Es gibt Kritik an den Koalitionsplänen zur Cannabis-Legalisierung. Ein Suchtforscher spricht sich in einem Interview dafür aus, Drogensüchtige nicht in die Illegalität zu treiben. Auch im Umgang mit anderen Drogen sieht er Verbesserungspotenzial.

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Am Mittwoch hat das Bundeskabinett die Eckpunkte zur Legalisierung von Cannabis beschlossen. Die Droge darf demnach bald in Fachgeschäften verkauft werden, möglicherweise auch in Apotheken. Zudem soll ein Erwerb und Besitz von 20 bis 30 Gramm erlaubt werden. Zu dem Entschluss haben sich verschiedenste Stellen geäußert. Apotheken warnten vor der Legalisierung, die Gewerkschaft der Polizei forderte eindeutige Regeln.

Der Spiegel hat zu dem Thema mit einem Suchtforscher gesprochen. Dieser schätzt die Lage anders ein – und warnt stattdessen vor einer "wirklich gefährlichen Droge", die populärer werden könnte.

Cannabislegalisierung: Suchtforscher kritisiert "Drogenpolitikprobleme"

Suchtforscher Heino Stöver scheint die Pläne zur Cannabislegalisierung zu begrüßen. Die Zunahme an Cannabiskonsum in den letzten Jahren belege, dass die bisherige Verbotspolitik nicht funktioniert. "[S]ie hilft weder Suchtgefährdeten noch Jugendlichen, sie schwächt auch den Schwarzmarkt nicht", mahnt der Forscher gegenüber Spiegel. Wer Drogensucht bekämpfen will, müsse den Betroffenen mit medizinischen und therapeutischen Mitteln helfen, anstatt sie in die Illegalität zu treiben.

Der Experte sieht kein Risiko dafür, dass die Cannabisfreigabe dazu führen könnte, dass auch andere Drogen legalisiert würden. Tatsächlich fragt er im Interview: "[W]as wäre so falsch an einer Dekriminalisierung aller Drogen? Die größten psychischen und körperlichen Schäden entstehen schließlich nicht durch die verbotenen Substanzen selbst, sondern durch die Kriminalisierung."

Stöver geht auf Infektionen durch verschmutzte Nadeln ein, Prostitution auf dem Drogenstrich, das Spritzen verunreinigter Substanzen und das Anhäufen eines vollen Vorstrafenregisters. Wenn dies geschehe, dann leiden Betroffene dem Suchtforscher zufolge nicht an Drogenproblemen – "sondern an Drogenpolitikproblemen". Der Experte verweist auch darauf, dass die Entkriminalisierung in Portugal Inhaftierungszahlen erheblich gesenkt habe und fordert mehr Aufklärung.

"Zigaretten sind gefährlicher als Joints"

Die bisherige Drogenpolitik habe also ihre Nachteile, betont Suchtforscher Heino Stöver. Die Legalisierung von Cannabis könne eine Chance sein. Doch eine Befürchtung treibt den Experten mit Blick auf die Legalisierung trotzdem um: "Ich mache mir Sorgen, dass mit dem legalen Erwerb von Cannabis eine wirklich gefährliche Droge wieder populärer wird", so Stöver. Er spricht von: Tabak.

Stöver zufolge sterben jährlich über 127.000 Menschen an den Folgen von Tabakkonsum. Das entspricht der Einwohnerzahl einer ganzen Stadt wie Ulm, Würzburg oder Göttingen. Obwohl der Tabakkonsum in den letzten Jahren zurückging, befürchtet der Experte, dass Jugendliche durch die Cannabis-Legalisierung mehr Joints mit herkömmlichem Tabak drehen.

"Zigaretten sind gefährlicher als Joints", erklärt der Experte und spricht sich für "weniger schädliche Konsumformen" für Cannabis aus. Zu diesen zählen zum Beispiel Vaporizer, welche den Cannabiswirkstoff THC verdampfen, ohne dabei Rauch zu produzieren. "Wir dürfen die Fortschritte bei der Cannabislegalisierung nicht zunichtemachen durch ein erneutes Ansteigen beim Tabakkonsum", mahnt Stöver.

Harte Drogen können gravierende Folgen haben

Grundsätzlich kann der Konsum harter Drogen gravierende gesundheitliche Folgen haben. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) warnt zum Beispiel vor Schäden im Gehirn, die durch den häufigen Konsum von Ecstasy entstehen können. Kokain entzieht dem Körper Energie, was unter anderem zu Krampfanfällen, Bewusstseinsstörungen, Aggressivität, Wahnvorstellungen und Herzinfarkten führen kann.

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Auch Cannabiskonsum ist laut BZgA nicht unbedenklich. Bei Jugendlichen kann der Cannabiskonsum zum Beispiel die Entwicklung des Gehirns beeinflussen.

Solltest du Hilfe benötigen, steht dir unter anderem die "Sucht & Drogen Hotline" der Bundesregierung zur Verfügung. Alle Informationen findest du hier.

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