Die Zahl der Zwillingsgeburten in Deutschland steigt stetig. Doch nicht allein die Methoden der künstlichen Befruchtung sind dafür verantwortlich. Welche Faktoren eine Rolle spielen - und warum diese Entwicklung auch Gefahren birgt.

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Für immer mehr Paare erfüllt sich der Wunsch nach einem Baby auf einen Schlag gleich doppelt. Fast jeder kennt jemanden, der in den letzten Jahren Zwillinge bekommen hat - oft in nicht mehr ganz jungen Jahren.

Prominente sind da keine Ausnahme. Wenn etwa Amal Clooney die frohe Botschaft einer Zwillingsgeburt vermeldet oder die ebenfalls nicht mehr blutjunge Beyoncé sich über Doppel-Nachwuchs freut, denken viele schnell an Reproduktionsmedizin. Doch so einfach ist es nicht.

Ältere Frauen bekommen eher Zwillinge - ganz natürlich

Frauen werden heutzutage immer später zum ersten Mal Mama, viele beginnen erst jenseits der 30 mit der Familienplanung. Das hat Einfluss auf den Zwillingstrend - aber anders, als man denkt. Denn: Je älter die Frau, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch auf natürlichem Weg Mutter von Mehrlingen wird.

Das klingt auf den ersten Blick paradox, sinkt doch die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden mit steigendem Lebensalter der Frau stetig, ab Ende 30 sogar rapide. Klappt es jedoch auf natürlichem Wege mit dem Schwangerwerden, ist die Chance, Zwillinge zu bekommen, für ältere Frauen größer als für jüngere.

Das ist inzwischen wissenschaftlich belegt. "Die Hormonregulation ändert sich mit dem Alter", sagt Professor Ludwig Kiesel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Münster.

Die Eierstockfunktion nehme mit dem Alter ab, mit 35 Jahren erlebten Frauen einen deutlichen Einschnitt, mit 38 bis 40 Jahren dann einen zweiten, noch deutlicheren. "Die Eierstöcke funktionieren nicht mehr so gut, das will der Körper aber nicht wahrhaben. Das Gehirn steuert dagegen und powert", erklärt Professor Kiesel das Phänomen.

Der Körper produziert dann mehr Hormone für die Eizellreifung, es kommt häufiger zu doppelten Eisprüngen und potenziell zu doppeltem Babyglück.

Dr. Kathrin Pohlig, Fachärztin in der Reproduktionsmedizin München, bestätigt das: "Der Körper versucht bei älteren Frauen vermehrt gegenzuregulieren. Er muss mehr tun und dreht das FSH (das sogenannte Follikel-stimulierende Hormon; Anm. d. Red.) nach oben."

Zwei oder gar drei Eizellen reifen dann häufiger heran. Und wenn viele günstige Faktoren sich zusammenfügen, kommen neun Monate später Mehrlinge zur Welt.

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Durch höheres FSH gibt es mehr Mehrlingsschwangerschaften

Das FSH spielt aber auch in der Kinderwunschbehandlung eine entscheidende Rolle. Dazu gehört neben der klassischen künstlichen Befruchtung in Kinderwunschzentren auch die Hormonbehandlung in gynäkologischen Praxen niedergelassener Frauenärzte.

Mit Spritzen oder Tabletten erhöht man den FSH-Spiegel der Patientinnen und stimuliert die Eizellreifung, vor allem bei Frauen, bei denen von alleine keine Eizellreifung stattfindet.

Dr. Pohlig gibt allerdings zu bedenken: "Oft reifen durch diese Hormonbehandlung zu viele Eizellen heran, das muss man im Ultraschall kontrollieren und gegebenenfalls abbrechen." In Absprache mit den Paaren sollte dann auf ungeschützten Geschlechtsverkehr in diesem Zyklus verzichtet werden, um ungewollte Mehrlingsschwangerschaften zu verhindern.

Wie viele Zwillingsgeburten tatsächlich auf Hormonbehandlungen in den Praxen zurückzuführen sind, lässt sich nicht genau bestimmen. "Dazu gibt es keine genauen Daten. Die Dunkelziffer ist hoch. Fest steht, dass Hormontherapien die Wahrscheinlichkeit für eine Mehrlingsschwangerschaft deutlich erhöhen", sagt Professor Kiesel.

Künstliche Befruchtung als Zwillingsbooster

Die Zahl der Kinder, die in Deutschland mithilfe künstlicher Befruchtung geboren werden, steigt derweil: Über eine Viertelmillion Kinder sind inzwischen in Deutschland so entstanden.

Da gibt es zum einen die Methode der IVF (In-vitro-Fertilisation), bei der Eizellen und Sperma im Reagenzglas zusammengebracht werden. Zum anderen wird bei der ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion) eine einzelne Samenzelle mit einer feinen Nadel direkt in die Eizelle eingeführt. In beiden Fällen werden vorab die Eizellen der Frauen entnommen.

Die Wahrscheinlichkeit, nach einer erfolgreichen künstlichen Befruchtung Zwillinge zu bekommen, liegt bei etwa 20 Prozent. Auch das Alter der Frau spielt hierbei eine Rolle. Der Grund: Bei der künstlichen Befruchtung werden häufig mehrere befruchtete Eizellen gleichzeitig eingesetzt. In Deutschland ist es erlaubt, bis zu drei Embryonen in die Gebärmutter der Frau zu übertragen - mit entsprechendem Risiko für eine Mehrlingsschwangerschaft.

Warum pflanzen Reproduktionsmediziner dann nicht einfach nur eine Eizelle pro Transfer ein? "Viele Patientinnen haben einen extremen Leidensdruck, sie greifen nach jedem Strohhalm, um endlich schwanger zu werden", sagt Dr. Pohlig. Reproduktionsmediziner hätten das Ziel, nur eine Eizelle zu transferieren, aber das erfordere viel Überzeugungsarbeit bei den Paaren.

Der doppelte Kindersegen birgt allerdings Gefahren für Mutter und Kinder: Zwillingsschwangerschaften sind viel risikoreicher als Einlingsschwangerschaften. "Das Hauptrisiko sind Frühgeburten, sie bringen oft Komplikationen mit sich", warnt die Ärztin.

Insgesamt erhöhe sich jedes Schwangerschaftsrisiko, wenn Zwillinge unterwegs sind, also auch Bluthochdruck, Schwangerschaftsvergiftung und Diabetes.

Weg zum Wunschkind kann teuer werden

Um das Risiko für Mutter und Kind zu reduzieren, wollen gerade auch Reproduktionsmediziner den Trend zu Mehrlingsschwangerschaften stoppen. Sie plädieren für den sogenannten Single-Embryo-Transfer (also dafür, dass nur ein Embryo übertragen wird). Denn die Chancen, schwanger zu werden, seien dadurch nicht viel geringer.

In Skandinavien und den Niederlanden hat sich der Single-Embryo-Transfer bereits durchgesetzt, auch weil dort Präimplantationsdiagnostik öfter durchgeführt wird. Doch die ist ethisch umstritten und wird in Deutschland heftig diskutiert.

Es sind auch die nicht unerheblichen Kosten, die dafür sorgen, dass viele Paare eine Mehrlingsschwangerschaft in Kauf nehmen. In Deutschland zahlen die gesetzlichen Krankenkassen drei Versuche der künstlichen Befruchtung, dabei müssen die Paare die Hälfte der Kosten aus eigener Tasche finanzieren. "Und das gilt auch nur für verheiratetet Paare und wenn die Frau unter 40 Jahre und der Mann unter 50 Jahre alt ist", gibt Dr. Pohlig zu bedenken.

Der Weg zum Wunschkind kann also teuer werden. Doch wer denkt schon ans Geld, wenn einen die strahlenden Augen frischgebackener Millionärsmamis wie Amal Clooney oder Beyoncé aus den Illustrierten anblicken?

"Das ist ein Riesenproblem", warnt Professor Kiesel. "Diese späten Schwangerschaften Prominenter suggerieren nämlich, dass es egal sei, in welchem Alter Frauen ihren Kinderwunsch umsetzen. Aber dem ist nicht so."

Auch die Medizin könne nur bedingt ausgleichen. Vorbilder aus Hollywood würden Frauen dazu verleiten, zu glauben, der richtige Zeitpunkt für ein Kind lasse sich nahezu endlos ausdehnen.

Die trügerischen Signale der Promi-Frauen

Aber: "Die Natur kann nicht komplett außer Kraft gesetzt werden, auch nicht von der Reproduktionsmedizin!" Auch die Chance, durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden und es vor allem auch zu bleiben, nehme mit der Zeit deutlich ab.

Trotzdem verschiebt sich das Alter von Paaren, die eine IVF-Behandlung machen lassen, immer weiter nach hinten. Im Jahr 1997 waren Frauen bei dieser Behandlung im Durchschnitt 32,6 Jahre alt, die Männer 35,2 Jahre. Zwanzig Jahre später liegt das Durchschnittsalter der Frau bei 35,7 Jahren, das des Mannes gar bei 38,8.

Die prominenten Ü40-Schwangeren setzen sowohl Frauen als auch Mediziner unter enormen Druck, dass es klappen muss mit dem Wunschkind. Viele Promi-Frauen verdanken ihre Schwangerschaft jedoch Methoden wie Eizellspende und Leihmutterschaft - die In Deutschland verboten sind. "Frauen, die mit über 42 Jahren Zwillinge bekommen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit eine künstliche Befruchtung hinter sich, wahrscheinlich sogar eine Eizellspende", sagt Dr. Pohlig.

Bei den über 45-jährigen Promis sei es fast sicher, dass eine Eizellspende zum Babyglück verholfen hat. Das mache es den Medizinern sehr schwer, weil sie oftmals auf eine unrealistische Erwartungshaltung der Paare treffen.

Geht es nach Professor Kiesel, solle man sich besser frühzeitig klarmachen: "Auch wenn man sich fit und gesund fühlt und vom Lebensgefühl zehn Jahre jünger ist, als es im Pass steht - das bedeutet eben nicht immer, dass auch der Eierstock fit ist."

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Professor Ludwig Kiesel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Münster
  • Interview mit Dr. Kathrin Pohlig, Fachärztin in der Reproduktionsmedizin München
  • DIR, Deutsches IVF-Register (Jahrgang 2016)
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