag.

Nun befürchten viele eine gefährliche Durchseuchung der Kinder. Auch die Hoffnung auf die Zulassung des Impfstoffes von Biontech/Pfizer für Kinder ab fünf Jahren ist groß.

Nur 0,3 Prozent der Intensivpatienten Kinder

Dabei zeigen die aktuellen Zahlen, dass Kinder- und Jugendliche keine große Gruppe an Erkrankten auf den Intensivstationen ausmachen. "Die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin meldete tagesaktuell am 4. November 2021 sieben Kinder mit COVID-19, die intensivmedizinisch behandelt werden, bei gleichzeitig 2.325 Erwachsenen", so Burkhard Rodeck von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Das heißt, es handelt sich bei bundesweit nur 0,3 Prozent der Corona-Patienten auf den Intensivstationen um Kinder.

Studien: Post-COVID bei Kindern und Jugendlichen wohl selten

"Die primäre Krankheitslast ist somit bei Kindern und Jugendlichen sehr gering", so Rodeck. Auch wird Long-COVID bei ihnen in der öffentlichen Diskussion immer wieder als Gefahr und unverantwortliches Risiko benannt. Als solches bezeichnet man eine Reihe von Symptomen, die bis zu drei Monaten nach der Corona-Infektion auftreten.

Sowohl bei Post- als auch bei Long-COVID dauern die Beschwerden länger als drei Monate nach der Infektion an. Konkrete Zahlen zur Häufigkeit von Long- und Post-COVID-19 bei Kindern sind bislang allerdings nicht ausreichend. "Es ist ausgesprochen schwierig, einen guten Überblick über die Inzidenz von Long-COVID oder Post-COVID bei Kindern und Jugendlichen zu bekommen", erklärt Rodeck.

Das liege daran, dass es viele verschiedene Symptome gibt, die sich unterschiedlich äußern. In ähnlicher Form gebe es zudem auch bei Kindern ohne vorherige Infektion mit SARS-CoV-2 ähnliche Symptome wie beispielsweise Schwäche und Antriebslosigkeit, die als "Long-Lockdown" auftreten.

"Die bisher vorliegenden Studien zeigen klar, dass Post-COVID-19 auch bei Kindern und Jugendlichen vorkommt mit teils auch deutlicher Beeinträchtigung. Insgesamt scheint es nach bisheriger Erkenntnis allerdings selten zu sein", so der Experte. Zum jetzigen Zeitpunkt wisse man aber nicht, wie häufig es tatsächlich ist. Die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie hat ein Melderegister aufgebaut, um zukünftig eben diese Frage beantworten zu können.

Erwachsene stecken Kinder häufiger mit Corona an als umgekehrt

Wichtig zu wissen ist auch, dass Kinder zwar am Infektionsgeschehen teilnehmen, es aber nicht antreiben und weniger ansteckend sind. "Grundsätzlich können Kinder für Erwachsene infektiös sein", sagt Rodeck. "Die Transmission von Kindern auf Erwachsene liegt aber deutlich niedriger als umgekehrt. Die meisten 'Ausbrüche' in Bildungseinrichtungen waren Folge eines Eintrags der Infektion durch Erwachsene."

Folgen des Lockdowns für Kinder ungleich höher als ihr COVID-19-Risiko

Kinder wurden also bislang während der Pandemie stark eingeschränkt, ohne aber selber ein hohes Erkrankungsrisiko für schwere Verläufe zu haben oder besonders stark ansteckend zu sein. Dabei sind gerade für sie die Folgen massiv: "Die Folgen des Lockdowns mit Verweigerung von sozialer und kultureller Teilhabe, von sportlicher Betätigung sowie erschwertem Bildungszugang und Überbeanspruchung familiärer Ressourcen ist ungleich höher", betont Rodeck.

Wie stark sie Kinder belastet haben, wird jetzt immer deutlicher: Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Spielsucht sind so stark angestiegen, dass es viel zu wenige Therapeuten gibt, um sie zu behandeln. Auch Über- und Untergewicht, Essstörungen und Diabetes treten deutlich häufiger auf, wie die Krankenkasse DAK informiert. Zudem sind Lernlücken und Schwierigkeiten bei der sozialen Integration entstanden, die nur sehr schwer aufzuholen sind. Besonders betroffen von all dem sind Kinder aus sozial schwachen Familien.

"Schule am besten kontrollierter Arbeitsplatz der Republik"

Nach der Abschaffung der Maskenpflicht für Schüler am Platz in einigen Bundesländern schlagen Lehrerverbände Alarm, das Virus würde sich an Schulen massiv und unkontrolliert ausbreiten. Da mittlerweile aber nur noch in diesen verbindlich getestet wird, ist nicht verwunderlich, dass dort auch die meisten Infektionen festgestellt werden.

Die Schulen betrachtet Rodeck als sicher im Vergleich zu vielen Arbeitsplätzen von Erwachsenen: "Die Schule ist der am besten kontrollierte 'Arbeitsplatz' unserer Republik. Die Lockdown-Maßnahmen wurden dort sehr viel konsequenter umgesetzt als im allgemeinen beruflichen Umfeld, obwohl die betroffene Altersgruppe ganz anders als Erwachsene durch eine Infektion kaum bedroht war", betont der Kinder- und Jugendmediziner. Auch das Aussetzen der Maskenpflicht am Sitzplatz von Schülern ist demnach nachvollziehbar.

Dies bedeutet auch nicht, dass es kein Hygienekonzept oder keine Maßnahmen an Schulen mehr gibt. Nach wie vor sind alle Schüler angehalten die AHA-Regeln einzuhalten und Lerngruppen werden getrennt. Zudem wird in den Schulen im Gegensatz zu den Arbeitsplätzen von Erwachsenen regelmäßig getestet. An den Grundschulen in Nordrhein-Westfalen beispielsweise zweimal pro Woche mit Lolli-Tests, bei denen es sich um PCR-Tests handelt. So werden Infektionsketten schnell erkannt und unterbrochen. Auch wird an Schulen stark und teilweise trotz Kälte dauerhaft gelüftet. Das Thema fehlende Luftfilter ist dabei nach wie vor ein Ärgernis von Schülern, Lehrern, Eltern und Schulleitungen.

Leitlinie für Verhältnismäßigkeit von Masken im Unterricht

Deshalb ist die Diskussion um die Maskenpflicht an Schulen nicht ganz verständlich. "Masken sind keine Komfortartikel", so Rodeck. Das Tragen sei unangenehm und beeinträchtige die Kommunikation. Das gilt insbesondere für Schulanfänger, die beim Lesen- und Schreibenlernen auch auf die Mimik ihrer Lehrer und Mitschüler angewiesen sind. Auf der anderen Seite können Masken die Ausbreitung von Viren reduzieren.

"Insoweit sollte eine Maskenpflicht in der Schule nur im Rahmen eines gut abgestimmten Gesamtkonzeptes in Abhängigkeit von regionalen Infektionszahlen erwogen werden", so Rodeck. Ein solches liegt in Form der von führenden Fachverbänden herausgegebenen S3-Leitlinie 'Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen' vor. "Sie sollte von den Schulträgern befolgt werden. Die Verhältnismäßigkeit des Maskentragens soll somit nicht pauschal bewerten werden, es kommt auf die lokale Situation an", sagt der Facharzt.

Als Konsequenz von nur zwei Dritteln geimpfter Erwachsener und voller Intensivstationen an Schulschließungen zu denken, wäre falsch und für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fatal. Die Erkenntnis, dass die Folgen der Lockdown-Maßnahmen für Kinder- und Jugendliche größer waren als das Risiko einer Infektion mit SARS-CoV-2 sei mittlerweile auch in der Politik angekommen, so Rodeck. "Insoweit ist zu hoffen, dass sie sich auch bei höheren Inzidenzzahlen an dieser Erkenntnis orientiert."

Impfung: Keinen Druck auf Kinder, sondern auf ungeimpfte Erwachsene ausüben

Generell ist das Warten auf die Zulassung der Vakzins Comirnaty von Biontech/Pfizer für Kinder ab fünf Jahren in Europa legitim. Sollte sie aber da sein, wird es dauern, bis die Stiko (Ständige Impfkommission) eine allgemeine Empfehlung für alle Kinder ausspricht. Risiko und Nutzen müssen dann anhand der Studienlange gründlich abgewogen werden. "Keinesfalls darf Druck auf die Kinder und ihre Familien ausgebaut werden, sich impfen zu lassen, bevor diese Beurteilung vorliegt", betont der Experte.

Dann wäre seiner Meinung nach offensichtlich, dass die treibende Kraft dahinter nicht der Eigennutz der Impflinge wäre, sondern die Senkung der Inzident von COVID-Infektionen bei Erwachsenen. "Eine solche Begründung ist ethisch nicht vertretbar. Es bleibt die klare Forderung der Kinder- und Jugendmedizin nach möglichst kompletter Durchimpfung der Erwachsenen. Damit schaffen wir einen Schutz-Kokon für Kinder, für die noch keine Impfzulassung- bzw. -empfehlung vorliegt."

Letztlich ist eines klar: Die Kinder sind unser aller Zukunft. Ihnen die Teilhabe an Bildung und sozialer Interaktion zu verwehren, war ein großer Fehler, der sich nicht wiederholen darf. Die Folgen von Schulschließungen sind enorm und schaden letztlich der gesamten Gesellschaft. Kinder sollten nicht dafür leiden und eingeschränkt werden, dass ein zu großer Teil der Erwachsenen sich bislang nicht hat impfen lassen oder sich nicht impfen lassen will. Diesen Teil der Bevölkerung gilt es nun umzustimmen.

Verwendete Quellen:

  • Antworten von Dr. Burkhard Rodeck
  • Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: Belastungen von Kinder, Jugendlichen und Eltern in der Corona-Pandemie.
  • Deutsche Angestellten Krankenkasse
  • Pressemitteilung Deutscher Lehrerverband
  • S3-Leitlinie Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen | Lebende Leitlinie
  • Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: Gemeinsame Stellungnahme zum Tragen von Masken an Schulen
Über den Experten: Privat-Dozent Dr. med. Burkhard Rodeck ist der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V.. Außerdem ist er Leiter der Kindergastroenterologie am Christlichen Kinderhospital Osnabrück / Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin.
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